Überfahrt zurück nach Vancouver

Um 11 Uhr brechen wir auf zur Rückfahrt quer über die Insel bis nach Nanaimo, wo wir heute noch eine Fähre hinüber nach Vancouver nehmen wollen. Der Tag ist eigentlich viel zu schade, um ihn im Auto zu verbringen, aber uns treibt es weiter. Die Fahrt zieht sich ziemlich ereignislos in die Länge. Auffällig ist nur, wieviele Motorradfahrer uns entgegenkommen. Ob heute ein Bikertreffen am Long Beach stattfindet?

In Port Alberni tanken wir noch einmal auf, ehe wir um 14 Uhr in Nanaimo vor der Fähre stehen.

Eigentlich wollten wir ja noch zu einem Burger King gefahren sein, aber komischerweise haben wir dieses mal keinen einzigen gesehen. Da wir aber eh‘ eineinhalb Stunden warten müssen, bis wir auf eine freie Fähre kommen, schmieren wir uns wieder mal ein paar Sandwiches. Ich nutze die Zeit auch, um einige weitere Seiten in einem von Jasmins Büchern zu lesen: „Das Druidentor“ von Fantasy-Altmeister Wolfgang Hohlbein habe ich vor kurzem begonnen.

Nanaimo HafenSchließlich geht es weiter und wir fahren in das hungrig geöffnete Maul der Fähre, die um 16 Uhr ablegt. Das offensichtlich schon etwas ältere und hinreichend mitgenommen wirkende Schiff ist nicht mehr im allerbesten Zustand. Das Deck sieht richtig zerschlissen aus, an vielen Stellen wie von Wurzelwerk eingerissen. Während der Fahrt lenkt mich meine Lektüre von Überlegungen über eine mögliche Schiffskatastrophe ab. Wir sitzen auf Deck, genießen die Sonnenstrahlen und müssen mit anhören, wie ein junges Paar auf afrikanischen Trommeln herumklopft.

Bald ist am Horizont ein hoher Berg mit hellem Gipfel zu sehen – der Mt. Olympic. Wow, welch tolle Sicht herrscht heute; dieser Berg befindet sich im Olympic National Park in den USA! Dann erscheint auch schon die imposante Skyline von Vancouver, aber wir fahren weit daran vorbei. Die Anlegestelle liegt nämlich nördlich der Stadt an der Horseshoe Bay.

Lion's Gate BridgeUm 17 Uhr 35 legen wir an. Wir stehen ganz vorne in der Reihe und denken, dass wir jetzt schnell rauskommen, doch zuerst werden alle Pkws hinausgelassen. Dann aber sind wir dran, und wir fahren inmitten dichten Verkehrs auf dem Highway Richtung Lion’s Gate Bridge. Wir haben uns den Capilano R.V. Park ausgesucht, wo wir unser rollendes Heim für die restlichen Tage unterbringen wollen. Dieser private Campground liegt irgendwo unterhalb des nördlichen Endes der Brücke, und wir suchen uns entsprechend den Weg. Vor einer Ampel herrscht Stau auf dem Linksabbiegerstreifen, und nach einem und dann noch einem Blick auf den Stadtplan entscheiden wir uns, doch geradeaus zu fahren. Wir überqueren eine betonierte Brücke, und siehe da, links an der Straße überrascht uns ein Schild mit der Aufschrift „Capilano R.V. Park“.

Auch hier nehmen sie stolze Preise für eine Übernachtung; 32 Dollar kostet’s uns pro Nacht. Wir machen uns Abendessen, und anschließend treibt es mich noch einmal hinaus. Ich muß mir einen ersten Eindruck von der Stadt machen und nutze die Möglichkeit, über eine Treppe auf die Lion’s Gate Bridge hinaufzusteigen.

Hier herrscht noch reger Verkehr. Die Brücke ist dreispurig befahrbar; die mittlere Spur wird durch Lichtzeichen abwechselnd für die eine oder die andere Richtung freigegeben. Ich laufe auf dem schmalen Bürgersteig dicht neben dem schnell dahinfließenden Verkehr hinüber auf die andere Seite; kein Gitter trennt den Weg von der Fahrbahn. Hinter mir blinkt North Vancouver als ein wahres Lichtermeer an den Hängen des Grouse Mountain, und vor mir, auf der gegenüberliegenden Seite des Burrard Inlet, zeigt die Skyline der Downtown Farbe. Die Brücke senkt sich in den Stanley Park nieder, dessen üppige Waldfläche rabenschwarz da liegt. Sie macht keinen besonders sicheren Eindruck auf mich, sondern erscheint baufällig, mit vielen Rissen im Asphalt. Zum Teil sind sogar Stahlgitter unter der Betondecke des Gehsteigs sichtbar.

Totempfähle Stanley ParkUnter mir tuckert ein Kutter, ein Floß aus Baumstämmen hinter sich herziehend, dicht am Prospect Point, einem der Aussichtspunkte des Stanley Parks, vorbei.

Mit den eingelegten Staun-Pausen benötige ich etwa zwanzig Minuten, bis ich am anderen Ende der Brücke durch eine Unterführung auf die andere Straßenseite gelange. Hier lese ich auf einer Tafel, dass die beiden Löwendenkmäler, die hier das Tor zur Brücke bilden (daher wohl auch der Name), 1939 errichtet wurden, nachdem King George VI und Queen Elizabeth während eines Besuches die Brücke überquert hatten.

Während meines Rückweges auf der anderen Straßenseite werfe ich noch einen Blick zurück auf die nächtliche Innenstadt Vancouvers, über der ein orangefarbenes Licht liegt. Sterne sind so gut wie überhaupt nicht zu sehen, obwohl den ganzen Tag keine einzige Wolke am Himmel stand. Dann beeile ich mich jedoch, zum Campground zurückzukehren, damit sich Jasmin keine unnötigen Sorgen macht…

Kajaktour um die Harbour Islands

Wohl oder übel müssen wir heute früh raus, denn um 9 Uhr beginnt unsere Sea Kayaking Tour. Ohne solch einen selbstauferlegten Druck würden wir wohl auch nicht so früh aus den Federn (bzw. aus den Säcken!) kommen. Um halb sieben schon stehe ich als erster auf, und um 10 vor neun erreichen wir die kleine Bücherei am Hafen, von der aus es losgeht. Es ist herrlich warm, aber in unseren kurzen Hosen und Sandalen bieten wir so früh am Morgen doch wohl einen etwas exzentrischen Anblick.

Direkt hinter dem Haus geht es zum Strand hinunter, und Jorge, ein braungebrannter, sportlich wirkender Spanier, weist uns ein. Jorge lebt nun seit 9 Jahren hier und fährt seit zwei Jahren regelmäßig Kayak. Heute hat er eine Gruppe von sechs Leuten zu betreuen: Zwei Alleinreisende kommen aus Vancouver und machen hier einen Kurzurlaub; dann ist da noch ein amerikanisches Pärchen, und natürlich Jasmin und ich.

Jorge verteilt die Ausrüstung und reicht uns niedliche Westen, die wir wie Röckchen um die Taille binden. Sie werden hinterher an dem Rand der Einstiegsöffnung befestigt, damit kein Wasser in das Boot eindringen kann. Danach schlüpfen wir in die Schwimmwesten. Jasmin und ich entscheiden uns für einen Zweier-Kayak, da er stabiler ist und für Anfänger besser geeignet. Hinten sitzt der Steuermann und vorne derjenige, der die Pes macht. Da ich auch das Wohnmobil fahre, lasse ich mich breitschlagen und werde steuern.

Wir tragen die Boote hinunter in das kalte Wasser; bis zu den Waden müssen wir hinein, damit die Boote nicht auf dem flachen Grund hängen bleiben. Brrr, wirklich eisig das Wasser, und das Seegras, das die Beine umschmeichelt, sorgt für ein weiteres merkwürdiges Gefühl. Das Einsteigen gestaltet sich als gar nicht so einfach. Man stellt sich am besten breitbeinig über das Boot, läßt sich dann langsam rückwärts hinunter und zieht anschließend die Beine hinein. Das klappt bei den Einern, aber die Zweier sind breiter. Hier muß man vorsichtig mit dem linken Fuß in die Öffnung schlüpfen, sich hinab sinken lassen und dann den rechten nachziehen. Mühsam klemme ich meine Füße auf die Pedale, die über einen Draht das Heckruder steuern. Ich muß nur mit dem rechten Fuß drücken, und wir fahren nach rechts, und umgekehrt. So einfach ist das. Jorge gibt uns noch einen Tip, wie wir mit Drehbewegungen aus der Hüfte heraus effektiver paddeln können, dann geht es endlich los.

Harbour IslandsZunächst hängen wir doch noch auf dem Strand fest, und ich muß uns etwas mit den Händen abdrücken, bis wir tieferes Wasser erreichen. Aber dann paddelt unsere Gruppe aus fünf Booten – drei Einer und zwei Zweier – durch das ruhige Hafenwasser. Jasmin und ich haben noch einige Probleme, unser Rudern aufeinander abzustimmen; wir legen unterschiedliches Tempo ein, so dass sich unsere Paddel hin und wieder gegenseitig in die Quere kommen und kollidieren. Aber eigentlich geht es schon erstaunlich gut. Ruhig gleiten wir durch das Hafenbecken und fühlen uns dem Wasser ganz nah. Man kann bis auf den Grund schauen; es ist wunderbar klar hier und nicht besonders tief. Wir erkennen Seegras und sehr viele, zum Teil riesige Seesterne, aber kaum Fische.

Wir wollen etwas durch die Harbour Islands kreuzen und gelangen an eine kleine Insel, deren steinige Küste total mit Seesternen übersät ist. Wir halten auf dem Wasser, wobei die Boote stets aufeinander zutreiben. Ich paddele rückwärts, um wieder etwas Abstand zu gewinnen, komme dabei aber dem anderen Zweier hinter uns zu nahe. Bevor ich merke, dass ich zum Stoppen in die Gegenrichtung rudern muß, stoßen wir auch schon leicht zusammen. So kann man auch anhalten! Zum Glück ist alles nicht so tragisch, und passiert ist auch nichts.

Jorge zieht einen der kinderarmdicken grünen Seetangfäden, die hier herumtreiben, aus dem Wasser, beißt herzhaft davon ab und erklärt uns, dass das Zeug sehr nahrhaft ist und wie Salat schmeckt. Wir verziehen aber nur den Mund; keiner von uns will es ihm nachmachen.

Wir umfahren die Insel, bewundern dabei den schönen Sandstrand, der sich vor uns öffnet. Mit dem Mond, der noch im Norden am Himmel steht, bietet sich ein wunderschönes Bild. Kein Wölkchen am Himmel, angenehme Temperaturen – so läßt es sich aushalten. Es ist sehr angenehm zu fahren, und die Sache macht gewaltig Spaß. Vor allem geht es nicht so in die Schultern wie das Kanufahren; aber wahrscheinlich braucht man dafür auch nur die richtige Technik. Technik ist ja bekanntlich alles.

Die Zeit geht schnell um, und schon befinden wir uns auf der Zielgeraden. Jorge treibt uns zu einem kleinen Schlußspurt an; wahrscheinlich hat er Hunger. Um 12 Uhr rutschen wir auf den flachen Strand hinter der Hütte, verlassen die Boote, die wir noch kurz auswischen und wieder verstauen. Ja, das war wirklich eine wunderbare Sache! Besser als Kanufahren. Werden wir uns auf jeden Fall für spätere Aktivitäten merken!

Im Wohnmobil, dass wir in einer Seitenstraße geparkt haben, waschen wir uns erst einmal die dreckigen Füße und werfen anschließend zur Wiederaufladung unserer Akkus einige Sandwiches ein. Den Rest des Tages werden wir ruhig angehen lassen. Wir beschließen, zum Campground zurückzufahren und dann hinunter zum Strand zu gehen und dort etwas zu relaxen. Haben wir uns ja schließlich auch verdient, gell?!

Dort angekommen, schnappen wir unsere Strandmatten und breiten uns an einem der unzähligen Baumstämme aus, die über den sehr sauberen Sandstrand bis an die Baumgrenze herangespült wurden. Mich hält es aber nicht lange, ich muß mich erst einmal etwas umschauen und auf die Felsen klettern, an denen sich das Meerwasser bricht, bevor ich zur Ruhe kommen kann.

Das Wasser ist kalt, aber beim Durchwaten gewöhnt man sich schnell daran. Es ist fast wie bei einer Kneipp-Kur. Ich beobachte die zahlreichen Mini-Kayaks, die hier auf den Wellen hin und her hüpfen und immer wieder zurück an den Strand gespült werden. Das scheint hier beliebter zu sein als Surfen, denn es wimmelt geradezu von diesen kleinen Booten, die nur etwa zwei Meter lang sind. Sie haben eine etwas andere Form als die Einer-Kayaks von heute morgen und scheinen Spezialanfertigungen für diese Art von Wellenreiten zu sein. Die Leute haben ihren Spaß dabei. Vielleicht probieren wir das ja auch irgendwann noch einmal aus!?

Es ist faszinierend, das Spiel der Wellen zu beobachten; wie sie auf dem brettharten Sand auslaufen und als Tausende von Mini-Wellen wieder zurück in den Ozean fließen. Man kann wunderbar barfuß auf dem Sand und im seichten Wasser spazieren gehen; keinerlei Steine oder dergleichen gefährden die Fußsohlen. Lediglich vereinzelt werden Muscheln von dem heranbrausenden Naß für einen kurzen Moment freigespült, bis sie dann von dem Sand wieder zugedeckt werden, den das zurückfließende Wasser mit sich reißt.

Es wird frischer, und um halb sechs kehren wir zum Kaffeetrinken in unser Wohnmobil zurück. Um Viertel nach sieben begebe ich mich noch einmal an den Strand, um den Sonnenuntergang mitzuerleben. Eine Gruppe Jugendlicher spielt mittlerweile Baseball im Licht der herabsinkenden Sonne, die fast schon wieder hinter der entfernten Landzunge verschwunden ist. Mir fällt sofort auf, dass sie heute schon etwas weiter westlich steht als vorgestern um diese Zeit. Auch eine Möwengruppe hockt am Strand und läßt sich offenbar von der Atmosphäre einfangen, die das Bild erzeugt. Als ich näher an das Wasser herangehe, flüchten die meisten von ihnen. Nur eine einzige bleibt hartnäckig.

Einige Dutzend Meter neben mir steht eine Fotografin hinter ihrem Stativ; neben ihr ein prasselndes Lagerfeuer. Der Strand ist jetzt doppelt so breit wie heute nachmittag, beinahe hundert Meter. Das Wasser zieht sich zurück, vielleicht auch müde geworden von dem stetigen Anrennen gegen die Küste?

Als ich mich dem fliehenden Wasser noch weiter nähere, verschwindet auch die letzte Möwe. Dafür kommt noch einmal eine starke Welle heran und treibt mich weit auf den Strand hinauf, so als wolle sie sagen: „Geh jetzt auch“.

Nach insgesamt zwanzig Minuten ist das Energiebündel am Himmel verschwunden. Was übrig bleibt sind erneut ein faszinierendes Farbenspiel am Strand, wo dünne Wasserfäden blau-rot-grün auf dem Sand schimmern, und einige Wolkenfetzen am Horizont, dort wo sich die Sonne von uns verabschiedet hat.

Whale Watching zum zweiten – Grauwale in Tofino

Heute klingelt der Wecker ausnahmsweise mal schon um sieben, aber die Wirkung verkehrt sich in’s Gegenteil: Wir stehen erst um 9 Uhr 30 auf. Erstaunlich, wie gut wir doch schlafen können, in solchen Schlafsäcken auf einem schmalen Bett, das überhaupt nicht bequem aussieht.

Mein erster Gang ist der zum Anmeldehäuschen, um unseren Platz für die nächsten Abende zu sichern. Auf dem Rückweg zum Wohnmobil mache ich einen Umweg über den Strand und genieße die morgendliche Idylle am ruhigen Long Beach. Besonders auffällig sind die unzähligen herumliegenden Baumstämme.

Rain Forest Trail A Pacific Rim National ParkUnsere erste kleine Tour heute führt uns auf den Rain Forest Trail A, hinein in den letzten wirklichen Regenwald Nordamerikas. Hier spazieren wir sehr aufschlußreiche 1,01 Kilometer an Baumriesen und Farnen, Pilzen und Bachläufen vorbei. Es hängen putzige Büschel an den Bäumen, und das Licht dringt nicht einmal bis zum Boden.

Gegen mittag fahren wir weiter nach Tofino. Hier wollen wir eine weitere Whale Watching Tour machen; diesmal gibt es Grauwale zu sehen. In dem kleinen Informationszentrum des Ortes erfahren wir dann auch, dass gestern 5 bis 8 Wale in der Cox Bay gesichtet wurden.

Die Stadt selber besteht im wesentlichen nur aus drei querverbundenen Straßen plus einigen Häusern, die etwas außerhalb der Stadt liegen. Einige Läden und Restaurants befinden sich entlang der Hauptstraße. Es gibt einige kleine Hütten, und in den Seitenstraßen liegt zum Teil bergeweise Müll im Vorgarten. Außerdem stinkt es nach Fisch, aber der kleine Hafen beginnt auch schon hinter der nächsten Straße. Zig verschiedene Bootstypen liegen hier vor Anker: von kleinen Motorbooten über Kutter bis hin zur Segelyacht findet man hier alles. Auch sonnenbebrillte Jugendliche mit Goldhalskettchen und Spitzbart, die ihre nackten Oberkörper der Sonne präsentieren und sich anscheinend für eine Segeltour vorbereiten.

TofinoIn einem Geschäft buchen wir eine Whale Watching Tour um 16 Uhr heute nachmittag, bevor wir zum Mittagessen in „The Loft Restaurant“ einkehren. Hier werden wir von zwei jungen deutschen Mädchen bedient, die uns das Nationalgericht servieren: Chicken Burger…

Bevor es zur Waljagd losgeht, buche ich noch schnell in einer niedlichen Bücherei am Hafen eine Sea Kayaking Tour für morgen früh um 9 Uhr. Ich habe vorher davon gelesen und mir gedacht, dass wir so etwas unbedingt auch mitgemacht haben müssen.

Tofino SeelöwenDann geht es los zur Walbesichtigung. Dieses mal sind die Umstände besser als in Victoria. Wir haben tolles Wetter; es ist herrlich warm, und wir bekommen saubere Wetsuits! Kein Dieselgestank, keine schmierigen Finger! Aber als wir dann in den Zodiac einsteigen und von den Dieselwolken des anspringenden Motors eingehüllt werden, ist die Idylle gleich wieder vorbei. Ein junger Bursche gesellt sich zum Fahrer auf die Plattform, und nach etwa 40 Minuten Fahrt mit Unterbrechung zur Bewunderung einiger Prachtexemplare von Seelöwen erreichen wir die Wale.

Zunächst sehen wir nur einige Dunstwolken, die scheinbar schwerelos über den Wellen dahintreiben. Dann aber sehen wir mehr: Ein Maul, einen langen Rücken, eine Flosse. Der Fotoapparat zuckt hoch, und wieder einmal kann ich meinen rechten Zeigefinger kaum zügeln. Eine Stunde kreuzen wir hier zwischen den riesigen Tieren, und der Junge neben dem Fahrer sabbelt in einer Tour in seinem Kaugummi-Englisch und versucht uns was zu erklären. Es ist jedoch einfach nur grausam. Die anderen Fahrgäste stöhnen auch schon. Keiner kann das Gebrabbel mehr an den Ohren haben.

Walbeobachten TofinoViel bekommen wir von den Walen nicht zu sehen, meistens nur ihren langen Rücken samt Flosse und einige Fontänen. Verspielt sind die Tiere überhaupt nicht, dabei hätte ich doch so gern einen springenden Wal fotografiert.

Wir sind natürlich mal wieder nicht die einzigen, die vor dem tollen Küstenpanorama auf Walsuche sind. Sogar Flugzeuge kreisen über uns, um die Wale beobachten zu können. Offiziell müssen die Boote einen Abstand von fünfzig Metern zu den Walen einhalten; unser Skipper scheint sich stets doppelt so weit von den Tieren aufhalten zu wollen. Mike in Victoria war da etwas forscher…

Wir beobachten noch ein letztes mal, wie einer dieser riesigen Meeressäuger vor der schon tief stehenden Sonne Richtung Horizont durch das Wasser dahingleitet, dann geht es zurück nach Tofino. Mit einem Affenzahn schaukeln wir zwischen kleinen Inseln hindurch, die mit wunderschönen, sandigen Buchten locken. Es ist wirklich eine traumhafte Gegend hier. Mit einem Boot könnte man sicherlich einmalige Ecken entdecken.

Um halb sieben sind wir wieder in Tofino, und wir kehren zum Campingplatz zurück, wo wir uns ein leckeres Abendessen zubereiten. Unser Kühlfach macht aus unerfindlichen Gründen langsam schlapp, und nachdem wir bereits gestern nicht mehr ganz tiefgekühlten Fisch und Egg Rolls zu uns genommen haben, müssen heute die Mikrowellennudeln dran glauben. Allerdings gibt es endlich mal wieder ein Fläschchen Wein zum Essen. Im Tofino Liquor Store, der eine ähnlich große Auswahl hat wie unsere hiesigen Getränkemärkte, haben wir uns einen 96er Ernest & Julio Gallo, White Grenache, einen kalifornischen Rosé, gekauft, der auch sehr süffig ist. Prost!

Fahrt zum Pacific Rim Nationalpark

Ausgerechnet heute, wo wir Victoria Richtung Norden verlassen wollen, ist schönstes Wetter! Keine Wolke am Himmel, kein Regentropfen, der sich auf uns herniederstürzt. Als wenn die Stadt sich freut, dass wir weiterfahren.

Zum Frühstück kratzen wir die Reste zusammen, die wir im Kühlschrank und den Schubladen noch auftreiben können. Wir müssen dringend mal wieder einkaufen.

Malahat DriveDen Weg hinaus aus der Stadt finden wir leicht; bereits nach 15 Minuten ist von einer Großstadt nichts mehr zu erkennen. Wir befinden uns auf dem vielgerühmten Malahat Drive, der das Saanich Inlet entlang führt und wunderschöne Ausblicke bieten soll. Leider sehen wir davon nicht sehr viel. Es gibt zwar ein paar Lookouts, aber ansonsten behindern die zahllosen Bäume die Sicht auf die Bucht. Ich muß mich ja sowieso auf das Fahren konzentrieren.

Gegen Mittag erreichen wir den kleinen Urlaubsort Mill Bay, wo wir in einem Supermarkt unser Vorratslager auffüllen. Es gibt hier tolle Torten und leckere Kuchenteilchen, aber auch Heavy German Bread und Bavarian Ham. Das Brot sieht aber wirklich schwer aus – sehr schwer!

Nach etwas mehr als einer Stunde und einem kleinen Mittagssnack an unserem Eßtisch im Fahrzeug geht’s weiter, zunächst durch das kleine Örtchen Chemainus. Hier sind Wandbilder, sogenannte Murals, zu bewundern, mit denen einige der Häuser verschönert wurden. Von der Straße aus sehen wir einige, anhalten müssen wir dafür aber nicht. Um hierhin zu gelangen, mußten wir den Highway verlassen, sodaß wir jetzt eine kurvige Küstenstraße Richtung Norden entlangschippern, bis wir wieder auf den Highway 1 gelangen. Vor Nanaimo verfehlen wir die Umgehungsstraße und müssen quer durch den Ort fahren. Dabei lernen wir wahrscheinlich alle Industrieviertel der Stadt kennen, insbesondere die zahlreichen Vorkommen von McDoof, PizzaHut und Burger King. Noch öfter begegnen uns aber Wendy’s- und Dairy Queen-Schilder, die hier noch populärer zu sein scheinen.

Vor Parksville biegen wir auf den Highway 4 nach Westen ab. Von nun an bleiben wir immer auf dieser Straße. Unser eigentliches Ziel heißt Pacific Rim National Park, aber bis dahin sind es noch etliche Kilometer. Wir müssen die Insel jetzt noch einmal von Osten nach Westen durchqueren.

Um 15 Uhr erreichen wir zunächst Cathedral Cove, wo riesige Douglastannen bestaunt werden können, zum Teil jahrhundertealt. Ein Wald, noch in recht ursprünglichem Zustand. Er wirkt mächtig, aber ihn sakral zu nennen, wie er in den Reiseführern beschrieben wird, finde ich nun doch reichlich übertrieben.

Port AlberniVon Port Alberni, wo wir noch einmal auftanken, zieht sich die Strecke scheinbar endlos hin. Auf Teilstücken windet sich der Highway in Serpentinen durch das Zentralgebirge von Vancouver Island, und hinten im Wagen scheppert’s mal wieder, als wenn die Heinzelmännchen mit Türen und Geschirr spielen. So langsam finde ich dieses Fahren nervig…

Endlich, um 18 Uhr 30 erreichen wir den Eingang des Nationalparks. Links geht eine Straße Richtung Ucluelet ab, aber wir wollen nach Tofino weiter. Leider hat die kleine Informationshütte schon geschlossen, so dass wir hier nichts weiter erfahren können und uns ohne Hilfe einen Campground suchen müssen. Nach einigen Kilometern finden wir den Green Point Campground, der direkt oberhalb des Long Beach liegt. Hier entdecken wir nach einigem Suchen doch noch einen freien Platz, die Nummer 48, die wir auch ganz schnell besetzen, zumal wir schon von anderen Wohnmobilen verfolgt werden.

Die Sonne geht bald schon wieder unter, und ich begebe mich zum Strand hinunter, um einen ersten Eindruck zu erhaschen, und den Sonnenuntergang über dem Pazifik mitzuerleben.

Es ist phantastisch. Strand, soweit das Auge reicht (insgesamt ist er 12 Kilometer lang), kaum Leute zu sehen, und das Meer brandet ruhig und leise rauschend heran. Die Sonne beginnt langsam über einer entfernten Landzunge nieder zu gehen, und ich renne schnell zurück, damit Jasmin sich den Sonnenuntergang auch anschaut. Und wahrhaftig, es lohnt sich, dafür zu rennen: Wir haben selten ein schöneres Bild einer untergehenden Sonne gesehen: Orangerot verschwindet sie hinter der Baumgruppe und hinterläßt farbige Streifen am Himmel, die den naßfeuchten Sand bunt schimmern lassen. Wir spazieren noch etwas den Strand entlang, und ich beobachte, wie unsere Fußspuren schnell vom Meerwasser umspült werden und verschwinden. Wie klein und vergänglich doch der Mensch ist, schießt es mir dabei durch den Kopf. Im kosmischen Maßstab existiert der Mensch auch nur so lange wie der Fußstapfen im Vergleich zum Wasser oder der Erde. Ich weiß nicht, ob ich glücklich darüber sein soll, dass besonders in solchen Situationen meine philosophische Ader durchbricht…

Wir kehren zum Wohnmobil zurück, und bereits um 20 Uhr ist es stockfinster. Am Himmel sind alle Sterne zu sehen; leider stören die Baumkronen den Ausblick, und mit einer Taschenlampe draußen herumzurennen, wo in diesem Gebiet doch auch Bärenalarm gegeben wurde, fällt mir auch nicht ein!

Auf großer Säugetier-Safari im Meer mit Orcas

Um Viertel nach zehn nehmen wir die kleine Ferry hinüber nach Downtown und bezahlen mit den Münzen, die wir noch von gestern übrig haben. Die anderen Fahrgäste machen anscheinend eine Hafenrundfahrt, denn heute nimmt das Boot eine etwas andere Route. So geraten wir auch in den Genuß, noch etwas mehr von dem Hafengebiet zu sehen.

In der Downtown führen uns die ersten Schritte gleich zu diesem ominösen Marine Adventure Centre. Direkt am Hafenbecken finden wir dann auch das Häuschen, das mit Cafeteria und Bootsanleger ausgestattet ist. Hier buchen wir eine Tour um 13 Uhr mit einem Zodiac, einem dieser schnellen Gummiboote mit Heckmotor, die wir schon gestern aus dem Hafen haben herausfahren sehen.

Die Zeit bis dahin verbringen wir damit, uns noch etwas am Parliament Building umzusehen. Hier findet offensichtlich gerade ein Wettbewerb statt. Dutzende Männer und Frauen in antiken Kostümen laufen hier herum, und alle paar Minuten steht einer von ihnen auf der Parlamentstreppe, klingelt mit einer großen Glocke und liest laut ein Manifest vor. Vielleicht die Unabhängigkeitserklärung? Zahlreiche Japaner sind auch ganz angetan von dem Geschehen und lassen sich zusammen mit den Kostümierten ablichten.

Wir werfen noch einen Blick in das Innere des Parlamentsgebäudes und entdecken auch hier zahllose Japaner, die sich sogar mit den Konterfeis der Queen und Prinz Philips fotografieren lassen. Das ist aber auch schon das Interessanteste hier drinnen.

An der Kreuzung zwischen Parlament und Museum steht ein Dudelsackpfeifer in schottischer Tracht, direkt neben einem wunderschönen Totempfahl, und bläst diverse Weisen, u.a. auch „Muß i denn, muß i denn…“. Wenn das auch ein wenig zuviel des Guten ist, so stehen hier doch immerhin Repräsentanten der beiden Kulturen zusammen, die einen großen Teil Kanadas ausmachen.

Bevor es zum Walfang geht, stärken wir uns noch einmal im Sam’s Deli’s. Währenddessen fängt es mal wieder an zu regnen, und als wir Viertel vor eins im Adventure Centre ankommen, schlägt unser Fahrer uns vor, noch bis zur nächsten Tour um 14 Uhr 30 zu warten. Bis dahin soll das Wetter auch wieder besser werden. Was sollen wir dazu sagen; wir akzeptieren und nutzen die Zeit für einen Besuch des Museums.

Das Museum ist nicht besonders groß, aber für den natur- und kulturhistorisch Interessierten bietet es eine Menge interessanter Einzelheiten. Am faszinierendsten finden wir noch den Nachbau einer Kleinstadt aus der Wild-West-Zeit inklusive Chinatown. Man kann sogar in einige Häuser hineingehen. Ebenso gut gelungen ist ein 1:1-Modell der „Discovery“, das Schiff, mit dem Käpt’n George Vancouver unterwegs war.

Nun aber zurück, damit wir die Tour nicht auch noch verpassen. Es hat tatsächlich aufgehört zu regnen, und wir sind mittlerweile nicht mehr die einzigen, die Mike, unseren Fahrer, umlagern. Wir zwängen uns in enge Wetsuits hinein, die man kaum anpacken kann. Ich habe sofort sowas wie Dieselruß an den Fingern; der Anzug ist richtig schmierig und stinkt auch so. Mike läßt die Dieselmotoren aufheulen, die einen bestialischen Gestank abgeben. Gut, dass der Fahrtwind die Rußwolken nach hinten drücken wird…

Langsam fahren wir aus dem Inner Harbour heraus, und als wir offenes Wasser erreichen, gibt Mike so richtig Gas. Wir fliegen förmlich über das Wasser, springen von einer Welle zur anderen. Das ist viel besser als Achterbahnfahren!

Vancouver Island SchwertwalVon einer Pier aus werden wir alle in unserer Begeisterung fotografiert, und nach etwa 25 Minuten sind wir bei den Walen. Mike hat uns erzählt, dass sie heute morgen in dieser Gegend waren und eigentlich noch in der Nähe sein müßten. Zahlreiche andere Boote dümpeln nicht weit von uns auf dem grauen Wasser, und wir gesellen uns zu ihnen. Und schon befinden wir uns inmitten der Killerwale!

Vancouver Island OrcasEinige kleinere zeigen sich sportlich und springen ein, zweimal aus dem Wasser. Dabei zeigt sich, dass die Fotoapparat-Mechanik und meine Körpermotorik viel zu träge sind, um wirklich gute Bilder zu machen. Ich lauere mit meiner Kamera auf Wal-Aktionen und verschieße insgesamt zwei Filme. Meistens wird aber wohl nur eine Rückenflosse auf den Fotos zu sehen sein.

Plötzlich schwimmt einer der riesigen Exemplare direkt auf unser Boot zu und taucht etwa 20 Meter vor uns unter. Alle erwarten, dass der Wal jetzt direkt vor unseren Nasen wieder an die Oberfläche kommt, aber er legt uns rein und taucht auf der anderen Seite des Bootes so dicht neben uns auf, dass er fast die Gummiumrandung berührt.

Es ist schon bemerkenswert: Wir treiben hier auf kleinen, von Gummireifen umgebenen Kunststoffplatten zwischen diesen bedrohlichen Meeresriesen, fühlen uns aber überhaupt nicht bedroht. Im Gegenteil, es ist ein herrliches Gefühl, diese schönen und majestätischen Tiere beobachten zu können.

Die Wale, denen wir hier folgen, sind seßhafte, die stets in diesen Küstengewässern leben. Daher kann man sie auch fast immer gut beobachten. Wäre das Wetter besser, würden sie vielleicht ein bißchen mehr Lebenslust zeigen.

Auf der Rückfahrt nach Victoria zeigt uns Mike noch einen Weißkopfseeadler, hoch oben in einem Baum sitzend, so dass ich ihn fast nicht entdecke. Weiter geht’s zur Insel der Seelöwen, die total von Tangsträngen, die an der Wasseroberfläche treiben, umgeben ist. Welch ein Fischgestank schlägt uns hier entgegen! Schlimmer als in der Auktionshalle im Hafen von Agadir! Und dieses nervige Gebrüll, dass diese Tiere von sich geben! Kaum auszuhalten. Sie merken, dass die Wale in der Nähe sind, und sind deswegen unruhig. Obwohl die Killerwale eigentlich die kleineren Seehunde bevorzugen, wie uns Mike mitteilt.

In einem Mordstempo geht es zurück nach Victoria. Das Wetter wird wieder schlechter, und die Regentropfen klatschen wie kleine Geschosse auf die Gesichtshaut; ein heftiger Wind schlägt uns entgegen. Um Viertel nach fünf legen wir an und entledigen uns unserer stinkenden, nassen Anzüge.

Jasmin und ich brechen auf Richtung Chinatown, wo wir uns dann im Kwong Tung Restaurant das „Special Dinner“ einverleiben. Während wir die vier verschiedenen Speise-Sorten genießen, die wir zum Teil nicht einmal identifizieren können, trifft eine Riesengruppe Chinesen ein, die mehrere große Rundtische bevölkern und so richtig Leben in die Bude bringen.

Anschließend kehren wir noch in das „The Elephant & Castle“ ein und trinken ein Canadian Lager. Der Name des Pubs entspringt einer alten Geschichte, in der das des Französischen unkundige englische Volk aus „l’enfant de castile“ ein „elephant and castle“ macht.

Auch heute abend lassen wir uns von einem der Empress-Taxis zum R.V. Park kutschieren. Dieser Abend war schon der Abschluß unseres Aufenthaltes hier in Victoria, und etwas wehmütig wird uns schon zumute…

Besuch der berühmten Butchart Gardens

Heute kommen wir nicht ungeschoren davon. Kaum habe ich mich angezogen, klopft es an der Seitentür. Es ist tatsächlich jemand, der für unsere Übernachtung 9 Dollar 50 kassiert. Eine Stunde später, so gegen halb elf, sind wir wieder auf der Straße und suchen den Weg zu den Butchart Gardens. Auch heute regnet es wieder mal Bindfäden, trotzdem zahlen wir die horrenden 14 Dollar 50 Eintritt. Na gut, im Blumenladen bekommt man dafür nicht so viele Blumen…

Der Regen ist aber nicht das einzige, was hier unaufhörlich strömt. Es sind auch die Japaner, die sich hier in Massen durch die schmalen Wege drängen. Kaum haben wir den ersten Teil der Blumenschau besichtigt, quillt dieser über vor lauter Asiaten. Wir bemühen uns, diesem Riesentrupp immer voraus zu sein, um nicht von ihm erdrückt zu werden. Mit den zahlreichen transparenten Regenschirmen, die man sich hier am Eingang leihen kann, liefert die Menge einen besonders fremdartigen Anblick…

Butchart GardenDie Gärten sind wirklich sehr schön angelegt; so gibt es z.B. einen Rosengarten und einen japanischen Garten. Aber um 12 Uhr 30 sind wir durch, und uns hält hier nichts weiter. An putzigen Friedhöfen, Kirchen und Häusern vorbei fahren wir Richtung Victoria. Die Häuser hier unterscheiden sich sehr stark voneinander; bei einigen, sehr gepflegten, erkennt man, dass sie anscheinend Ruhesitz von Rentnern sind, andere sind einfach nur zugemüllt. Wir kommen auch an einer kleinen Siedlung vorbei, die mehr als einfach ist und von Indianern bewohnt wird. Anderswo würde man schon Slum dazu sagen…

Plötzlich haben wir die Qual der Wahl: Es geht links und rechts nach Victoria. Wohin nun? Da nichts dagegen spricht, fahre ich geradeaus weiter. Irgendwann kommt ein Schild: Highway 17 South. Bei mir macht es Klick; das habe ich in einem der Reiseführer schon mal gelesen. Also nehmen wir den.

Der Highway führt uns, inmitten dichten Verkehrs, direkt in das Herz der Stadt hinein. Nun müssen wir nur noch den West Bay Marine R.V. Park finden, den wir uns aufgrund seiner Nähe zur Innenstadt als Basis ausgesucht hatten. Er muß irgendwo auf der anderen Seite des Inner Harbour liegen. Also überqueren wir erst einmal die Johnson Street Bridge, die hinüberführt. Das ist schon einmal gar nicht so einfach, weil es hier von Einbahnstraßen nur so wimmelt und es etwas dauert, bis wir die richtige gefunden haben.

Auf der anderen Seite sind wir aber dann doch nicht schlauer. Ich fahre zur nächsten Tankstelle und erkundige mich nach dem Weg. Tatsächlich weiß einer der Angestellten, wo dieser private Campground ist, und erläutert mir den Weg, den wir dann auch ganz leicht finden.

Sagenhafte 35 Dollar bezahlen wir hier dann pro Tag für einen fully hooked Stellplatz, direkt an der Pier, mit Blick auf die See. Wahnsinn, der bisher höchste Preis, den wir für eine Wohnmobil-Übernachtung zu zahlen hatten! Allerdings ist die Lage des Platzes hier auch exzellent. Die Downtown von Victoria liegt gleich auf der anderen Seite des Inner Harbour, den man von hier aus mit kleinen Wassertaxis überqueren kann. Um das so richtig auszukosten, habe ich gleich für drei Übernachtungen bezahlt.

Um 14 Uhr fahren wir dann mit solch einer Nuckelpinne hinüber nach Victoria-Downtown. Auch hier ist der Fahrpreis nicht ganz ohne: 20 Dollar für vier Fahrten kostet’s. Der bärtige Steuermann, der wie ein alter Seebär auf uns wirkt, lenkt das bunte Bötchen, das wie ein Mini-Raddampfer aussieht, an mehreren Haltestellen vorbei, nimmt irgendwo noch ein Fahrgastpärchen auf und angelt sogar für den Mann seinen vom Winde verwehten Hut aus den Hafenfluten. Ja, die Kanadier sind schon hilfsbereite und nette Leute.

Dicht vor uns zieht eine Fähre aus Port Angeles, dem U.S.-amerikanischen Hafen, der südlich von Vancouver Island liegt, durch das Wasser. Interessant, was für Boote und Yachten hier so im Hafen liegen. Um 14 Uhr 30 steigen wir aus dem Schiffchen und werden mit dem blumigen „Welcome to Victoria“ des Parliament Buildings begrüßt.

Unser erster Gang führt zum Informationszentrum, das direkt am Hafen liegt. Hier drängen sich die Menschen vor den Schaltern, und man muß sogar Nummern ziehen, wenn man Auskunft wünscht. Das schenken wir uns aber; wir sammeln lediglich einige der unzähligen Broschüren über Whale-Watching-Angebote ein, um uns eines davon auszusuchen.

Der Hunger meldet sich, und wir steuern gleich zu Anfang der Government Street das „Sam’s Deli’s“ an. Hier lassen wir uns die Soup of the Day, „Split Pea“ und zwei riesige Sandwiches, die man selbst mit zwei Händen kaum halten kann, gut schmecken. Mhm, einfach lecker! Noch Kaffee dazu, und uns geht’s mal wieder gut.

Ein Vogel kommt durch die offene Tür geflogen und leistet uns Gesellschaft, setzt sich auf Jasmins Schulter. Einige der Angestellten versuchen ihn zu fangen und rauszubringen, aber das Tier ist zu verängstigt. Wir hoffen nur, dass es noch den Weg zurück in die Freiheit gefunden hat, nachdem wir das Restaurant schon wieder verlassen haben.

Mit gefülltem Magen bummeln wir durch die Government Street und schauen uns auch die kanadischen Zeitgenossen an. Auch hier gibt es Punker, bettelnde und gepiercte Jugendliche. Eine unserer ersten Stationen ist die große Eaton’s Mall, eine Galerie mit vielen kleinen Lädchen. Erinnert uns stark an das Centro in Oberhausen. Irgendwo auf einer der Ebenen sitzt ein Künstler und bietet Schnitzereien von Walen und Delphinen zum Kauf. Ich kann mich prompt für ein Stück begeistern, nur der Preis von etwa 225 Euro behagt mir nicht. Etwas viel für ein Andenken, sage ich mir, aber in Marokko habe ich mir ja sogar einen Teppich gekauft, der noch viel teurer war…

Wir schlendern weiter durch die Stadt – es hat inzwischen wieder zu regnen begonnen. In den Souvenirläden finden wir keine vernünftigen Andenken; alles Kitsch, was da angeboten wird. Wir nehmen lediglich ein paar Postkarten für die Lieben daheim mit, und besorgen uns in einem Post-Shop die passenden Briefmarken. Auf dem Rückweg die Government Street hinunter schauen wir uns etwas in einem Weihnachtsladen um. Das einzige, was wir hier nicht kitschig finden, sind einige handgemachte Figuren, von denen wir dann auch gleich zwei mitnehmen: Einen Nikolaus mit Teddies und einen Elch mit Gipsbein und Krücken.

In der Nähe des Parliament Buildings befindet sich das British Columbia Provincial Museum, das wir aber erst um 18 Uhr 10 erreichen. Es hat schon geschlossen, sodaß wir uns vornehmen, morgen hineinzugehen, um die aktuelle Walausstellung zu besuchen. Sicherlich eine gute Ergänzung für die geplante Walbeobachtungstour.

Einige hundert Meter weiter betreten wir den Beacon Hill Park. Sicher, er ist ganz nett, reißt uns aber nicht von dem Hocker, auf dem wir im Moment gar nicht sitzen. Wir spazieren bis zu dem empfohlenen Lookout auf dem Gipfel des Hügels. Doch der Ausblick enttäuscht uns sehr: diesiges Wetter über der See läßt das Festland kaum erkennen, und in die Stadt können wir gar nicht schauen, weil die Vegetation den Blick versperrt.

Helmcken HouseAuf dem Rückweg finden wir das Helmcken House, eines der ältesten Gebäude hier, das nach dem gleichen Mann benannt wurde wie die Fälle, die wir besucht haben. Der Thunderbird Park grenzt direkt an das Haus an; hier wurden einige der schönsten Totempfähle aufgestellt. Weiter führt uns unser Weg in die Douglasstreet, von der aus wir nach links Richtung Market Square abbiegen. Hierbei handelt es sich um einen mit Geschäften und Kneipen umgebauten alten Fabrikhof, der sehr reizvoll gestaltet ist. Da es Zeit für einen Happen zu Essen und einen Schluck zu Trinken ist, kehren wir ein in’s Café Mexico. Wir bestellen Ale und Burritos und holen uns bei der hübschen Bedienung einen Tip für die Whale Watching Tour ab.

Um halb neun abends stehen wir wieder an der Pier und warten darauf, dass ein Wassertaxi kommt, mit dem wir wieder zurückkehren können zu unserem Wohnmobil. Aber es tut sich nichts. Eigentlich soll bis neun Uhr jede Viertelstunde ein Bötchen kommen, aber wir zeigen schon länger Geduld. Auf einem Schild finden wir dann den Hinweis „Closed today due to bad weather“, aber das Wetter war schon den ganzen Tag so schlecht wie jetzt. Wir resignieren und steigen in eines jener Taxis (die mit vier Rädern, die auf den Straßen schwimmen), die direkt vor dem imposanten Empress Hotel auf Fahrgäste warten.

Es ist irgend ein Buick, und als ich mich auf den Beifahrersitz fallen lasse, falle ich sehr tief. Ich sitze fast schon auf der Straße, so durchgesessen ist der Sitz. Wir geben unser Ziel an, und der Wagen schnurrt los. Der Fahrer scheint zwar keine rechte Lust mehr zu haben, aber trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen? – sind wir ruckzuck da. Ich löhne etwas mehr als sechs Dollar, also ist das sogar günstiger, als mit den Wassertaxis zu fahren!

Den Rest des Abends lassen wir wie üblich ruhig angehen und suchen uns aus dem riesigen Angebot für Whale Watching Touren das der Great Pacific Adventures im Marine Adventure Centre aus. Letztlich wissen wir eh nicht, wer die besten sind, und alle fahren ja wohl zu den gleichen Walen hinaus.

Per Fähre rüber nach Vancouver Island

Heute werden wir weder von unserem kleinen Wecker, noch von einem Pferd geweckt. Dieses mal ist es ein enervierendes Fiepen, das überhaupt nicht mehr aufhören will. Es klingt ähnlich wie der Gasalarm in unserem Wohnmobil, aber bei uns ist alles in Ordnung. Dafür ist es auch nicht laut genug. Aber wenn es ein anderes Wohnmobil wäre, hätte man das dort doch wohl längst bemerkt, oder?

Ich ziehe mich an, und stelle anschießend fest, dass sich auf der anderen Seite des Flusses oberhalb der Bahnlinie eine Baustelle befindet, auf der zahlreiche Bagger herumkurven. Sie erzeugen beim Rangieren dieses nervige Geräusch. Ob da eine zweite Linie im Bau ist?

Auch heute morgen erscheint niemand, um von uns eine Übernachtungsgebühr zu kassieren, und um halb elf sind wir wieder unterwegs. Wir kommen an einer kleinen Ranch vorbei und bedauern die dort eingepferchten Rinder; an Bewässerungsanlagen, die in diesem trockenen Gebiet gar nicht wegzudenken sind. Erst ab Lytton scheint die Gegend wieder fruchtbarer zu werden, denn hier tauchen vermehrt Obststände auf. An einem halten wir an und versorgen uns mit Früchten. Kanadische Pflaumen zum Beispiel. Die schmecken bestimmt gut im morgendlichen Müsli.

Zur Mittagszeit gönnen wir uns am Ende einer weiteren riesigen Baustelle, bei der wir wieder zum Teil über Granulat kriechen müssen, im Family Restaurant ein 6oz. Steak und die Soup of the day. Von der können wir uns nehmen, soviel wir wollen. Und die ist wirklich lecker!

Fraser CanyonBisher war es noch trocken, aber kaum erreichen wir Hell’s Gate, öffnen sich die Himmelspforten, und es fängt an zu gießen. Wie passend! Hier wollten wir ursprünglich die engste Stelle des Fraser Canyon besichtigen, aber bei den horrenden Preisen für die Seilbahn verzichten wir auf eine Hinunterfahrt. Leider gibt es auch nur einen steilen Weg, der hinunter führt, und das wollen wir uns bei diesem Wetter nicht unbedingt antun. Also verzichten wir auf den Anblick und fahren lieber gleich weiter.

Das Wetter hält sich – meistens regnet es in Strömen. Bei Hope erreichen wir den Trans Canada Highway 1. Vorher machen wir jedoch noch einen Ultra-Kurz-Stop in dem kleinen Örtchen. Wir gehen die Haupstraße einmal auf und ab, bewundern kurz die mächtigen Holzschnitzereien und das Restaurant Alpenhaus (von außen!), verlassen das Städtchen dann aber wenig begeistert gleich wieder.

Auf dem Highway 1 erleben wir endlich Autobahn-Atmosphäre. Der Verkehr ist überraschend dicht, und die Gegend bleibt sehr städtisch. Man merkt, dass wir auf Vancouver zu fahren. Offensichtlich beginnt hier schon das Einzugsgebiet der Stadt.

Vancouver Island FähreWir müssen aufpassen, dass wir den richtigen Weg zu den Fähren nach Vancouver Island finden, die in Tsawwassen ablegen. Plötzlich sehen wir ein Schild mit dem Hinweis: „Zu den Fähren die Ausfahrt 66 nehmen.“ Wir gelangen auf den Highway 10, und es geht durch ein Industrieviertel hindurch. Offenbar sind wir mitten in die Rush-hour gekommen. Die Straße ist voll, aber es gibt keinen Stau; der Verkehr fließt hier richtig gut.

Den Weg finden wir relativ leicht ohne uns zu verfahren, obwohl wir uns nur mit Hilfe der Hinweisschilder orientieren können. Um 17 Uhr 55 befahren wir einen breiten Deich und erreichen das Fährterminal. Die Länge unseres Wohnmobils wird gemessen, und wir dürfen 70 Dollar für die Überfahrt bezahlen. Zudem macht man uns darauf aufmerksam, dass das Gas während der Überfahrt abgedreht sein muß. Das wird dem Eis im Kühlfach zwar gar nicht bekommen, aber da müssen wir durch. Wir erhalten einen Platz auf der nächsten Fähre, die in etwa einer Stunde das Festland verlassen wird. Beinahe haben wir nicht mehr daran geglaubt, heute noch auf die Insel zu gelangen, und schon überlegt, ob wir uns hier noch einen Platz zum Übernachten suchen sollen. Aber das werden wir dann sofort machen, wenn wir drüben sind.

Dann geht es endlich los. Wir fahren in den breiten Rumpf der Fähre, und um 19 Uhr legt sie Richtung Victoria ab. Die Abfahrt verfolgen wir vom Bug aus, und wir beobachten die Möwen, die sich wie Geier auf die Wasseroberfläche stürzen.

Es beginnt wieder zu regnen, und an Deck ist es unglaublich windig. Um 20 Uhr bereits ist es stockfinster, und wir erkennen kaum etwas von den schönen Inseln, an denen wir vorbeifahren. Um 20 Uhr 35 erreichen wir die Anlegestelle in Swartz Bay. Von hier aus sind es noch etliche Kilometer über den Highway bis Victoria, also folgen wir dem ersten Schild „Campground“, das bereits nach wenigen hundert Metern auftaucht. Wir fahren ein Stückchen zu weit und müssen einmal drehen, bevor wir dann gegen 21 Uhr in den düsteren McDonald Provincial Park Campground hinein fahren. Er ist wunderbar in einem Wald gelegen, und wir finden schnell einen freien Platz.

Durchatmen. Endlich Ruhe für heute. Unsere Mägen melden sich, und wir braten uns Steaks. Morgen werden wir weiterfahren nach Victoria, um dort einige Tage zu verbringen, u.a. mit einer Whale Watching Tour, auf die wir uns schon sehr freuen.

Das Einschlafen gestaltet sich heute etwas schwierig, denn ich höre nicht weit entfernt drei Schüsse. Irgendwann ertönt eine Polizeisirene, und vor meinem inneren Auge entstehen schon Bilder von einem Campingplatz-Massaker, aber irgendwann fordert der Körper sein Recht…

Regenwaldwanderung im Wells Gray Provincial Park

Uns fällt sofort auf, dass wir auf einer Ranch sind, denn wir werden nicht von unserem Wecker, sondern von einem schnatternden Pferd geweckt. Die Pferdekoppel ist nur etwa zwanzig Meter entfernt. Während unserer morgendlichen Nahrungsaufnahme beobachten wir, wie mit einem Minibagger Heuballen für die Pferde bereitgelegt werden und sich einige Leute auf einen Ausritt vorbereiten. Aber wir wollen ja nicht ausreiten (obwohl wir uns auch mal in einer frühen Phase der Urlaubsplanung überlegt hatten, hier einige Tage Reiten zu lernen), sondern eine kleine Wanderung durch den Regenwald bis hin zu Aussichtspunkten oberhalb der Helmcken Falls machen.

Wir füllen an dem tropfenden Wasseranschluß unseren Frischwassertank nach und fahren dann wieder Richtung Helmcken Falls. Oberhalb der schmalen Holzbrücke über den Murtle River stellen wir den Wagen in einer Parkbucht ab, packen unsere Siebensachen, und ab 11 Uhr 05 folgen wir einem Pfad in den Wald hinein.

Wildnis im Wells Gray ParkDer Weg führt entlang des Murtle River durch einen regelrechten Urwald. Unzählige umgestürzte Baumriesen liegen hier herum – Opfer des gewaltigen Unwetters, das letztes Jahr hier getobt hatte. Viele Stämme sind zersägt worden, weil sie über den Pfad gestürzt sind.

Der Boden ist etwas feucht; heute nacht hatte es mal wieder etwas geregnet, aber im Moment ist es trocken. Richtig ursprünglich ist der Wald. Viele Pilze sehen wir, zwei Eichhörnchen, einige Vögel und insgesamt fünf Menschen, die uns entgegenkommen. Irgendwo sehen wir junge Bäume aus einem umgestürzten Baumstamm herauswachsen; ein grandioses Beispiel dafür, dass die Natur sich selbst erneuert und aus Altem und Totem stets Junges, Neues entsteht.

Nach etwa eineinhalb Stunden erreichen wir die Helmcken Falls. Zuerst sehen wir gar nichts, weil wir mitten in dieser gewaltigen Wolke Sprühwasser stehen, die von den Fällen erzeugt wird. Wir müssen hier gewaltig aufpassen, denn wir befinden uns auf total ungesichertem Gebiet. Es gibt hier keine Absperrung, nichts. Einige Schritte vor uns geht es hundert Meter in die Tiefe…

Wir gehen ein Stückchen weiter und lassen die dunstigen Wasserschwaden hinter uns. Jetzt können wir die tosenden Wassermassen besser sehen. Es ist schon ein Riesen-Unterschied zur gestrigen Aussicht von der gegenüberliegenden Plattform! Lange bleiben wir aber nicht, und auf dem Rückweg fängt es dann auch wieder an zu regnen. Jasmin wird immer schneller, und um Viertel vor zwei sind wir zurück am Wohnmobil. Die letzten Minuten hat der Regen stark zugenommen; unser Timing hat also noch ganz gut geklappt.

Wandern im Provincial ParkWir trocknen uns ein wenig und fahren dann zurück Richtung Clearwater. Plötzlich springt ein Elch über die Straße und hüpft, bevor Jasmin den Fotoapparat zücken konnte, leichthufig in den Wald. Das war wohl nichts. Egal, dafür schauen wir uns jetzt Quilts an. Irgendwo entlang der Straße hatte Jasmin auf der Hinfahrt nämlich ein Schild mit der Aufschrift „Quilts – handmade“ gesehen. Am Ende einer Seitenstraße finden wir dann auch ein hübsches Häuschen, indem eine Frau mittleren Alters zahlreiche Quiltmotive verkauft. Das ganze Haus ist eine einzige Ausstellung mit alten Küchenutensilien, Decken und dergleichen. Sie erzählt uns, dass die Quilts von Frauen aus der Umgebung gemacht wurden, nicht von ihr allein. Als Jasmin ihre Begeisterung für den alten Küchenherd kundtut, erzählt uns die Frau, dass sie die ganzen Antiquitäten nach und nach zusammengetragen hat, und dass es ganz witzig sei, den alten Leuten zuzuhören, wenn sie solche Dinge sehen und dann alte Geschichten erzählen.

Um halb vier brauchen wir dann doch etwas richtiges im Magen, und wir kehren an der Kreuzung in Clearwater ein in Louie’s Submarine, wo es interessante und leckere Sandwiches gibt.

Unser nächstes eigentliches Ziel ist Vancouver Island, und wir beschließen, heute noch so weit wie möglich zu fahren, um vielleicht schon morgen mit einer Fähre übersetzen zu können. Kurz hinter Clearwater machen wir noch einen kleinen Abstecher auf den Campingplatz des North Thompson Provincial Parks und dumpen Unmengen Abwasser aus unseren Tanks heraus.

Trophy Mountain Wells GrayAnschließend rauschen wir ohne Halt durch bis Kamloops, wo wir eigentlich heute nacht campen wollen. Kurz vor der Stadt verwandelt sich die Landschaft in eine echte Steppe; wir fahren an sanften Hügeln vorbei, mit trockenem Gras bedeckt, das im Licht der untergehenden Sonne golden glänzt. Um 18 Uhr erreichen wir Kamloops. Endlich eine etwas größere Stadt, auch wenn wir hier nicht bleiben wollen. Sie zieht sich ganz schön in die Länge. Zunächst passieren wir einen Außenbezirk, der sich am Thompson River entlangschlängelt, und kommen dann am Stadtkern vorbei. Aber nirgends ein Hinweis auf einen Campingplatz, der auf unserem Weg liegt. Vorhin gab es ein Schild: 18 Kilometer Richtung Osten, aber das war uns zu weit ab. Und gerade ein Hinweis auf einen Campground mitten in der Stadt. Wir können uns nicht entschließen und fahren einfach weiter. Wir lassen ein weiteres Vorstädtchen links liegen, das sehr schön an einem Südhang liegt, und eh‘ wir uns versehen, haben wir Kamloops auch schon wieder verlassen. Aber immer noch kein Campground zu entdecken.

Zurückfahren ist Quatsch, sagen wir uns, und fahren weiter der untergehenden Sonne entgegen Richtung Cache Creek. Während eines kurzen Orientierungsstopps erfreuen wir uns im Halbdunkel an dem sagenhaften Anblick des Kamloops Lake, der auf diese Art etwas an die schottischen Lochs erinnert.

Plötzlich sehen wir ein Hinweisschild am Straßenrand: Jumper Beach Campground ist nicht mehr weit. Dort werden wir hoffentlich einen Platz finden. Es ist 20 Uhr und schon stockfinster, als wir dort eintreffen. Der Campingplatz liegt ganz idyllisch abseits der Haupstraße direkt am Thompson River, und auch hier gibt es kein Check-Inn. Also fahren wir hinein und finden sofort den ersten Platz frei vor. Fast alle anderen sind besetzt, hier und da lodern schon Lagerfeuer.

Ich schnappe mir unsere Taschenlampe und marschiere zurück zum Eingang, um mir ein Registrierkärtchen zu holen, aber nicht einmal so etwas gibt es hier. Aber wahrscheinlich jemanden, der abends hier vorbei fährt und das Geld für die Übernachtung kassiert. Dieser jemand war aber wohl schon vor uns da, und so nächtigen wir heute zum ersten mal kostenlos!

Es ist Vollmond, die Grillen zirpen, und der Thompson fließt träge dahin. Eine unglaubliche Idylle. Wenn da nicht die Warnungen auf dem Schild am Eingang wären: Klapperschlangen, Kojoten usw. Vielleicht kommen wir irgendwann später ja noch einmal her, um diese Wild-West-Romantik intensiver erleben zu können. Trotz der Temperaturen von bis zu 40 Grad im Sommer…

Als ich so am Flußufer stehe und dem Plätschern vor mir und dem prasselnden Lagerfeuer hinter mir lausche, sehe ich, dass auf der anderen Seite des Flusses, etwa zwanzig Meter hoch an der Felswand, eine Bahnlinie entlang führt. Denn in diesem Moment kommt einer dieser unendlich langen Züge vorbei, ganz langsam und mit stetigem Pfeifen und Tuten. Ich zähle 81 Waggons. Bis 21 Uhr kriechen noch zwei weitere Züge die Schienen entlang. Irgendwie ist es ein faszinierendes Bild, wie das Scheinwerferlicht der Lokomotiven die Felswand erhellt.

Heute abend machen uns Brot und eine Suppe satt. Unser Nachtisch-Eis kommt schon flüssig aus dem Kühlfach, aber gemischt schmecken die beiden Sorten trotzdem noch. Gute Nacht!

Auf Schotterstraßen zum Clearwater Lake

Allen Unkenrufen zum Trotz regnet es heute morgen nicht. Im Gegenteil, es ist sogar recht schön draußen. Trotzdem wird es wieder 11 Uhr, bevor wir nach dem Früstück und dem Tanken in den Wells Gray Provincial Park aufbrechen. Den ersten Halt machen wir gleich am Spahats Creek, nach dem auch der kleine Provincial Park benannt ist, der dem Wells Gray vorgelagert ist.

Vor 400.000 Jahren war dieses Land von mehreren Schichten Lava bedeckt, bevor dann vor 150.000 Jahren in der Eiszeit die Gletscher die Lavaschicht angriffen und den Stein weich machten. Dann entstand der Spahats Creek, der sich in dem nun weichen Gestein seinen Weg bahnte und einen Canyon hineinfraß. Diesen Canyon begleiten wir ein Stück, bis der Bach sich als üppiger Wasserfall in die Tiefe stürzt.

Da mittlerweile wohl ein Japaner-Bus eingetroffen sein muß, fahren wir weiter und kommen an der Buffalo Ranch vorbei, wo wir einige Bisons auf einer Wiese weiden sehen. Weiter geht’s über eine einspurige Holzbrücke, die über den sogenannten First Canyon führt. Wenig später überqueren wir auf ähnliche Weise den Second Canyon. Als wieder eine Brücke in Sichtweite gerät, rätseln wir, wie denn wohl dieser Canyon heiße. Und tatsächlich: Die Brücke führt über den Third Canyon. Wir passieren die Helmcken Falls Lodge, zu der sogar ein Golfplatz gehört, und haben damit zugleich die Grenze zum Wells Gray Provincial Park überquert.

Wells Gray Provincial Park Helmcken WasserfallUnser erstes Ziel hier sind die Helmcken Falls, als welche der Murtle River 137 Meter in die Tiefe stürzt. Sie bieten wirklich einen überwältigenden Anblick, insbesondere die gigantische Wolke aus feinsten Wasserpartikeln, welche die Sturzkante umhüllt. dass die Helmcken Falls ein richtiger Touristenmagnet sind, sieht man schon daran, dass der kleine Parkplatz, in dem die Straße hier endet, übervoll ist. Sogar eine bayerische Reisegesellschaft ist hier, wie wir unschwer den herangetragenen Gesprächsfetzen entnehmen können.

Nachdem wir uns satt gesehen haben, fahren wir die Straße wieder ein Stück zurück und biegen dann links ab auf eine Schotterstraße, die direkt zum Clearwater Lake hinunter führt. Bereits nach wenigen Metern Fahrt bereue ich unseren Entschluß. Die Fahrt über diese Straße bereitet mir beinahe körperlichen Schmerz, und ich wage kaum schneller als Schrittempo zu fahren. Die Straße ist voller Schlaglöcher und mit Unmengen Schotter bestreut, und die Oberfläche besteht aus kurzen, tiefen Wellen. Überall am und im Wagen rappelt’s und klappert’s. Die Türen der Schränke gehen eine nach der anderen auf und auch wieder zu, die Tassen rasseln und klirren; sogar der Kühlschrank öffnet und schließt sich wieder. Man möchte meinen, hinten im Wagen tollen ein paar Kobolde herum. Aber so lustig finde ich das gar nicht. Ich habe nur Angst um den Wagen, weiß ich doch nicht, wieviel dem Fahrwerk zuzumuten ist.

„Wenn er das problemlos übersteht, dann Respekt vor Chevrolet“, stoßseufze ich. Die Straße soll etwa 20 Kilometer lang sein. Nach etwa einem Drittel bin ich total geschafft. Ich mache erst einmal Halt, und wir überlegen, ob wir weiterfahren sollen. Als ein Auto mit Wohnanhänger an uns vorbeigeschossen kommt, beschließen wir, die Fahrt fortzusetzen. Wenn andere das schaffen…

Auf der Weiterfahrt sehen wir dann auch am Straßenrand einige Wohnmobile stehen. Die haben es ja auch bis hierher geschafft, sagen wir uns. Vor einer Kurve huscht plötzlich ein kleiner Schwarzbär in den Wald, aber Jasmin ist zu überrascht und reißt den Fotoapparat etwas zu spät hoch.

Wells Gray Provincial Park PanoramaZu unserer Überraschung kommen wir ungeschoren am Clearwater Lake an, bzw. zunächst am angrenzenden Campground. Wir können uns aber nicht dazu entschließen, hier für heute nacht einen Platz zu reservieren, also fahren wir weiter zum Bootsverleih. Es ist zwar schon 14 Uhr, aber wir wollen dennoch eine Kanutour auf dem See machen. Wir finden eine kleine Hütte direkt am See, drinnen ein dümmliches Mädchen von etwa 15 Jahren, die vor sich hinnuschelt und anscheinend Analphabetin ist. Sie kann noch nicht mal meinen Namen richtig schreiben, als ich ihn buchstabiere. Ich schaue mir das Gekrickel an und nicke zustimmend. Für zusammen 30 Dollar bekommen wir dann jeder ein Paddel und eine Schwimmweste, deren Rückennummern sie sich für den Notfall aufschreibt. Als Zugabe gibt es eine unten aufgeschnittene grüne Gießkanne mit zugeklebtem Hals, die als Schöpfkelle für Wasser im Kanu dienen soll. Das Kanu selber finden wir 5 Minuten weiter die Straße entlang am See, teilt uns die Kleine mit.

Wir erreichen das Ende der Straße und stellen das Wohnmobil auf einem großen, sehr gut gefüllten Parkplatz ab. Unterhalb des Parkplatzes am See finden wir einen Bootsanleger und denken, man wird uns die Kanus schon bringen. Zwei Pärchen kommen gerade an Land, und wir denken: Dann können wir ja vielleicht deren Kanus übernehmen. Aber sie – alles Deutsche, na klar – klären uns darüber auf, dass sie die Boote selber mitgebracht haben, und hieven sie auf ihre Geländewagen.

Als nach zwanzig Minuten immer noch kein Kanu zu sehen ist, steigen wir wieder in unser Fahrzeug und wollen gerade zum Bootsverleih-Häuschen zurückkehren, als Jasmin die Kanus entdeckt und aufschreit. Ein Stück der Straße führt noch auf einen anderen Parkplatz, der etwas tiefer liegt. Dort finden wir die Kanus etwas versteckt im Gebüsch. Ich weiß nicht, haben wir uns so dumm angestellt?

Mühevoll lassen wir das doch recht schwere Kanu an einem weiteren, kleineren Bootssteg zu Wasser. Ebenso mühsam steigen wir hinein. Aber dann kann es endlich losgehen. Wir stechen mit den Paddeln in das ruhige Wasser, und langsam geht es voran. Wir haben Mühe, das Boot auf geradem Kurs zu halten; je nachdem, wer auf welcher Seite paddelt, beschreibt das Boot eine Kurve. So müssen wir in regelmäßigen Abständen die Seite wechseln und mal mit Links, mal mit Rechts drauflospaddeln. Das geht ganz schön in die Schultern!

Was solch ein Kanu alles transportieren kann, ohne unterzugehen, sehen wir, als uns zwei schwerbeladene Boote entgegenkommen. Da haben welche anscheinend ihren ganzen Hausrat mitgenommen.

Zwei Stunden jagen wir auf diese Art über den See, fahren ein Stückchen nach Norden und, nach einem Blick in den Himmel, bald wieder zurück. Das Wetter sieht mittlerweile etwas unsicher aus, und wir wollen nicht, dass das Kanu vollgeregnet wird. Außerdem wird es schon etwas dunkel. Die Rückfahrt ist recht anstrengend, obwohl wir diesmal – wie wir glauben – mit der leichten Strömung fahren. Um 17 Uhr ist unsere Bootsfahrt zu Ende, und meine Schultern bedanken sich dafür. Wir tragen das Boot wieder an seinen Platz, bringen die Ausrüstung wieder zurück und versuchen jetzt doch noch, einen Platz auf dem hiesigen Campground zu bekommen. Aber nun ist es zu spät. Alle Stellplätze sind besetzt. Wir gesellen uns noch zu einigen anderen Touristen und schauen in die Fluten des Clearwater Lake, in denen jetzt auch Lachse zu sehen sein sollen, aber erneut haben wir Pech.

Also starten wir durch und schießen über die Schotterstraße zurück. Dieses mal fahre ich weitaus weniger respektvoll, und wir brauchen nur eine halbe Stunde für die 23 Kilometer. Wir amüsieren uns jetzt köstlich über das wilde Geklapper hinten im Wagen und fragen uns, wann der erste Topf oder die erste Tasse im Fahrerhäuschen landet und uns an den Kopf fliegt.

Wells Gray Provincial Park Dawson WasserfallAuf dem Dawson Falls Campground versuchen wir ebenfalls einen Platz zu ergattern, aber hier ist auch nichts mehr frei. Also fahren wir weiter, zur Not sogar zurück bis nach Clearwater auf den Privatcampingplatz von gestern nacht. Als wir an der Helmcken Falls Lodge vorbeikommen, frage ich dort nach, ob noch ein Platz frei sei, und siehe da, für sage und schreibe 26 Dollar bekommen wir Strom und fließendes Wasser!

Nein, dieses Geld ist der Platz wirklich nicht wert. Das Wohnmobil kann kaum gerade stehen, so voller Schlaglöcher sind alle Stellplätze. Ich habe Probleme, das Fahrzeug so hereinzufahren, dass wir das Wasser auch anschließen können; es ist alles sehr merkwürdig angeordnet hier. Und dann ist der Wasserhahn auch nicht dicht. Als ich unseren Wasserschlauch anschließe und den Hahn aufdrehe, sprudelt das wertvolle Naß an allen Seiten heraus. Wenn es so die ganze Nacht liefe, würden wir alle vier(!) Stellplätze unter Wasser setzen und morgen nicht mehr aus dem morastigen Sumpf herauskommen. Also müssen doch unsere Wassertanks herhalten.

Zum Abendbrot gibt es Fisch mit Eiern, die wir gegen 19 Uhr 30 zu uns nehmen. Als Krönung folgen aber Nachos und mein zweiter Sieg im Catan-Spielen! Das reicht dann ja auch für heute…

Auf dem Weg zum Wells Gray Provincial Park

Heute verlassen wir Jasper und machen uns auf in Richtung Wells Gray Provincial Park. Zunächst aber frühstücken wir um halb zehn in Ruhe unser übliches Kaffee-Müsli-Brot-mit-Nutella-Frühstück. Anschließend verlassen wir den Campingplatz, um noch einmal aufzutanken, bevor es wieder auf den Highway geht.

Gleichzeitig lasse ich den Ölstand kontrollieren, der aber völlig in Ordnung ist. Beim Bezahlen sehe ich in dem zugehörigen Tankstellenshop eine Trillerpfeife, die ich nach der knurrigen Erfahrung von gestern gleich mitnehme. Kerzen packe ich noch ein, und Streichhölzer finde ich auch. Allerdings nur eine Megapackung mit mindestens tausend Stück drin. Auf meine Frage an die Verkäuferin, ob sie nicht noch kleinere Packungen haben, greift sie hinter sich in einen Korb und drückt mir eine Handvoll Gratis-Streichholzheftchen in die Hand.

Um 11 Uhr geht es dann endlich los, zunächst über den Highway 16 zum Mt. Robson Provincial Park. Wir folgen dem Lauf des Miette River durch eine sehr bunte Gegend, wo schon der Indian Summer Einzug hält. Wir kommen am Moose Lake vorbei, wo angeblich viele Elche leben sollen, aber der einzige Elch, den wir während der ganzen Fahrt erblicken, ist der auf einem Warnschild.

Wir fahren an dem markanten Eingang des Parks vorbei und stoppen am Mt. Robson Info Centre, das nicht weit vom Fuß dieses höchsten kanadischen Berges liegt. Den Gipfel bekommen wir leider nicht zu sehen; auch heute ist er, wie die meiste Zeit des Jahres, von Wolken umhüllt.

Nach einigen weiteren Kilometern halten wir an den Rearguard Falls, um dort die springenden Lachse zu beobachten. Es soll jetzt genau die richtige Zeit dafür sein, aber wir sehen nur schäumendes Wasser und keinen einzigen Fisch. Wir haben ein Glück mit Tieren!

Wells Gray TrekBei Tete Jaune Cache biegen wir auf den Yellowhead Highway 5 ab und fahren Richtung Süden über Valemount durch eine nunmehr flachere Gegend. Man merkt, dass wir die Rockies verlassen haben. Die Vegetation hier ist anders; hier dominieren die Laubbäume. Etwa 90 Kilometer vor Blue River verwandelt sich der Highway, auf dem wir mal wieder von den Trucks abgezockt werden, in eine kilometerlange Baustelle. Wir kriechen praktisch über die löchrige Strecke und kommen uns vor wie in einem Mondauto auf der Oberfläche des Erdtrabanten.

In Blue River legen wir einen Kaffeestop im Husky’s Inn ein. Man könnte auch „Pampa Inn“ sagen; Blue River besteht lediglich aus ein paar vereinzelt stehenden Häuschen und einer Tankstelle mit diesem Restaurant. Gott, ist das hier eine gottverlassene Gegend! Hier möchten wir wirklich nicht tot über’m Zaum hängen. Wir gönnen uns Coffee and Pie und machen uns alsbald wieder auf den Weg. Clearwater ist unser Ziel.

Die Gegend wird sanfter, während wir auf dem Highway dem Thompson River folgen. Wir fahren nach Avola hinein und sind einen Moment später auch schon wieder draußen. Ein paar Häuschen nur nennen sich hier Stadt, aber immerhin befindet sich ein deutsches Restaurant darunter.

Wir amüsieren uns über die putzigen Vorgärten, die viele Häuser entlang unserer Route haben. Insgesamt kommen wir hier durch eine echt trostlose Gegend, und das Wetter ist auch recht trostlos. Zwischendurch regnet es immer mal wieder; die Sonne scheint Pause zu machen.

Endlich, um 17 Uhr 15 – dies war die längste und anstrengendste Strecke, die wir bisher gefahren sind – erreichen wir Clearwater. Wir hatten gehofft, hier eine etwas größere Stadt im Stile von Banff oder Jasper vorzufinden, aber da haben wir uns wohl getäuscht. Großzügig verteilt stehen hier ein paar Häuser am Straßenrand, und nach den ersten zehn fragen wir uns: War’s das schon wieder? Langsam fahren wir weiter, bis wir an einer Seitenstraße das Wells Gray Provincial Park NaturInformationszentrum des Wells Gray Provincial Parks entdecken. Es liegt direkt an der Kreuzung des Highway 5 mit der Clearwater Valley Road, die zum Park hineinführt.

Wir erkundigen uns hier nach Campingplätzen und Wandermöglichkeiten, und wir entscheiden uns für das Clearwater Adventure Resort, ein privates Gelände keine hundert Meter entfernt. Wir bezahlen 22 Dollar für eine Nacht mit Strom und Wasser und machen anschließend einen kleinen Rundgang über das Gelände. Es ist schon ein Riesenunterschied zwischen diesem privaten Platz hier und den staatlichen Campgrounds in den Nationalparks. Die Stellplätze hier sind uneben und sehr eng, wohingegen die staatlichen weitaus großzügiger angelegt und meistens auch billiger sind. Der Name Adventure Resort für diesen Campground hier ist sehr hochtrabend, aber auf seine eigene Art hat der Platz schon etwas abenteuerliches. Eine selbstgebaute Minigolfanlage mit teppichartiger Bahnbeschichtung beginnt unter dem Herbsteinfluß zu verkommen, und direkt am Eingang finden wir eine Reihe museumsreifer Landmaschinen. Das witzigste aber ist ein Richtungsweiser, auf dem wir sogar Frankfurt wiederfinden. Obenauf thront Garfield, hat seine Regentschaft aber schon mit einem Bein bezahlt.

Wir schauen uns noch etwas jenseits der Kreuzung um, weil wir vermuten, dass der Ort da erst richtig beginnt, aber hier finden wir außer ein paar Häusern lediglich noch ein kleines Krankenhaus, ein Motel und eine Turnhalle. Der Ort hier soll 4900 Einwohner haben! Ob die alle im Hinterland wohnen?! Uns ist es hier zum Leben zu trostlos. Für so etwas muß man wohl geboren sein.

Hoffentlich ist morgen das Wetter besser, denn wir wollen zum Wells Gray Provincial Park hineinfahren, aber im Info Centre sagte man uns, dass es bis Sonntag so mies bleiben solle. Naja, hoffen wir das Beste.

Wetter und Waschpause in Jasper

Welchen Wochentag haben wir eigentlich heute? Donnerstag, oder? Erst jetzt wird uns bewußt, dass man hier die Zeit total vergißt. Alle Tage sind irgendwie gleich.

Zum ersten mal haben wir schlechtes Wetter, und es will nicht aufhören zu regnen. Kalt ist es nicht dabei, aber wir wissen noch nicht so recht, was wir mit dem Tag anfangen sollen.

Wir beschließen, zum Frühstücken nach Jasper hineinzufahren; ich will endlich einmal die berühmten Pancakes mit Sirup essen. Aber da wir mal wieder nicht aufstehen konnten (durch das Catan-Spielen ist es ja auch etwas später geworden), bekommen wir in dem von uns ausgewählten Restaurant kein Pfannkuchen-Frühstück mehr. Also verlagern wir unseren Appetit gleich auf das Mittagessen und bestellen uns zwei dicke Hamburger („Moldi’s Burger – it’s loaded!“). Kaffee gibt es bis zum Abwinken.

Die nächsten Stunden verwenden wir darauf, in einem Waschsalon, dem „Laundromat“, einige unserer Klamotten zu reinigen. Zunächst ist uns nicht ganz klar, wie das hier funktioniert, aber zum Glück treffen wir ein deutsches Paar (so eine Überraschung, nicht?), das uns aufklärt.

Während Jasmin auf die Wäsche wartend in ihrem dicken Buch liest, schaue ich mich noch ein bißchen in den Souvenirshops um. Um halb drei ist die Wäsche sauber und trocken (die Trockner sind riesig hier!), und wir gehen noch einmal los. Jasmin kauft sich ein T-Shirt und ich mir ein Buch mit den schönsten Kurzwanderungen in den kanadischen Rockies. So hat jeder sein Andenken…

Um Viertel vor vier entschließen wir uns dann doch noch zu einer kleinen Tour. Schließlich gibt es kein schlechtes Wetter, sondern nur die falsche Kleidung. Eine gute Gelegenheit also, unsere neuen Regenhosen auszuprobieren. Wir suchen uns den Patricia Lake Trail nördlich von Jasper aus. Hier soll man Biber sehen können.

Wir durchqueren Jasper und müssen die Pyramid Lake Road hochfahren. Am Seitenrand entdecken wir ein kapitalen Hirschbullen, der seinen Kopf gesenkt hält und sich selber anpinkelt. Wie appetitlich! Das soll die Weibchen anlocken?

Wir stellen unser Fahrzeug auf dem Parkplatz vor einem Reitstall ab, packen uns regendicht ein und stapfen los. Aber schon nach einigen Dutzend Metern bereuen wir unser Vorhaben. Wir haben uns nichts dabei gedacht, dass dieser Weg auch von Reitern benutzt wird, aber nun sehen wir, was das bei diesem Wetter bedeutet: Der Weg ist total matschig, und riesige Löcher, von den Pferdehufen gerissen, veranlassen uns, immer am Rand des Weges halb im Gras und Gebüsch zu gehen. Und überall liegen Pferdeäpfel. Aber der Weg ist ja nicht so lang, irgendwie schaffen wir das schon. Kurz vor dem See geht es ein Stückchen recht steil bergab, und wir hangeln uns zwischen den Bäumen durch, die den Weg säumen. Unten angelangt, hält Jasmin mich an und fragt: „Hast du das auch gehört?“

Ich lausche, höre aber nichts. Jasmin meint, ein Knurren vernommen zu haben. Langsam gehen wir weiter. Der Uferweg ist eine einzige Zumutung, und wir müssen aufpassen, dass wir nicht in den Matsch hineinrutschen. Hier verläßt uns endgültig die Motivation. Plötzlich höre auch ich ein unheimliches, leises Knurren aus dem Wald. Zunächst denke ich, es ist ein Bootsmotor, drüben von den Patricia Lake Bungalows direkt am See, aber dort tut sich nichts. Vielleicht ist jetzt der richtige Augenblick gekommen, umzukehren. Pfeifend und trällernd folgen wir der Weisung, Lärm zu machen, um Bären zu verscheuchen, und kehren um. Bis hierher hatten wir lediglich ein Drittel des Weges geschafft.

Auf dem Rückweg sind wir etwas schneller. Kurz vor Erreichen des Parkplatzes biegen wir aber an einer Gabelung, an der wir auf unserem Rundweg wieder hätten herauskommen sollen, noch einmal rechts ab und versuchen von hier aus, den Biberburgen nahe zu kommen.

Der Weg ist hier etwas besser, keine Pferde haben ihn verhunzt. Es geht etwas auf und ab, und nach einer Viertelstunde kommen wir oberhalb eines Sumpfgebietes, dem Cottonwood Slough aus dem Wald. Hier sehen wir einige Biberbauten, aber bei dem Regen trauen sich die Tiere anscheinend nicht raus. Plötzlich sehe ich im Matsch einen eindeutigen Pfotenabdruck, von dem ich Jasmin aber nichts erzähle. Will sie ja schließlich nicht unnötig beunruhigen. Dennoch beschließen wir etwas enttäuscht, zurückzukehren, und sind um 18 Uhr wieder zurück im Wohnmobil. Ich bin klatschnaß auf dem Kopf, meine Regenhose hat aber dichtgehalten. Meine Schuhe hingegen nicht so ganz; ich muß sie wohl mal neu imprägnieren.

Zurück auf unserem mit Strom versorgten Stellplatz auf dem Whistlers Campground, den wir uns am Morgen vor unserer Abfahrt noch einmal für heute abend reserviert hatten, kochen wir uns Tee und tauen in der Mikrowelle Gehacktes auf. Der erste Versuch, es dann auch noch zu braten, scheitert wieder einmal an dem Gas-Sensor. Als die Nudeln im Topf gurgeln und das Gehackte in der Pfanne brutzelt, schlägt er los. Wir versuchen es also noch einmal, machen erst nur die Nudeln an, und verbrauchen dabei unser allerletztes Streichholz! Aber Jasmin hat noch ein Feuerzeug mit, dass seinen Dienst jedoch nicht so richtig antreten will. Irgendwie klappt es dann aber doch, mit dem Feuerzeug ein abgebranntes Streichholz wieder zu entfachen, denn mit dem plzpo kriegen wir den Gasherd nicht an.

Insgesamt dreimal geht der Alarm heute abend los, doch schließlich kommt uns die grandiose Idee, ein Trockentuch um den Sensor zu wickeln – natürlich nur während des Kochens! Und morgen müssen wir uns unbedingt neue Streichhölzer besorgen.

Trotz allem versuchen wir unser Abendessen noch zu genießen. Wir genehmigen uns dazu den Wein, den wir uns besorgt hatten, einen sehr süffigen kanadischen Rosé, einen White Cabernet von den Calona Vineyuards, Kelowna, B.C.

Draußen regnet es immer noch; es hat den ganzen Tag nicht einmal aufgehört. Ich schaue mir noch ein bißchen die Faltblätter an, die wir aus dem Info Centre mitgenommen haben. Unter anderem eine Broschüre über die historische Stadt Baxterville. Ich hatte nachgefragt, ob die Stadt um diese Zeit noch geöffnet sei, aber der Mann auf der anderen Seite der Theke kannte sie nicht einmal. Seine Kollegin holte die Broschüre, die er sich daraufhin erst einmal selber neugierig anschaute. „Interessant“, meinte er dann, „muß ich mir auch mal anschauen!“ Ist schon putzig, dass die Leute sich hier in ihrer eigenen Gegend nicht auskennen…

Rafting auf dem Athabasca River

Eigentlich wollten wir ja bereits um 9 Uhr am Registrierhäuschen des Campgrounds erscheinen, um für heute abend einen „fully hooked“-Stellplatz zu reservieren, aber wie so häufig kommen wir erst gegen halb elf weg. Aber egal, heute wollen wir es eh‘ ein wenig ruhiger angehen lassen, Jasper anschauen und mal sehen, was sich noch so ergibt.

Tatsächlich bekommen wir beim Auschecken auf unsere Anfrage hin den gewünschten Platz für heute abend, für 22 Dollar. Je länger wir unterwegs sind, desto teurer scheinen die Campingplätze zu werden.

Jasper soll das etwas ruhigere Pendant zu Banff sein. Aber als wir auf dem Connaught Drive, an dem sich zahlreiche Geschäfte und Restaurants reihen, nach Jasper Townside hineinfahren, scheint uns der Ort noch belebter als Banff zu sein. Jasper ist nicht so beschaulich, offener bebaut und somit weitläufiger.

An der relativ belebten Hauptstraße dürfen wir nur 2 Stunden parken. Das reicht uns zunächst, um das Info Centre aufzusuchen und uns über die Gegebenheiten schlau zu machen. Unter anderem fallen uns die zahlreichen Broschüren über River Rafting ins Auge. Einer der Anbieter befindet sich ganz in der Nähe in einem Sportgeschäft, und wir strumpeln hin.

Man klärt uns über die angebotenen Touren auf. Es können nicht mehr alle auf dem Programm stehenden Fahrten gemacht werden, weil die Flüsse zu dieser Jahreszeit bereits zum Teil sehr viel weniger Wasser führen als im Sommer, so dass Rafting dort viel zu gefährlich ist.

Athabasca River RaftingWir suchen uns eine Tour aus, die gleich um 13 Uhr losgeht, eine Anfängertour vom Grad 2 (es geht bis 6 hinauf) auf dem Athabasca River. Wir löhnen 50 Dollar und kehren zum Wohnmobil zurück, um uns vorzubereiten.

In dem Geschäft empfahl man uns einen Parkplatz, der an einer Parallelstraße des Connaught Drive ganz in der Nähe liegt, und auf dem wir unbegrenzt parken können. Hier stellen wir unseren Camper ab, packen unsere Siebensachen (z.B. unsere neuen Outdoor-Sandalen!), werfen uns einige Snacks als Mittagessen ein, und kehren zu ein Uhr zurück zu dem Shop.

Wir werden empfangen von einer netten jungen Frau namens Effi, die uns und einige andere in einem Kleinbus zu einem Kotten am südlichen Rand Jaspers transportiert. Hier schlüpfen wir in hautenge Wetsuits und Schwimmwesten. Mein Körper wird regelrecht zusammengedrückt, und seit langem habe ich mal wieder einen ganz flachen Bauch. Ich stelle mich vor Effi und frage, ob das nicht etwas eng sei, aber sie reißt mit einem schelmischen Lächeln die Augen auf, erhebt den Daumen und meint nur: „Great physics!“

Karl, Effis überaus athletischer Kollege, der uns mit freiem Oberkörper und Naturburschen-Naturell in Empfang genommen hat, fährt unseren Trupp samt Anhänger mit den kleinen blauen Gummibooten etwa 30 Kilometer zurück zu den Athabasca Falls. Von hier aus geht es los – natürlich unterhalb der Fälle, die keiner herunterfahren würde, wie uns die beiden Profis mitteilen.

Wir werden auf die drei Boote verteilt, und Effi gibt uns eine kurze Einweisung, wie das Paddel zu gebrauchen ist, wie man sich hinsetzt, wie man jemanden wieder in das Boot hinein zieht und auf welche Kommandos wir zu achten haben.

Zu sechst steigen wir schließlich in das kleine Schlauchbötchen: Helge und Thorsten, zwei Deutsche aus der Umgebung von Berlin (man hört’s!), Eddi und Hajime, ein japanisches Pärchen, sowie Jasmin und ich. Jeder hat einen Paddel in der Hand; hinzu kommt Effi als Steuerfrau, die uns durch die wilden Fluten treiben will. Als drittes und letztes Boot legen wir ab, und bald schon werden wir durch die ersten Stromschnellen gespült. Kaum geht es etwas schneller, ertönt Effis erstes Kommando: „Team, paddle!“, und alle sechs stechen wild in das tosende Wasser hinein. Hinten lenkt Effi gekonnt an den vereinzelten Felsen vorbei, und so überstehen wir den ersten Abschnitt unbeschadet.

Naß werden wir ganz schön, und überall über der Wasseroberfläche schwirren riesige Mücken herum, aber das Wetter ist wunderbar, es ist schön warm, und wir haben riesigen Spaß. Über weite Strecken können wir uns nur ruhig dahintreiben lassen. Auf diesem Abschnitt ist der Fluß nicht ganz so wild, und so hat Effi genug Zeit, sich mit uns zu unterhalten. Sie erklärt uns, warum der Fluß so weiß ist. Es sind die sogenannten „Rockflowers“, winzige Steinpartikelchen, die vom Gletscherwasser abgeschliffen und mitgerissen werden und ihm diese Farbe verleihen.

Athabasca FlussDer Athabasca River wird vom Athabasca Gletscher gespeist, und wenn man bedenkt, dass das geschmolzene Gletscherwasser etwa einen Tag für hundert Kilometer benötigt, so fahren wir jetzt auf dem Eis, auf dem wir gestern nachmittag noch gestanden haben. Eine faszinierende Vorstellung…

Das Wasser ist hier mickrige 5 Grad kalt, trotzdem springen Helge und Thorsten auf Effis Empfehlung hin auf einem ruhigen Teilstück in die Fluten. Gletscherwasser ist das klarste und gesündeste Wasser überhaupt, klärt uns Effi auf und nimmt einen kräftigen Schluck aus dem Fluß.

Nach 13 Kilometern Fahrt haben wir am Schluß die beiden vor uns aufgebrochenen Boote überholt und sind die ersten, die an einem flachen Uferstück wieder an Land gehen. Es hat wirklich Spaß gemacht, aber Jasmin meint, es hätte ruhig noch etwas wilder zugehen können…

Um 16 Uhr ist der ganze Spaß dann vorbei. Wir erreichen den Kotten, ziehen uns um, und nachdem wir unsere Sachen im Wohnmobil verstaut haben, gehen wir erst einmal Einkaufen. Anschließend spazieren wir noch etwas durch Jaspers Straßen, kaufen eine Flasche Wein (Alkohol gibt es hier nur in speziell lizenzierten Liquor Stores!), und nehmen um 18 Uhr in Miss Italia’s Ristorante einen Pollo Ripieno zu uns. Sehr lecker, sehr zu empfehlen.

Als wir auf dem Campground auf unseren Stellplatz fahren wollen, stellen wir mit Erschrecken fest, dass dieser belegt ist. Ich klopfe an das riesige Wohnmobil – fast ein ausgewachsener Bus, aber es rührt sich niemand. Also fahren wir zum Check-In zurück, wo man den Irrtum bemerkt und uns einen anderen Platz zuweist. Gott sei dank auch einer mit Strom. Heute scheint der Campingplatz nicht ganz so voll zu sein.

Heute abend ist es noch überraschend warm. Ich verkabele unser Heim, schließe den Abwasserschlauch an und dumpe die Tanks leer. Drinnen lese ich zufällig, dass auf dem Campingplatz die Ventile geschlossen bleiben sollen, und dass erst gedumpt werden solle, wenn die Tanks voll sind. Also gehe ich im Stockdunklen wieder hinaus und schließe die Ventile. Es wird mir schon etwas mulmig, denn selbst hier auf dem Campground laufen viele Wapitis herum, mit denen in der Brunftzeit überhaupt nicht zu spaßen ist. Fast unheimlich hört es sich an, wenn in diesem Dunkel das Röhren der Hirsche zu uns dringt.

Wir lenken uns ab mit Eisessen und Siedler-von-Catan-Spielen. Heute erringe ich meinen allerersten Sieg über Jasmin! Welch ein Tag…

Auf dem Parker Ridge Trail mit Sicht auf den Saskatchewan Gletscher

Boh, war das eine kalte Nacht! Wahnsinn, haben wir gefroren. Die ganze Nacht ohne Heizung; kein Wunder, dass wir uns kaum aus den Schlafsäcken heraustrauen. Aber da wir hier ohne Strom aus der Steckdose auskommen müssen, hielten wir es für besser, die Autobatterie nicht mit der Heizung zu belasten. Laut Benutzerhandbuch für das Wohnmobil hält die Batterie nämlich nur 2 Stunden Heizungsbetrieb aus.

Heute ist nun der neunte neunte, von dem gestern schon die Rede war. Wir haben ein Super-Wetter – wie gestern abend ist auch heute morgen keine einzige Wolke zu sehen. Zitternd ziehen wir uns an. Ich mache die Heizung nun doch an – Gott sei dank, sie funktioniert noch! Nach dem üblichen Frühstück brechen wir um ca. 10 Uhr auf, zunächst, um noch einmal zu „dumpen“, aber vor dem Wohnmobil-Klo stehen so viele Fahrzeuge in der Warteschlange, dass wir uns vorerst mit dem Nachfüllen des Trinkwassers begnügen. Anschließend biegen wir auf den Highway ein und fahren einige Kilometer zurück bis zu dem kleinen Parkplatz direkt unterhalb des Parker Ridge Trails.

Jetzt, um 10 Uhr 30, sind noch nicht viele Fahrzeuge hier, und wir packen unsere Rucksäcke, schnüren die Stiefel und ziehen los. Es geht stramm bergauf, steiler noch als auf dem „Plain of the six glaciers“-Trail. Dafür ist der Weg auch viel kürzer, nur etwa 2 1/2 Kilometer bis zum Grat, der auf 7400 Fuß Höhe liegt, also etwa 2470 Metern.

Die Umgebung hier ist einmalig. Der schmale und zum Teil etwas feuchte Weg führt durch rote, gelbe und weiße Tundra-Flora, allesamt niedrige Pflanzen, die dem Berghang eine wunderschöne Farbe geben.

Parker RidgeDer Trail windet sich mit vielen Biegungen die Steigung hinauf, und wie üblich, bleibe ich etwas hinter Jasmin zurück. Sie kann nicht anders; wenn es berghoch geht, wird sie immer schneller. Seufz. Ich blicke ihr kurz nach, wie sie schon die nächste Kurve nimmt, packe den Rucksack fester an den Riemen und stiefele weiter. Etwa eine Stunde brauchen wir für den steilen Serpentinenweg, aber oben werden wir auf das Höchste belohnt. Vor uns öffnet sich ein weites, phantastisches Tal, dessen Anblick die Strapazen mehr als wert sind.

Unser Blick fällt auf den Saskatchewan Glacier, der sich im Hintergrund in das Tal ergießt und dort einen kleinen See mit Schmelzwasser füttert, das in schmalen, sich umeinander windenden Bächen von ihm wegfließt, Richtung Highway, der von unserer momentanen Position aus aber nicht zu sehen ist. Dieses Tal öffnet sich zur Big Bend hin, die wir auf unserer Herfahrt entlanggefahren sind.

Auf der gegenüberliegenden Seite ist das Tal begrenzt durch gewaltige Felswände des Mount Saskatchewan, aus denen vereinzelt kaum zu entdeckende Wasserfälle herausschießen. Wir hören ihr Rauschen lediglich ganz leise als kaum wahrnehmbares Hintergrundgeräusch. Diese Seite des Tales jedoch steht in üppigem Grün, und ein Nadelwald ergießt sich großflächig bis hinunter zur Talsohle. Zwei Habichte kreisen über den Ästen und suchen nach Beute. Hin und wieder stoßen sie herab und entschwinden unseren Blicken.

Saskatchewan GletscherWir gehen noch ein Stückchen weiter, und etwas abseits von dem markierten Weg legen wir uns hinter einem großen Stein in das Gras. Es ist windig hier oben, aber die Sonne scheint, der Ausblick ist phantastisch, und alles Schlechte der Welt scheint unendlich weit entfernt. In dieser Idylle herrscht eine eigenartige Stille – nur der Wind und vereinzelt die Schreie der Habichte, die im Wind miteinander zu spielen scheinen, durchbrechen die Ruhe.

Eine ganze Stunde entspannen wir uns hier, hören über Jasmins Walkman leise irische Folklore, die sehr gut die Stimmung unterstreicht, in die wir uns hier hineinfallen lassen. Hier kann man es aushalten!

Schließlich aber zieht es uns wieder auf den Weg zurück. Dies ist noch nicht ganz das Ende des Parker Ridge Trails, und schließlich balancieren wir über einen schmalen Pfad, der durch loses Geröll einen Hang entlang führt, noch etwa hundert Meter weiter. Hier ist für uns aber endgültig Schluß; es scheint nicht ungefährlich zu werden. Allerdings kann man von hier aus – wir haben auf diesem Pfad die Bergkuppe ein wenig umrundet – den Highway sehen!

Der Rückweg verläuft, wie erwartet, wieder einmal schneller als der Hinweg. Dick eingemummelt – es zieht schließlich heftig in dieser Höhe – kommen uns wieder einmal Wanderer in Shorts entgegen. Etwas abseits des Weges entdecken wir einen weißen Kasten, der aus der Ferne die Größe und das Aussehen einer Waschmaschine hat. Aber so etwas hier, in 2400 Meter Hähe oben auf einer Bergwiese? Das muß ich mir genauer ansehen. Ich laufe die etwa fünfzig Meter bis zu dem Gebilde und erkenne, dass es sich um eine Wetterstation handelt, aus Holz zusammengezimmert und weiß bemalt. Das macht schon eher einen Sinn hier oben. Meine Neugier ist befriedigt, und weiter geht es hinunter, zurück zu unserem rollendem Urlaubshotel. Etwa halb zwei sind wir wieder unten auf dem Parkplatz, der mittlerweile gut gefüllt ist.

Wir machen uns leckere Schinken- und Käse-Sandwiches zum Mittag, die wir mit Heißhunger verzehren, und fahren dann noch einmal auf den Wilcox Campground hinauf, um doch noch unsere Abwassertanks zu leeren. Dieses mal ist die Dumping Station leer, und mit nun geübter Hand geht alles recht schnell. Um Viertel vor drei sind wir auf dem Weg Richtung Icefield Informationscentre.

Zuerst hat Jasmin so recht keine Lust, mit auf den Gletscher hinaufzufahren; meint, es sei nur Geldverschwendung. Aber ich möchte die Erfahrung unbedingt machen, auch wenn man nur auf einem eingegrenzten freigegebenen Gebiet auf dem Gletscher herumlaufen kann. Schließlich kann ich Jasmin doch überreden, und wir bekommen zwei Tickets für 16 Uhr. Mit meiner American Automobile Association-Karte sparen wir hier glatte zwei Dollar und bezahlen nur 22 Dollar 50 (immer noch teuer genug, gell).

Während der halben Stunde Wartezeit stöbern wir etwas durch den Souveniershop. Punkt 16 Uhr begrüßt uns dann ein Mann mittleren Alters mit wettergegerbtem Gesicht vor dem Shuttle-Bus und stellt sich als Russell Tillacaught (oder so ähnlich) vor. Inmitten einer chinesischen Reisegruppe heißt er uns als Deutsche besonders willkommen. Während der Fahrt erfahren wir und die zahlreichen anderen Fahrgäste von Russell, dass die holprige Straße, über die wir schwankend zur Snow Coach-Station kutschiert werden, 1983 gebaut wurde. Sie ist bereits einmal abgerutscht, weil der Gletscher das Felsgeröll mit sich zieht und so der Straße die Grundlage raubt.

„Gletscherwasser macht 125 Jahre alt“, gibt Russell zum besten, und erst jetzt bemerke ich, dass viele unserer asiatischen Freunde mit Plastikflaschen bewaffnet in den Bus gestiegen sind.

Nach etwa zehn Minuten schaukeliger Fahrt stoppen wir an einer einfachen Konstruktion mit Schwenktüren, um in die Snow Coaches umzusteigen. Hier verabschiedet sich Russell erst einmal von uns, während uns auf der anderen Seite die junge Jacintha in Empfang nimmt.

Sie beginnt ihre Moderation unserer Gletscherfahrt gleich mit einem Scherz: Wir sollen uns doch alle anschnallen, denn gleich gehe es das steilste Stück Straße hinunter, dass es in den Rockies gibt. Vierzig Prozent sind wirklich enorm steil, stellen wir fest, als wir in den Sitzen nach vorne kippen – ohne irgendwelche Sicherheitsgurte gefunden zu haben. Jacintha jedoch steuert den Snow Coach mit gemächlichem Schrittempo das Gefälle hinunter, das auf diese Weise natürlich nicht so gefährlich erscheint.

Bei den Snow Coaches handelt es sich um Spezialfahrzeuge aus Calgary, die ursprünglich für das Militär gebaut worden waren, und die nun nur noch hier am Gletscher im Einsatz sind. Wenige Meter hinter dem 40%-Gefälle fährt unser Fahrzeug auf die hier beginnende dicke Eisdecke des Athabasca Gletschers. Nur wenige Minuten nach Beginn der Fahrt schon können wir die ersten Sturzbäche hellblauen Eiswassers bewundern, die sich durch die Eisbrocken winden. Wir entdecken riesige Löcher im Eis, deren Grund wohl keiner von uns erkunden möchte, und erfahren von Jacintha, dass innerhalb des Gletschers als niedrigste Temperatur -32 Grad Celsius gemessen worden sei. Sie macht uns auch auf den Rand des Gletschers aufmerksam, wo sehr viel Moränen-Geröll herumliegt. Hier schmelze der Gletscher am schnellsten, teilt sie uns mit.

Auf dem Gletscher hat man für die Snow Coaches eine eigene Straße und einen eigenen Parkplatz gebaut, den wir nun ansteuern. Fünf dieser opulenten Fahrzeuge stehen hier bereits, und zahllose Menschen schlittern über das Eis. Jacintha entläßt uns für zwanzig Minuten in die Kälte.

Es ist spiegelglatt hier, aber man gewöhnt sich schnell daran. Wir befinden uns auf einer nahezu runden, geebneten Fläche, etwa fünfzig Meter im Durchmesser, und fast überall steht das Wasser einige Millimeter über dem Eis. Der Boden zu unseren Füßen hat eine ganz eigenartige Struktur; blaue Adern, die sich durch das unendlich alte Eis ziehen, Eisschnee und Wasserläufe, die grauen Dreck und schwarze Körnchen aus dem Gebirge mitbringen. Der Rand des Kreises wird umströmt von eiskaltem und glasklarem Schmelzwasser, das sich seinen Weg den Gletscher hinab sucht. Überall hocken Asiaten und füllen ihre Plastikfläschchen mit dem Lebenselixier. Wenn das man hilft…

Die Oberfläche des Gletschers sieht von hier aus wie ein gefrorenes Meer, die unzähligen Eishügel erscheinen wie erstarrte Wellen. Schade, dass die Menschen und die Snow Coaches so laut sind, sonst würde man bestimmt das Flüstern des kalten Windes als gefrorenes Meeresrauschen wahrnehmen können.

Links von uns sehen wir die benachbarten Gipfel des Mount Athabasca und des Mount Andromeda. Dazwischen leckt die Zunge eines weiteren Gletschers in das Tal hinab; es ist der sogenannte „AA“-Gletscher, der seinen Namen daher hat, dass er sich direkt zwischen den beiden Bergen, die mit „A“ beginnen, hindurchquält.

Während ich einige Fotos von den faszinierenden Eisformationen mache, meint ein gnubbeliger Japaner zu mir, dass die doch nichts werden, aber ich entgegne, dass es mir einen Versuch wert sei. Schließlich geht es um zehn vor fünf nachmittags wieder zurück, und um halb sechs befinden wir uns wohlbehalten und etwas angefroren wieder in unserem Wohnmobil.

Athabasca FallsDie Nacht wollen wir bereits in Jasper verbringen, und so machen wir uns auf, um die restlichen etwa 80 Kilometer bis dahin hinter uns zu bringen. Auf dem Weg machen wir einen kurzen Abstecher zu den Athabasca Falls, die ich aber alleine besichtige; Jasmin kann sich dazu nicht mehr aufraffen. Wie sich herausstellt, hat sie auch nicht besonders viel verpaßt. Irgendwie sind die Fälle nicht so spektakulär, und die häßliche, mächtige Betonbrücke, die den Fluß hier überspannt, verschönert den Anblick nicht gerade. Auf der anderen Seite führt eine in den Fels gehauene Treppe hinunter an das untere Ende der Fälle. Von hier aus hat man einen tollen Blick auf den wieder ruhig dahinfließenden Athabasca River. Lange lasse ich Jasmin nicht alleine im Wohnmobil. Wir fahren weiter und erreichen etwa 19 Uhr 20 den einzigen noch offenen Campground in Jasper – den Whistlers Campground.

Obwohl es sich mit 781 Stellplätzen um den größten Campingplatz Jaspers handelt, bekommen wir keinen Stellplatz mehr, der unseren Wünschen entspricht. Alle Plätze mit Strom sind vergeben; so müssen wir uns wieder mit einem einfachen Stellplatz begnügen. Man stellt uns in Aussicht, dass morgen früh andere Plätze mit Stromversorgung frei werden; also buchen wir erst nur für heute nacht und werden morgen nach einem anderen Platz fragen, denn wir wollen schon mehr als nur einen Tag hier bleiben. Ich frage mich mittlerweile nur, wie der Spruch „In Kanada haben alle Campingplätze Stromversorgung, daher brauchen die Wohnmobile dort keinen Generator“ in die Reisekataloge geraten ist; eine offensichtliche Falschinformation, die einem kalte Nächte beschert.

Als Abendessen gibt es ausnahmsweise einmal Nudeln, dieses mal mit Baked Beans – würg, der Hunger treibt’s rein. Auf dem Stellplatz gegenüber trötet einer wie blöd auf einer Elch-Trompete, um die Tiere anzulocken; es ist nämlich gerade Brunftzeit. Aber es passiert nichts, lediglich sein Hund fällt mich fast an. Um 20 Uhr 30 ist es hier – mitten im Wald – bereits pechschwarz, lediglich das Licht des Toilettenhäuschens nebenan scheint herein. Uns stört’s nicht besonders. Wir ziehen die Jalousien zu, dann geht’s ab in die Säcke!

Der Icefield Parkway – Eine der schönsten Straßen der Welt

Irgendwie schaffen wir es heute morgen, bereits um halb zehn – es ist noch richtig kalt – zum Einkaufen aufzubrechen. Obwohl uns heute nacht wieder einmal so ein Endlos-Zug mit seinem Getute vergrätzt hat. Aber eigentlich ist das ja ein Teil der Kanada-Romantik, die zum Urlaub dazugehört, oder nicht?

Kanada ist ein sehr großes Land, aber die Welt ist ja bekanntlich auch ein Dorf. Wen treffen wir also nach dem Einkauf auf dem Parkplatz, der zum Shop und zum Info Centre gehört? Die beiden älteren Paare, die mit uns aus Düsseldorf gekommen sind und ebenfalls bei Cruise Canada ihre Wohnmobile abgeholt haben. Wir unterhalten uns ein bißchen, dann ist es aber auch gut. Unser Tank ist noch halbvoll, und da die Tankstelle mehr als dieses ist, fahren wir gleich rauf auf den Icefield Parkway, ohne Benzin nachgefüllt zu haben.

Bereits nach drei Kilometern stehen Dutzende Autos und Wohnmobile am Straßenrand. Da solches immer ein Indiz dafür ist, dass es etwas besonderes zu sehen gibt, tun wir es ihnen gleich und halten ebenfalls an. Linksseitig des Highway 93, wie der Icefield Parkway eigentlich heißt, befindet sich der stille Herbert Lake, in dessen klarem Wasser sich die schneebedeckte Bergkulisse spiegelt – ein einmaliges Panorama. Mehr gibt es hier aber nicht zu erleben, und wir begeben uns weiter „on the road“.

Herbert LakeEs ist wieder einmal wunderbares Wetter, der Himmel ist klar und hellblau und die Temperaturen äußerst angenehm. Wir kommen vorbei am Crowfoot Glacier, der sich als mächtige Eiszunge in das Tal ergießt, und erreichen schließlich den Bow Lake mit der berühmten Num-ti-jah-Lodge. Die Zufahrtsstraße ist eine Zumutung, aber trotzdem tummeln sich hier mehrere Fahrzeuge und auch Reisebusse mit – na? – japanischen Rundreisetouristen.

Bevor wir uns kurz im Souvenirshop der niedlichen Lodge umschauen, konzentrieren uns auf das wunderschöne Panorama und die herrliche Lage der Herberge. Aus der Ferne hören wir ein Donnern und erkennen auch bald die Bow Glacier Falls, die weit entfernt in den See hineinstürzen. Man könnte eine Wanderung dorthin unternehmen, aber wir haben erst gestern die Takakkaw Falls bewundert und wollen heute noch etwas vorwärts kommen. Also fahren wir weiter zum nächsten interessanten Naturprodukt – dem Peyto Lake.

Das dieser ein wahrer Touristenmagnet ist, sieht man schon auf dem großen Parkplatz. Mit Glück erwischen wir noch einen Platz. Ein wenige hundert Meter langer Spazierweg, der einige kleine Steigungen überwinden muß und als Waldlehrpfad angelegt ist, führt auf eine hoffnungslos übervölkerte Aussichtsplattform hoch über dem See. Fast ausschließlich Japaner tummeln sich hier, einige Deutsche natürlich und ein französisches Pärchen, unschwer an der Sprache zu erkennen. Unerschrocken wühlen wir uns durch die mit Instantkameras bestens ausgerüsteten Asiaten, die sich gegenseitig in Gruppen ablichten, aber, wie ich glaube, nicht einmal den See fotografieren. Hauptsache zu Hause in Japan sieht man, dass sie hier waren.

Peyto LakeDer Peyto Lake bietet einen phantastischen Anblick: Dieses für Gletscherseen charakteristische Grün-Blau ist ein wahrer Augenschmaus. Wenn man so etwas nur auf einer Postkarte sieht, glaubt man nicht daran, dass es in natura tatsächlich auch so aussieht! Links von uns erkennen wir eine Gletscherzunge, die bis zum See hinunterreicht und ihn speist: schmale Bäche mit Gletscherwasser winden sich durch ein sandiges Delta und ergießen sich als weiße Fäden in den See.

Aufgrund der Menschenmenge fällt es uns trotzdem nicht besonders schwer, uns von dem Anblick zu lösen. Wir fahren weiter über den Highway, der seinem Ruf in der Tat gerecht wird: Das Panorama, das sich uns bietet, ist wirklich einmalig. Nach ca. 70 Kilometern Fahrt seit Verlassen von Lake Louise Village erreichen wir den Mistaya Canyon. Ein kurzer Wanderweg führt von dem Parkplatz durch einen dunklen, angenehm kühlen Wald hinunter zu dem „Grizzlybär“ Canyon, wie die Übersetzung des indianischen Namens lautet. Bereits vom Wanderweg aus erkennen wir die vielen schmalen und dunklen Windungen, die der Mistaya River tief in das Gestein gefressen hat. Man hört ein ständiges Gurgeln und Tosen, mit denen sich das klare und kalte Wasser seinen Weg bahnt und sich weiter in den Fels hinein gräbt.

Auf den Planken einer massiven Holzkonstruktion überqueren wir den Canyon und gelangen an seinen Beginn, wo der Fluß noch breit und offensichtlich nicht sehr tief ist, und wo die aufsprühende Gischt kleine, bunte Regenbogen erzeugt, die unsere Blicke magisch anziehen. Hier setzen wir uns auf die flachen, vom Flußwasser abgeschliffenen Felsen und genießen den Blick auf den Mistaya River, der sein Wasser heranträgt. Es ist ein herrliches Bild, das sich uns bietet, und man könnte hier stundenlang verharren, sich zurücklehnen und dem Rauschen der Fluten zuhören, obwohl wir auch hier natürlich nicht alleine sind. Wir nehmen uns ein wenig Zeit, aber irgendwann treibt es uns weiter.

Sechs Kilometer weiter, an der Saskatchewan River Crossing, wo der David Thompson Highway auf den Icefield Parkway trifft und letzterer den Saskatchewan River überquert, wird es Zeit für einen Tankstopp. Es ist die erste Tankstelle seit Lake Louise Village, und wir haben noch etwa 50 Kilometer vor uns, bis wir den Wilcox Campground erreichen, den man uns im Info Centre von Lake Louise Village empfohlen hat.

Der Tankwart fragt freundlich nach unserer Herkunft und wünscht uns einen schönen Urlaub, und wir folgen weiter dem Highway 93, der von hier an von dem Saskatchewan River begleitet wird. Der Flußlauf bietet einen faszinierenden Anblick; unzählige Arme durchfließen die breite Talsohle, die vor Jahrtausenden von riesigen Gletschern gebildet worden war.

Vor den Aussichtspunkten zu den Bridal Veil Falls und den Panther Falls muß der Highway einen Berg erklimmen, und so fahren wir die „Big Bend“, eine große Rechtsschleife, die in die enorme Steigung übergeht, die hier zu überwinden ist. Es ist beinahe schon eine Schande, wie der Highway hier den Flußlauf zerschneidet.

Oben angelangt, machen wir Halt auf dem Parkplatz, auf dem auch ein Quartett Schneeziegen Gast ist. Allerdings zeigen sie uns kalt das Hinterteil und werden erst vertrieben, als ein anderes Urlauberpärchen nach „Miez-Miez“-Manier die Tiere streicheln will. Schrecklich, so was. In der Ferne sehen wir die Panther Falls an einer Steilwand des Cirrus Mountain herabstürzen, und der Blick reicht weit zurück über den Lauf des Highway 93. Von hier oben erahnt man erst richtig, welch gewaltige Eismassen dieses Tal erzeugt haben müssen, und die nahezu perfekte U-Form des Tal-Querschnitts ist deutlich zu erkennen.

Auf unserer Weiterfahrt kommen wir an der Parker Ridge vorbei, einem kurzen Trail, den wir morgen früh wandern wollen. Heute wollen wir uns jedoch erst noch einen Camping-Stellplatz sichern, und wir fahren ein paar Kilometer weiter, überqueren die Grenze zwischen den Nationalparks von Banff und Jasper und erreichen die kurze Stichstraße, die zum Wilcox Campground hinaufführt.

Ein kurzer Blick auf die große Holztafel am Eingang genügt, um zu erkennen: „Self register“! Nun müssen wir also auch diese Erfahrung machen, nehmen uns einen grauen Zettel mit und suchen uns einen freien Platz. Zu unserem Glück ist gleich die Nummer Eins frei, und wir stellen uns quer auf den Platz. Da ich nicht ganz sicher bin, welches Datum ich auf dem Registrierzettel einzutragen habe – das heutige oder das Abreise-Datum – frage ich unsere Camping-Nachbarn. Es ist das Datum von heute, teilt man mir freundlich und mit dem hier üblichen „You’re welcome“ mit, und wir heften den ausgefüllten Abschnitt des Zettels an den kleinen Holzpfosten. Wir entschließen uns, noch zum Icefield Centre zu fahren, das nur einige Kilometer weiter direkt am Highway liegt, und verlassen unseren nun reservierten Stellplatz wieder. Als ich den 9 Dollar 50-Obulus in der Registriertüte in den entsprechenden Briefkasten an der Einfahrt des Campgrounds einwerfen will, sehe ich, wie ein anderes Wohnmobil auf unseren Stellplatz fährt. Wir warten einen Moment, um zu sehen, ob es wieder weg fährt, aber im Gegenteil: die Leute steigen aus. Also gehe ich hin, um die Sache zu klären, und versuche dem Mann auf Englisch zu verdeutlichen, dass wir gerade eben den Platz für uns besetzt haben.

„Ich glaube, wir können deutsch miteinander reden“, antwortet der (wirklich überall Deutsche hier!) und sagt, es sei ja schon der neunte September, und da auf dem Zettel der achte stehe, dachten sie, der Platz sei nun frei. Wie das so ist, denke ich natürlich: Oh, da haben wir uns im Datum geirrt – im Urlaub vertut man sich ja schon mal. „Macht nichts“, heißt es von dem Mann, „dann suchen wir uns einen anderen Platz“.

Zufrieden gehe ich zurück, fülle einen neuen Zettel mit geändertem Datum aus und erzähle Jasmin von dem Gespräch.

„Aber wir haben heute den achten!“ sagt sie überzeugt, und um das noch einmal bestätigt zu wissen, frage ich zwei Leute, die in einem Pkw neben der Campground-Einfahrt Pause machen, nach dem heutigen Datum. Die schauen mich zwar etwas irritiert an, aber geben einstimmig zu Protokoll, dass heute der achte sei. Etwas verstimmt ob der Tatsache, dass der Mann so selbstbestimmt Recht zu haben glaubte, hefte ich den ersten Zettel mit dem korrekten Datum wieder an den Pfosten. Hauptsache, es kommt nicht noch jemand, der sich im Datum irrt!

Endlich können wir weiter zum Icefield Centre fahren. Es gibt hier einen riesigen Parkplatz, der allerdings um diese Jahres- und Tageszeit nicht besonders voll ist. Auf der anderen Seite des Highway erkennt man deutlich die riesige, dreckig-braune Eiszunge des Athabasca Gletschers, den man mit Schneebussen befahren kann. Links neben dem Gletscher führt eine Straße her, auf der einige Reisebusse fahren.

Parker RidgeWir betreten das große Gebäude und erkundigen uns am Snocoach Ticket Office, ob heute noch Busse fahren, aber es ist schon 17 Uhr 15, und die letzte Fuhre ist gerade abfahrbereit. Also nehmen wir uns das für morgen nachmittag vor, nachdem wir die Parker Ridge erwandert haben. Ich erkundige mich noch bei dem jungen Mädchen hinter dem Schalter, auf welchem Teil des Gletschers die Busse fahren (es gibt nämlich drei Stufen), aber sie versteht zunächst nicht, was ich meine. Nach mehreren Versuchen (so schlecht ist mein Englisch doch auch wieder nicht) antwortet sie dann, dass die Fahrzeuge nur unten auf dem Gletscher fahren, da es oben zu gefährlich ist.

In dem Centre gibt es einen Souveniershop, ein Cafe und ein Hotel, und überall wimmelt es von Japanern. Viele beeilen sich, noch ihren Schneebus zu erreichen, andere eilen in die andere Richtung, um ihren Reisebus nicht zu verpassen. Es ist schon witzig. Schön, dass wir genügend Zeit haben und sagen können: Was soll’s, dann machen wir es halt morgen. Uns ist jetzt schon nach den wenigen Tagen klar, dass ein Wohnmobil-Urlaub hier genau das richtige ist, um frei von Streß und selbstauferlegtem Zeitdruck die Reise genießen zu können.

Im Erdgeschoß des Gebäudes befindet sich ein kleines Museum, das über die Flora und Fauna sowie die Entstehung und das Zurückweichen des Gletschers Auskunft gibt. Seit 1870, wo der Gletscher sogar die Stelle, an der jetzt das Informationszentrum steht, bedeckte, hat er sich mehrere hundert Meter zurückgezogen.

Wir steigen wieder in unser Fahrzeug und fahren über eine Stichstraße, die auf der anderen Seite des Highway zu einem kleinen Parkplatz führt, nahe an den Fuß des Gletschers heran. Steinerne Tafeln, mit Jahreszahlen beschriftet, säumen den Weg, und wir erkennen, wie schnell sich das Eis in den letzten Jahren zurückgezogen hat. Wenn man den Gletscher so ansieht, denkt man, er fließe in das Tal, aber in Wirklichkeit befindet er sich auf dem Rückzug.

Von dem Parkplatz führt ein kurzer Weg hinauf zu den Ausläufern des Gletschers, zu den Eismassen, die als nächste schmelzen werden, so dass wir sie bei einem Besuch einige Jahre später wohl gar nicht mehr zu Gesicht bekommen würden. Es geht steil bergan, und es ist hier so ungemütlich, dass wir froh sind, unsere Jacken angezogen zu haben. Fünfzig Meter Höhenunterschied haben wir zu überwinden und müssen dabei kleinere Bäche Eiswassers durchwaten oder übersteigen. Oben angelangt, stehen wir vor den mächtigen Eismassen, die sich schon hier unten weit hoch wölben. Man gewinnt schnell einen Eindruck, wie enorm dick das Eis weiter oben sein muß. Ein Absperrungsseil trennt uns von dem Gletscher, was einen älteren Herren allerdings nicht davon abhält, mit einem Wanderstock bewaffnet doch hinauf zu klettern und einige Schritte herumzuspazieren. Da wir im Informationszentrum gelesen haben, dass erst letztes Jahr ein deutscher Urlauber bei so etwas ums Leben gekommen ist, lassen wir das lieber. Ich gehe aber näher heran, um den Gletscher hier wenigstens einmal berührt zu haben. Er sieht aus wie Schnee, aber fühlt sich kalt und hart wie Eis an, steinhart sogar. Bereits hier vorne ist der Gletscher stark zerklüftet, und tiefe Spalten, ähnlich den Saurierkrallen-Spuren unterhalb des Victoria-Gletschers, zerteilen die Ausläufer in unzählige eisige Finger.

Auf dem Rückweg zum Fahrzeug kommen uns wieder einmal Touris in Shorts und T-Shirts entgegen – und wir können unsere Kaputzen gar nicht tief genug in’s Gesicht ziehen. Sind die verrückt und leichtsinnig, oder so abgehärtet, und wir die Memmen? Ich weiß ja nich’…

Zurück auf dem Wilcox Campground stellen wir beruhigt fest, dass unser Platz tatsächlich noch frei ist, und wir machen uns für den Abend bereit. Unser Stellplatz ist leicht abschüssig, und ich lege einige dicke Steine vor die Vorderräder, damit der Wagen auch ja dort stehen bleibt, wo wir ihn haben wollen.

Heute haben wir also dann doch keinen Strom aus der Steckdose, und wir müssen zum ersten mal von der Autobatterie leben. Aber der Platz ist herrlich gelegen, und bei einem kurzen Rundgang erhaschen wir einen wunderschönen Blick über die Ebene und auf den Gipfel des Mount Athabasca. Zum Abendessen gibt es Nudeln mit Soße, und um 20 Uhr 50 sitze ich – nur mit der Taschenlampe bewaffnet, um die Autobatterie zu schonen – am Tisch und studiere die diversen Reiseführer und Karten, die wir mitgenommen haben. Jasmin kommt aus der Toilette und sagt, es rieche nach Benzin, aber draußen kann ich nichts sehen und riechen, und so lassen wir es dabei bewenden. Probleme mit dem Wohnmobil möchten wir hier wirklich nicht haben…

Jasmin will eine Gute-Nacht-Geschichte oder ein Lied hören, aber ich konzentriere mich lieber auf den Himmel. Keine einzige Wolke ist zu sehen, es wird bestimmt ein toller Sternenhimmel werden. Um 21 Uhr ist es fast total dunkel, und so langsam werden wir müde…

Wanderung auf dem Plein-of-the-six-glaciers-Trail

Wie immer ist es schrecklich, wenn der Wecker unbarmherzig losklingelt und einen aus Schlafen können wir trotzdem ganz gut, nur nicht aufstehen: Halb acht klingelt wieder der Wecker, und um zehn nach acht bequeme ich mich dann endlich aufzustehen.

Lake Louise WandernDas übliche Morgen-Procedere kostet wieder einmal Zeit, und so erreichen wir dann endlich um halb elf nach einigen quälenden Kilometern des Berg-Hochfahrens den berühmten See Lake Louise. Wir packen unsere Sachen, schnüren die Stiefel – und los geht’s! Die ersten zwei Kilometer geht es flach den See entlang – ein wunderschöner Uferweg. Klares Wasser, Natur, Japaner: alles da, was man braucht im Urlaub. Das Chateau Lake Louise, das mittlerweile fast eine japanische Enklave ist (hier steigen die ganzen japanischen Pauschaltouristen ab, die mit Bussen herangekarrt werden), sieht eigentlich mehr wie ein Krankenhaus denn wie ein Hotel aus: Mit seiner ockergelben Farbe hebt es sich jedenfalls sehr gut von seiner Umgebung ab.

Um diese Zeit ist hier schon eine ganze Menge los, und so gibt es entlang des Sees auch viele Spaziergänger. Als es jedoch zur ersten Steigung am Ende des Sees geht, sind wir erst einmal wieder allein. Von hier an geht es nur noch ziemlich steil (laut Broschüre soll der Weg „moderate“ sein – meine Güte, sind wir untrainiert!) bergan. Etwa 400 Höhenmeter haben wir zu überwinden (was ja gar nicht so viel ist), um das Teehaus auf 2100 Metern zu erreichen und anschließend den Weg mit dem Blick auf den Victoria-Gletscher zu beenden.

Aber der Weg ist wunderschön, und das Wetter mal wieder herrlich. Wir werden mit traumhaften Ausblicken auf den Lake Louise, der hinter uns immer kleiner wird, und auf die Gletscher, die vor uns liegen, belohnt. Hin und wieder hören wir ein fernes Donnergrollen, wahrscheinlich Eismassen, die in die Tiefe stürzen. Leider kriegen wir dieses Schauspiel nicht zu sehen. Nur einmal entdecken wir eine Schneewolke, die hinter einem Bergmassiv hervorquillt.

Der Weg führt zum Teil durch dichte Vegetation, zum Teil auf nur fünfzig Zentimeter breiten Pfaden an den hier hoch aufragenden Felswänden entlang. An einer flachen Stelle überholen wir eine Gruppe von Wanderern, der wir uns fast angeschlossen hätten. Im Info-Centre hatte man uns mitgeteilt, dass heute auf diesem Weg auch eine geführte Wanderung stattfinden würde. Zu neun Uhr morgens konnten wir uns dann aber doch noch nicht aufraffen…

Nach der für uns ungeübte, aber motivierte Wanderer doch recht anstrengenden Wegstrecke erreichen wir endlich das „Tea house“. Hier treffen wir alle Wanderer wieder, die wir auf dem Weg überholt haben (gab es da welche?) und die uns überholt haben (da gab es ganz sicher welche). Genau genommen ist die gar nicht so kleine Wanderergemeinschaft, die sich auf den Baumstämmen und dem Rasen vor dem Haus erholt, das allererste, was man auf dieser Hochebene entdeckt, bevor man das kleine Holzhäuschen sieht. Es ist sehr romantisch gelegen, etwas versteckt zwischen der Berg-Flora, nicht weit vom steilen Berghang entfernt.

Victoria GletscherAber noch gönnen wir uns keinen Snack und keine Erholungspause, denn wir sind noch nicht am Ende des Weges angelangt. Richtung Norden geht es noch ein Stückchen, etwa einen halben Kilometer, weiter zum eigentlichen Aussichtspunkt auf den Victoria-Gletscher. Da wir schon so weit gekommen sind, schaffen wir auch noch den Rest. Allerdings wird es hier auf dem recht ungeschützten letzten Stück sehr kalt, und der Wind pfeift uns derbe um die Ohren. Schnell ziehen wir unsere Jacken an und die Kaputzen tief in die Stirn. Weiter geht’s über einen schmalen Grat, der nur aus Schutt und Felsgeröll zu bestehen scheint, einige Dutzend Meter hoch über dem felsigen Untergrund des Hochplateaus, auf das sich der Gletscher ergießt. Das Platzmachen für entgegenkommende Wanderer ist nicht ohne.

Von hier oben sieht man die Ausläufer des Gletschers mit ihrer dreckigen Oberfläche und vielen tiefen Furchen, die aussehen wie von riesigen Dinosaurierkrallen in den Boden gerissene Wunden. Anmutig erhebt sich südlich von uns der mächtige Gipfel des Mount Lefroy und vor uns der 3464 Meter hohe Mount Victoria. Zwischen den beiden Felsmassiven erstreckt sich das schmutzig-weiße Band des Victoria-Gletschers. Irgendwann geht es nicht mehr weiter, und wir erreichen den Aussichtspunkt, der nur aus einem unsicheren kleinen Geröllplateau besteht, und können sogar den Abbot Pass mit der Abbot Pass Hut erkennen, die auf 2900 Metern Höhe liegt. Aber dort zieht uns im Moment nichts hin. Wir sind so auch glücklich und stehen staunend vor diesem gewaltigen Stück Natur – und wieder einmal vor einigen Erdhörnchen, die selbst hier oben, wo nur noch Tundra-Vegetation wächst, herumtoben.

So, jetzt haben wir uns aber eine Belohnung verdient: Los geht’s, zurück zum Tea House, wo wir dann trotz Faltblatt-(Fehl-)Auskunft doch Kaffee bekommen – und leckeren Schokoladenkuchen. Genau das Richtige für mich, um wieder zu Kräften zu kommen. Jasmin konzentriert sich hingegen auf den Verzehr ihres Apple Pie. Groß sind die Portionen nicht, aber lecker! Wenn man bedenkt, dass die ganzen Waren hier per Maulesel hinauf transportiert werden müssen, sind die Preise ganz okay. Wir relaxen noch ein wenig auf der engen Galerie des zweistöckigen Holzhauses, auf der nur etwa sieben bis acht kleine Tische Platz haben, und machen uns dann auf den Rückweg. Scherzhaft schlage ich vor, den Highline Trail über Lake Agnes und den Mirror Lake zu nehmen, aber Jasmin ist nicht so begeistert. Man muß ja auch nicht immer gleich alles auf einmal machen…

Unten am See beobachten wir noch einige Kletterer, die an den hiesigen Felsen einige Übungen absolvieren, und nach einem schnellen Rückmarsch sind wir um 16 Uhr 30 zurück in unserem Wohnmobil. Unsere Füße danken es uns. Wir erholen uns etwas bei einer Portion des leckeren Vanille-Eises, das wir uns besorgt hatten, und machen uns dann auf den Weg in den Yoho Nationalpark, der unsere nächste Station sein soll.

Great Divide HighwayWir fahren den Highway 1 A weiter, der ab Lake Louise Village jetzt Great Divide Highway heißt, als Jasmin plötzlich aufschreit und „Halt, halt!“ ruft. Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht, und bin so überrascht, dass ich erst spät reagiere. Etwas zu spät, wie sich herausstellt, denn das Wohnmobil kommt erst etwa fünfzig Meter hinter dem kleinen Schwarzbären zum Stehen, der Jasmin zu ihrem enthusiastischen Aufschrei Anlaß gab. Jasmin schnappt sich den Fotoapparat, robbt über das Bett und versucht zum hinteren Fenster hinaus, das Jungtier einzufangen. Bevor wir das schwarze Knäuel, das da am Straßenrand klagend nach seiner Mutter ruft, aber genauer beobachten können, halten auch schon andere Wagen – genau in unserem Blickfeld! Ich lasse Jasmin natürlich nicht aussteigen – zu gefährlich. Da es für uns nichts mehr zu sehen gibt, machen wir uns wieder auf den Weg. Arme Jasmin – ist richtig traurig, dass sie das kleine Vieh kaum beobachten konnte.

Hinter dem Sink Lake führt der Weg wieder auf den Trans-Canada Highway, und nach einigen Kilometern bergab erreichen wir einen Aussichtspunkt, von dem aus man den Lower Spiral Tunnel sehen kann – sehen könnte, wenn nicht noch so viel Laub an den Bäumen hängen würde! Der Lower und der auf der anderen Seite des Highways liegende Upper Spiral Tunnel dienen den unendlich langen Zügen der kanadischen Bahngesellschaft als Hilfen, den enormen Höhenunterschied problemlos zu überwinden, der sich auf diesem Streckenabschnitt ergibt. Früher hatte es viele Unfälle gegeben, weil für die Züge das steile Gefälle zu gefährlich war, und so hatte man nach Vorbild des Gotthard-Tunnels in der Schweiz diese beiden Tunnel gebaut. Eine wahrlich meisterhafte Ingenieursleistung.

Unser eigentliches Ziel sind jedoch die Takkakaw-Falls, die mit 384 Metern Falltiefe zu den höchsten Wasserfällen Nordamerikas gehören. Wir biegen am Monarch Campground auf eine Seitenstraße ab, die zu den Fällen führt, und stoppen irritiert an einem Schild mit der Aufschrift: „Für Trailer gesperrt“. Wir sind uns nicht ganz sicher, ob unser Wohnmobil nicht vielleicht auch gemeint ist, und ich erkundige mich bei zwei Männern, die sich gerade auf dem Campground einmieten. Sie klären mich dann auch gleich über den Hintergrund des Schildes auf: Nach einigen Kilometern auf dieser Straße kommt nämlich eine sehr enge Serpentine, die man mit einem Wohnanhänger nicht überwinden kann. Ein Wohnmobil, wie wir es aber verwenden, schafft die Kurven noch, wenn wir weit ausholen. Beruhigt fahren wir also weiter, ohne wirklich genau zu wissen, WIE eng diese Serpentine sein wird…

Zunächst halten wir jedoch noch einmal am benachbarten Kicking Horse Campground. Auch hier muß man sich – wie beim Monarch Campground – selbst als Besucher eintragen und einen freien Platz suchen. Da wir nicht wissen, woran man einen freien Platz erkennt, frage ich zwei andere Urlauber – wie sich herausstellt, ein deutsches Pärchen – danach. Sie erklären mir, wie man die kleinen Zettel handhabt und dass ein Stellplatz belegt ist, wenn solch ein Zettel mit heutigem Datum an dem kleinen Holzpfosten hängt, der auf jedem Platz steht. „Es gibt aber nicht auf jedem Stellplatz eine Feuerstelle“, sagen sie mir noch. „Egal“, antworte ich leichthin, „Hauptsache, es gibt Strom.“

„Strom gibt es hier aber nicht!“ erhalte ich als vernichtende Entgegnung. Kein Strom?! Wie sollen wir dann den Abend überstehen?! Nur aus der Autobatterie leben? Und womöglich die Erfahrungen des ersten Wohnmobil-Tages mit der entleerten Batterie wiederholen? Nein, nicht mit uns. Dann fahren wir lieber nachher zurück und verbringen die Nacht noch einmal auf dem Lake Louise Campground. Da weiß man, was man hat!

Weiter geht es über die Yoho Valley Road, den Yoho River entlang, links und rechts herrliche Wälder und vereiste Gipfel. Und dann sehen wir ein Hinweisschild auf die Serpentine: Fahrzeuge mit mehr als 7 Meter Länge kommen hier nicht hoch, heißt es. Es sind bei uns zwar einige Zentimeter mehr, aber wenn der nette kanadische Camper sagt, wir schaffen es, dann schaffen wir es auch! Die erste Kurve ist auch noch kein Problem, aber die zweite ist enorm eng: Eine Hundertachtzig-Grad-Kehre erwartet uns! Schräg am Berg stehend lasse ich erst ein entgegenkommendes Fahrzeug vorbei, dann mache ich mich an die Kurbelei. Ich hole weit links aus und fahre rechts um die Kurve, stehe aber immer noch etwa in einem 50-Grad-Winkel an der Steilwand, welche die Serpentine hier überwindet. Jasmin steigt schnell aus und zeigt an, wie weit ich zurücksetzen kann, ohne die Leitplanke zu durchbrechen und einige Dutzend Meter in die Tiefe zu stürzen. Dann geht es wieder vorwärts, und endlich schaffe ich die Kurve. Gott sei Dank ist uns bei diesem Manöver kein Wagen entgegengekommen. Ging ja doch alles recht gut.

Weiter geht’s die wunderschöne Yoho Valley Road entlang, bis wir endlich das Ziel unserer Fahrt erreichen. Nach einem kurzen Spaziergang über eine Holzbrücke hinweg, die den hier nur etwa fünf Meter breiten Yoho River überspannt, gelangen wir an die gigantischen Fälle. Sie sind wahrhaft imposant; der Blick schweift in die Höhe, und man versucht sich vorzustellen, wie fast vierhundert Meter über uns die Schmelzwassermassen des Daly Glaciers über die Felskante stürzen. Die eisige Gischt sprüht bis zu dem kleinen Weg herüber, der an die Fälle heranführt. Ich klettere über die großen und kleinen Felsbrocken, die im Laufe der Zeit von der Kraft des Wassers aus der Steilwand gelöst wurden und heruntergestürzt sind, noch ein Stückchen hinauf und näher heran, um das Sprühwasser noch intensiver zu spüren. Es ist ein unglaubliches Gefühl, diesen riesigen Fälle so nahe sein zu können. Die Berge im Hintergrund, in deren Richtung das hinunter gestürzte weiße Gletscherwasser fließt, sehen wie gemalt aus. Die beginnende Abendröte verstärkt die ganze zauberhafte Atmosphäre noch.

Andere Urlauber sind anscheinend nicht so begeistert; sie sind nach uns gekommen und gehen schon wieder, als ich immer noch Jasmins „Sei bloß vorsichtig; du übertreibst es mal wieder“-Rufen zum Trotze auf den Felsen hocke. Ich passe ja auch auf, bin ja schließlich nicht leichtsinnig. Aber manchmal muß man sich auch mal ein bißchen gehen lassen – finde ich.

Lake Louise VillageWir nehmen Abschied und kehren über den Highway 1 nach Lake Louise Village zurück zu unserem Campingplatz mit Strom. Dieses mal erhalten wir Platz Nr. 123, ganz hinten am Ende des Campgrounds. Erst jetzt bemerken wir, wie riesig dieses Gelände ist.

Jasmin amüsiert sich über mein rotes Gesicht, während wir das Abendessen vorbereiten. Immerhin habe ich heute etwas Farbe bekommen – Jasmin ist ja eh‘ immer braun. Plötzlich piept unser alter Bekannter, der Feuermelder wieder los. Wir haben den gebackenen Fisch in der Pfanne zu braten versucht, ohne die Dunstabzugshaube anzuschalten. Das wird natürlich sofort bestraft. Hoffentlich haben wir keinen unserer zahlreichen Nachbarn aufgeweckt, schließlich ist es schon 21 Uhr.

Es war ein wundervoller Tag mit der herrlichen Wanderung und dem Blick auf die Takakkaw Falls, aber wir werden nicht noch einmal in den Yoho National Park hineinfahren. Statt dessen werden wir morgen früh gleich weiter Richtung Norden fahren, über den berühmten Icefield Parkway. Wir sind gespannt, was uns so erwartet…

Richtung Norden nach Lake Louise

Wie immer ist es schrecklich, wenn der Wecker unbarmherzig losklingelt und einen aus dem wohlverdienten Schlaf reißt. Diesmal um halb acht. Wir wollen heute nämlich etwas früher los. Ohne die Tücken des gestrigen Morgens sind wir um 9 Uhr 15 mit dem Frühstück fertig und brechen auf.

Zunächst schauen wir noch mal in Banff-Town vorbei, um einige Kleinigkeiten einzukaufen, vielleicht sogar einige Souvenirs. Jasmin legt dann auch kräftig vor mit einigen T-Shirts, bevor ich dann mit einer genialen Elchmütze gleichziehen kann. Etwas Süßes aus einer Confiserie, in der die Pralinen im Schaufenster hergestellt werden, muß natürlich auch mit. Dann geht’s aber los. Heute wollen wir weiter in Richtung Norden, den Bow Valley Parkway – den Highway 1A, die angeblich schönere Nebenstrecke – entlang über den Johnston Canyon nach Lake Louise.

Zunächst aber drehen wir noch eine Runde durch das Büffel-Gehege, dass nördlich von Banff direkt auf der anderen Seite des Highway 1 gelegen ist. Allerdings scheint für die Viecher die Saison schon vorbei zu sein; kein einziges Zotteltier bekommen wir zu Gesicht, dafür aber die schreckliche Schotterstraße umso deutlicher zu spüren: Ich traue mich kaum schneller als Schrittempo zu fahren.

Auf dem Bow-Valley-Highway geht es dann schneller, aber auch nur mit maximal 60 Stundenkilometer vorwärts. Um 11 Uhr 30 erreichen wir den sehr gut gefüllten Parkplatz am Johnston Canyon. Wir finden noch eine passende Parklücke für unser „Rolling Home“, und ich parke zum ersten mal rückwärts ein. Mit Jasmins Hilfe klappt das sehr gut.

Johnston Canyon Lower FallsDer Canyon ist ein beliebtes Ausflugsziel. Das sieht man sofort an dem Café-Restaurant, das unweit des Parkplatzes am Beginn des Wanderweges gelegen ist. Auch die regelrechten Menschenmassen sind ein weiteres Indiz dafür. Wir haben zwar damit gerechnet, dass wir selbst in Kanada nicht ganz einsam sein würden, aber dieser Andrang überrascht uns doch.

Während wir uns mit Rucksack und Fotoapparat auf den Weg zu den Lower und den Upper Falls machen, die etwa 1,1 bzw. 2,7 km entfernt in den Canyon hinunterrauschen, scheinen mit uns tausend Leute unterwegs zu sein. Dabei scheinen alle Urlaubergattungen dabei zu sein: von den Shirts- und Shorts-Wanderern über dick eingemummelte Leute und ganze Schulklassen bis hin zu einigen Outdoor-Machos, die unbedingt die Canyon-Felsen hochklettern müssen. Auf einer Holzbank machen wir Pause und lassen das ganze Volk an uns vorbei ziehen. Irgendwie scheinen wir interessant zu sein, denn offensichtlich bewundert man uns aus irgendwelchen Gründen. Vielleicht, weil wir die einzigen sind, die glauben, ein Päuschen verdient zu haben…

Ach ja: und wieder sind viele Chipmunks zu sehen, die hier recht zutraulich sind und wohl auf Fütterung hoffen. Sehr empfindsame Näschen scheinen sie zu haben, denn sie riechen die Mandel-Snack-Reste im Papier!

Johnston Canyon Upper FallsEs geht auf und ab (meistens jedoch auf) am Canyon entlang, der durch einen dichten Nadelwald führt. Zeitweise geht es rechts von uns gute zehn Meter in die Tiefe. Die Lower Falls sind nicht so besonders spektakulär, und nach gut 70 Minuten bequemen Wanderns erreichen wir die Upper Falls, die man von einer Holzbrücke aus bewundern kann, aber auch von einer Art Fels-Balkon aus, den man durch einen in den Fels geschlagenen Höhlengang erreichen kann (Vorsicht: Bücken!). Interessant sind hier die kalkigen Canyonwände, an denen das aus den Bergen herunterfließende Wasser herab tropft und stalaktitenähnliche Gebilde erzeugt. Bald machen wir uns auf den Rückweg und erreichen um 20 vor drei den Parkplatz. Nach kurzer Pause geht es dann weiter nach Lake Louise, wo wir als erstes den Campground ansteuern.

Lake LouiseLake Louise selbst scheint nur aus einer Eisenbahnlinie, einer – nein: zwei – Straßenkreuzungen, einer Tankstelle, einem Restaurant, einigen Shops, dem Tourist Information Centre (ganz wichtig!) und dem Campground (vielleicht noch wichtiger!) zu bestehen. Irgendwo stehen noch ein paar Häuser, in denen einige Leute zu wohnen scheinen, aber irgendwie nimmt man sie gar nicht so wahr.

Den Campground finden wir sofort. Wir mieten einen Stellplatz mit Stromanschluß, fahren dann aber sofort zur „Sani Dump Station“ des Campingplatzes, um zum allerersten mal unsere Abwassertanks zu leeren und Frischwasser aufzufüllen. Von drei Campern, die etwa zur gleichen Zeit „dumpen“, sind wir die ersten, die gekommen sind, und die letzten, die wieder wegfahren. Wenn man erst einmal weiß, was man alles genau zu tun hat (und wo die Schläuche sind und wo sie rein müssen!), dann geht alles eigentlich ganz einfach. Gut, dass ich mir Gummihandschuhe für diese doch etwas unangenehme Arbeit besorgt habe!

Dann geht’s los zum hiesigen Info-Centre, wo wir Material über Yoho und den Icefield Parkway sowie geführte Wanderungen besorgen. Wir wollen morgen den Trail „Plain of the six glaciers“ wandern und erkundigen uns, ob man den alleine gehen kann, zumal man uns beim Einmieten auf dem Campground von Bärensichtungen im Gebiet erzählt hat. Die nette Dame gibt uns aber Entwarnung: Entlang dieses Wanderweges seien keine Bären zu finden und man könne beruhigt alleine wandern, obwohl man nicht alleine sein wird, da der Weg sehr beliebt sei. Hoffentlich nicht so wie der Johnston Canyon, denken wir uns…

Den heutigen Tag wollen wir mit dem Besuch des Moraine Lake beschließen. Die etwa vierzehn Kilometer lange Straße von Lake Louise aus dorthin kommen wir uns mal wieder vor wie ein Verkehrshindernis. Teilweise scheint das Wohnmobil an den Steigungen regelrecht schlapp zum machen, und bei der kurvigen, unbekannten Strecke fahre ich eh‘ nicht so schnell. Aber irgendwann kommen selbst wir an – und sind dann erst einmal sprachlos. Wunderschön liegt der tiefblaue See, umrahmt von hohen, zum Teil mit Schnee und Eis bedeckten Gipfeln, die sich im Wasser spiegeln. Am West- und Nordufer des Sees rieseln Felsmoränen in sanftem Gefälle in den See, der zu Fuß nicht zu umrunden ist. Hier gibt es lediglich einen Parkplatz und eine Lodge. Es wird kalt und windig, und wir sehnen uns nach unseren Pullovern im Wohnmobil. So lösen wir uns also von dem phantastischen Anblick und kehren nach Lake Louise zurück, wo wir in das Mountain Restaurant einkehren und einen Chicken Burger und ein 6oz. Steak verschlingen sowie einen halben Liter Rotwein zu uns nehmen. Nach der Rückkehr auf den Campground – es ist längst schon wieder dunkel! – nehmen wir uns zum ersten Mal ein wenig Zeit zum Postkartenschreiben.

Der Campground liegt direkt am Bow River und soll Bärengebiet sein, und somit ist es nicht unspannend, im Dunkeln draußen den Strom anzuschließen. Hin und wieder horchen wir hinaus, ob sich etwas tut, aber alles bleibt ruhig. Nein, nicht alles: Regelmäßig donnert pfeifend ein Zug vorbei; er scheint wirklich endlos zu sein: Laut Reiseführer haben die Züge hier eine Länge von etwa 100 Waggons und werden von bis zu sieben Zugmaschinen gezogen. Kein Wunder, dass das Getute gar nicht mehr aufhören will…

Auf Tour im Banff National Park

Halb acht wache ich auf. Es ist saukalt in unserem Fahrzeug – wir haben ganz vergessen, gestern abend noch durchzuheizen. Ich werfe die Heizung an und mir etwas über und gehe dann erst mal ’ne Runde nach draußen, um an der Morgenluft zu schnuppern. Zitternd muß ich feststellen, dass es außerhalb des Wohnmobils noch kälter ist als drinnen.

Aber der Anblick des 1692 Meter hohen Tunnel Mountain, den man leicht angerötet im Morgenlicht klar erkennen kann, läßt mich die Temperatur schnell vergessen. Es ist wunderschönes Wetter, der Himmel klar und hellblau, und wir sind hier in Kanada im Urlaub. Ein tolles Gefühl. Aber bald meldet der Körper mit Kaffeedurst und Frühstückshunger seine Ansprüche an, und ich haste wieder in das Wageninnere.

Den Gasherd kriege ich mit den mitgebrachten Quaglino’s-Streichhölzern sofort an, aber diese machen sich daraufhin sofort aus dem Staub und flitzen über den Fußboden, kaum dass der Wasserkessel auf dem Herd steht. Inzwischen hat auch Jasmin die Äuglein aufgetan, und so erleben wir gemeinsam den nächsten Schreck, den unser Gefährt uns bereitet. Urplötzlich ertönt ein wildes Piepsen; ein durchdringendes, enervierendes Alarmgeräusch, das aus dem Rauchmelder an der Decke zu kommen scheint. Jegliches hastige Herumdrücken unsererseits an der runden Abdeckung bringt nichts; erst als ich den Gasherd ausschalte, hört das lästige Gemorse auf. Hoffentlich haben wir nicht den ganzen Campingplatz aufgeweckt. Was war nur los?

Bevor ich erneut versuche, Kaffee zu kochen, mache ich mich erst einmal mit einer Katzenwäsche frisch und ziehe mich an. Jedenfalls, so weit wie ich komme. Denn bei den Socken trifft mich der Schlag. Als stoße jemand ein großes Messer in meinen Rücken, durchzuckt ein ungeheuerlicher Schmerz den Bereich um die untere Lendenwirbelsäule, und ich bin nahezu bewegungsunfähig. Wahnsinn, so einen Schmerz habe ich bis dahin noch nicht erlebt! Als wenn ich so etwas geahnt hätte, hatte ich zum Glück das Muskelrelaxans Musaril und mein Dolobene-Gel eingesteckt. Ich werfe die Tablette ein, und Jasmin schmiert meinen Rücken mit dem Gel ein. Anschließend kann ich wieder einigermaßen gerade stehen. Nur das Sitzen tut noch ungeheuer weh. Die Socken und meine Schuhe muß Jasmin mir dann anziehen. Auf diese Art möchte ich mich aber nicht als Pascha fühlen…

Endlich wage ich einen zweiten Anlauf zum Kaffeekochen, aber dieses mal zündet die Gasflamme am Herd nicht! Die Streichhölzer brennen ab wie Zunder, aber der Funke will nicht überspringen. Ich öffne erst einmal Tür und Fenster und stelle dann den Gasdetektor aus und wieder an. Anschließend mache ich den Gasherd an, warte einige Augenblicke und opfere erneut eines unser raren Streichhölzer. Aber dieses mal klappt es, und das Wasser brutzelt munter vor sich hin. Wir nehmen an, dass vorher der Gasalarm ausgelöst wurde, weil noch alles verrammelt war. Was lernen wir daraus? Zunächst stets das Fenster über dem Herd und auch die Seitentür öffnen, auch wenn es draußen noch so kalt ist. Hoffen wir, dass uns diese lästigen Piepstöne in Zukunft erspart bleiben…

Zum Frühstück gibt es dann lecker Müsli mit Kiwis und Sandwich-Brot mit Blaubeermarmelade. Es dauert bis 10 vor 11, bis wir bereit sind, das Wohnmobil frisch und gestärkt zu verlassen, und eine erste Erkundungstour zu unternehmen. Allerdings sind wir ja schließlich im Urlaub und können uns soviel Zeit lassen wie wir wollen.

Wir telefonieren zunächst kurz nach Deutschland – Jasmins Mutter hat heute nämlich Geburtstag. Die neun Stunden Zeitunterschied werden erst so richtig real, als Jasmins Mutter meint: „Oh, Ihr habt schon elf Uhr? Dann geht man gleich ins Bett.“

Banff AvenueGestern abend, bei unserer Ankunft hier am Tunnel Mountain Campground, erzählte man uns von einem Transitbus, der für einen Dollar Fahrgäste mit hinein nach Banff nimmt. Wir wollen die Gelegenheit nutzen, auf diese praktische Weise zum Tourist Information Centre zu kommen, ohne uns um einen Parkplatz für das Wohnmobil kümmern zu müssen. Leider müssen wir bis 20 nach 11 warten, brauchen dann aber nichts zu bezahlen, weil wir noch keine Münzen haben. „Ihr könnt ja bezahlen, wenn Ihr wieder zurückfahrt“, bietet der freundliche, sonnenbebrillte Fahrer uns an. Dankbar steigen wir in den putzigen Bus ein, der etwas von den gelben Schulbussen hat, die man ja aus so einigen Filmen kennt. Nach einer Fahrt von weniger als zehn Minuten Dauer steigen wir an der recht belebten Hauptstraße von Banff, der Banff Avenue, wieder aus und betreten das Information Centre auf der anderen Straßenseite.

Das Centre bietet eine Menge: Auskunft über Unterkünfte, Ausflugsmöglichkeiten, kostenlose Wanderkarten und sonstige Tips, eine Art Museum oder Ausstellung über den Banff National Park sowie einen kleinen Shop mit Souvenirs, Büchern und Landkarten. Auf unsere Nachfrage hin erhalten wir eine Karte, auf der kleinere Wanderungen in der Umgebung eingezeichnet sind. Vielleicht ist ja etwas für uns dabei. Ich kaufe noch ein paar Landkarten (ja, ohne geht es halt doch nicht!), und will mal wieder 29 Dollar mit einem 20 Dollar-Reisescheck bezahlen. Einmal kurz gelacht, dann geht es auf zum Schlendern entlang der Banff Avenue mit ihren unzähligen Shops, Restaurants und Pralinerien…

Banff ist eine Touristenstadt, wie sie im Buche steht. Souvenir-Laden reiht sich an Souvenir-Laden, unterbrochen von kleinen Shops mit Süßigkeiten, bei deren Zubereitung man mehr oder weniger zuschauen kann. McDonalds darf natürlich auch nicht fehlen. Hier ist es dann auch, wo wir unseren kleinen Hunger stillen, bevor wir mit dem Kleinbus zum Campingplatz zurückfahren. Um 13 Uhr 30 sind wir zurück, waschen erst einmal das Geschirr ab, das noch vom Frühstück her in der Spüle steht, und machen uns dann eine Stunde später mit unserem fahrbaren Häuschen auf den Weg Richtung Banff Springs Hotel.

Wir finden es sehr schnell; Banff ist halt doch eine sehr kleine Stadt. Das Hotel, das einmal das größte Kanadas werden sollte, ist wahrhaftig ein beeindruckender Bau. Nur leider finden wir keinen Parkplatz, kurven einmal um das Gebäude herum und fahren dann statt dessen gleich weiter zu den Bow Falls. Wie es sich so gehört, treffen wir hier auf bekannte Gesichter, oder besser auf ein bekanntes Wohnmobil. Wir parken direkt neben dem Fraserway-Motorhome, das drei junge Deutsche, die mit uns nach Calgary geflogen sind, angemietet haben. Sie machen sich gerade wieder auf den Weg. Jasmin meint, die seien am Hotel schon an uns vorbei gefahren. Na, dann haben sie es hier ja nicht lange ausgehalten!

Der Fluß ist nur dreißig Meter entfernt, und man kann direkt bis an das Ufer herangehen. Es ist Wahnsinn, wie klar das Wasser ist. Herrlich blau schimmert das Naß vor uns. Wir haben aber auch echtes Glück mit dem Wetter: Es ist ein wunderschöner, milder Tag mit blauem Himmel und kaum Wolken in Sichtweite. Die Wasserfälle des Bow sind wahrlich wild und etwa fünfzehn Meter hoch. Nachdem wir und ein anderes Pärchen uns gegenseitig vor dem fallenden Wasser auf Fotopapier gebannt haben, erklimmen Jasmin und ich eine recht steile Steintreppe, die uns zu einem Aussichtspunkt oberhalb der Fälle führt. Von hier kann man sehr schön die Biegung des Flusses einsehen und den weiteren Verlauf erahnen. Im Hintergrund ragt der Mount Rundle auf, am Gipfel sind noch Schneereste zu entdecken. Hier, unterhalb der Fälle, mündet der Spray River in den Bow River.

Banff National Park RaftingWir gehen ein Stück den Fluß entlang, überqueren eine Holzbrücke, die über den Spray führt, und beobachten, wie sich eine Gruppe Touristen auf ihre (erste?) Rafting-Tour vorbereitet. Riesige rote Schlauchboote werden von einem Pkw-Anhänger herunter ins Wasser gelassen, die (man hört es!) vorwiegend deutschen Wagemutigen werfen sich ihre Schwimmwesten um und setzen sich ringsum auf den dicken Schlauch, aus dem das Boot im wesentlichen besteht. In die Mitte stellt sich ein Mitarbeiter des Veranstalters, der die beiden einzigen Ruder bewegt. Ein vorsichtiges Abstoßen durch die Kollegen, ein Orientierungspaddeln – und ab geht das Boot den Fluß hinunter.

Insgesamt drei solcher Boote machen sich nach und nach auf den Weg. Wir wollen sie ein Stück begleiten und marschieren am rechten Flußufer entlang. Plötzlich sehen wir, wie etwa zweihundert Meter weiter den Fluß hinunter eine Hirschfamilie das Wasser durchquert. Die erwachsenen Tiere sind schon fast an diesem Ufer angelangt, da hören wir auf der anderen Seite ein Jungtier blöken, das sich anscheinend nicht so recht traut oder aber Angst hat vor dem großen roten Etwas, das da an ihm vorbeitreibt. Aber da seine Eltern sich davon auch nicht haben irritieren lassen, faßt es sich ein Herz und stürzt sich in das sanft dahinfließende Gewässer.

Wir traben los und versuchen die Stelle zu erreichen, an der die Hirsche an Land gingen, doch ein toter Seitenarm des Bow schneidet uns den Weg ab. In diesem Moment kommt das zweite Boot nur mit ein paar Leutchen besetzt langsam an uns vorbei. Der Führer blickt in unsere Richtung und erzählt seinen Passagieren irgend eine Geschichte von Eingeborenenweibchen, die ihren Männchen gefallen möchten, indem sie weiße Mützen tragen – und weist auf Jasmins Schirmmütze. Amüsiert spiele ich das Spiel mit und reiße Jasmin demonstrativ die Kopfbedeckung herunter, woraufhin der Schiffer sofort reagiert: „Und die Männchen reißen die Mützen dann als Zeichen ihrer Zuneigung von den Köpfen der Weibchen.“

Den Seitenarm des Bow haben wir schnell umrundet, er reicht nicht tief in den Wald hinein. Auf der anderen Seite sehen wir die Hirschfamilie grasen – auf einem Golfplatz! Wir sind nicht die einzigen, die sie beobachten und fotografieren, doch das scheint sie überhaupt nicht zu stören. Sie halten weiterhin das Green kurz – Rasenmäher brauchen die hier nicht.

Es ist schon später Nachmittag, und wir wollen die Gelegenheit und die Nähe zum Sulphur Mountain nutzen, um mit der Bergbahn auf den 2199 Meter hohen Gipfel zu fahren und das Städtchen Banff und das Tal, in dem es liegt, aus luftiger Höhe zu betrachten. Unser mobiles Urlaubsheim muß dafür mal wieder einige leichte Steigungen überwinden – für die Schlaglöcher, die sich uns in den Weg gelegt haben, entwickele ich schnell ein Auge und umkurve sie dann geschickt. Nach nur etwa zehn Fahrminuten erreichen wir die Talstation der Sulphur Mountain Gondola, die selber bereits auf 1800 Meter Höhe liegt. Zum ersten Mal rentiert sich hier meine Rabattkarte, die ich vom ADAC bekommen habe. In einer Zwei-Personenkabine geht es dann den Hang hinauf. Etwa auf einem Drittel der zu überwindenden Höhe entdecken wir ein Pärchen, das fast gleichzeitig mit uns an der Talstation angekommen war und direkt neben uns geparkt hat. Offensichtlich wollen sie den Gipfel per pedes erreichen und haben bis hierher die Gondeltrasse genutzt.. Wahnsinn, dass sie schon so weit gekommen sind in der kurzen Zeit!

Banff National Park ElcheNach wenigen Minuten betreten wir die unspektakuläre Bergstation und genießen die tolle Aussicht. Auf der Rückseite des Berges ist es etwas diesig, aber das schmälert nicht den majestätischen Eindruck, den die scheinbar unendlichen, die Hänge wie ein gewaltiger Teppich überziehenden Nadelholzwälder hinterlassen. Die Südseite bietet einen klaren Ausblick. Banff unten im Tal ist deutlich zu sehen. Schnell finden wir auch das selbst von hier oben immer noch riesig erscheinende Banff Springs Hotel und den oberhalb davon fließenden, mäandernden Bow River mit dem Golfplatz, der der Hirschfamilie als Mittagstisch gedient hat. Es ist ein hübscher Neun-Loch-Platz, der da am Fuße des fast 3000 Meter hohen Mount Rundle liegt.

„Was ist das denn da für ein See?“ höre ich eine – natürlich deutsche – Touristin mittleren Alters ihren Begleiter fragen. Unbelastet von jeglicher störender Sachkenntnis antwortet er ihr, das sei der „Miranda“-See. Da hat ihm wohl der Durst einen Streich gespielt. Der Minnewanka(!)-See, den man von hier aus sehr gut erkennen kann, ist der größte See in den kanadischen Rockies und lädt zum Bootfahren ein. Wir haben allerdings nicht vor, ihn zu besuchen, und heben uns das Paddeln für später, für etwas Spektakuläreres auf.

Die Bergstation der Gondelbahn liegt noch nicht auf dem Gipfel des Sulphur Mountain. Die restlichen dreißig Höhenmeter überwinden wir im Zickzack-Kurs auf einem etwa zweihundert Meter langen, liebevoll aus Holzplanken gezimmerten Steg, der durch die spärliche Vegetation auf einen felsigen und windigen Gipfel führt. Aber nicht nur Touristen aus allen Kontinenten haben sich hierhin verlaufen, sondern auch kleine Erd- oder Streifenhörnchen, die gar keine Angst vor den Menschen haben und versuchen, die bärensicheren Mülleimer zu erklimmen. Aber die sind auch chipmunk-sicher…

Wir machen uns gerade auf den Rückweg zur Bergstation, als es leicht zu regnen anfängt. Rechtzeitig, bevor größere Wassermassen auf uns herniederprasseln können, erreichen wir die Gondel. Und wen sehen wir da gerade draußen entlanggehen? Das Bergsteigerpärchen, das wir bereits am Berg entdeckt hatten. Respekt, Respekt, das ging echt fix! Da kann man sich wirklich eine Scheibe von abschneiden.

Während der Talfahrt regnet es etwas stärker, dafür kommen wir aber in den Genuß eines sehr schönen Regenbogens. Unten angekommen, hat es schon wieder aufgehört, und wir machen uns auf den Weg zu unserer letzten Station heute: zu The Cave & Basin, eine Thermalquelle, in der man auch baden kann. Wahrscheinlich ist es aber schon zu spät, um noch einen Blick hinein werfen zu können. Um kurz nach 18 Uhr erreichen wir den großen, leeren Parkplatz. Ein kurzer Weg führt an einer Erklärungstafel vorbei zu dem Gebäude, das schon geschlossen hat.

Was wir zusätzlich schließen möchten, sind unsere Nasen. Es stinkt hier bestialisch! Wer kann denn bei solch einem extremen Geruch ein Bad genießen? Um etwas von dem Gestank wegzukommen, gehen wir über einen Steg in Richtung eines Sumpfgebietes, das unterhalb von Cave & Basin in Richtung Bow River liegt. Entlang des Pfades entdecken wir in einem Bach die Ursache des geruchlichen Übels: widerlich schleimig aussehende weiße Algen.

Das Sumpfgebiet sieht recht ursprünglich und wild aus, und laut Informationstafeln soll man hier Wasservögel beobachten können. Aber wir haben irgendwie kein Glück, und da es wieder stärker regnet, kehren wir zum Wohnmobil zurück.

Eigentlich haben wir vorgehabt, im Grizzly House unser erstes Nicht-Wohnmobil-Abendessen zu uns zu nehmen, und nach scheinbar unendlicher Kurverei durch das schon dunkle Banff finden wir auch einen Parkplatz (direkt an einem kleinen Park am Bow River, auf dem frech einige Hirsche grasen). Doch mittlerweile gießt es fürchterlich, und es blitzt derart, dass wir uns nicht aus dem Fahrzeug trauen. Einmütig beschließen wir, zum Campingplatz zurückzukehren und uns dort ein schönes Süppchen zu kochen.

Tja, und dann klärt sich ein Mißverständnis auf, für das wir dann noch einmal 19 Dollar löhnen dürfen. Im Vorbeifahren zeige ich der Frau im Kassenhäuschen unser Platzkärtchen. Kaum haben wir unseren Stellplatz erreicht, hält neben uns ein Jeep, in dem die selbe Frau sitzt. Sie fragt uns durch das offene Fenster, ob wir schon bezahlt hätten. Ich erkläre ihr, dass wir gestern für zwei Nächte gezahlt haben. Aber das war wohl ein Mißverständnis seitens ihres Kollegen, der statt „two nights“ nur „tonight“ verstanden hatte, und so leisten wir also noch einmal unseren Tribut. Aber dann endlich können wir uns in Ruhe eine leckere Chili-Nudel-Pampe mit Brot und Bier gönnen, und ich zieh mir noch eine halbe Tablette Musaril als Nachtisch rein, um meinen Rücken wieder auf Vordermann zu bringen. Zum Glück hat er mich den Tag über kaum gepiesackt, und so denke ich, dass die Geschichte schnell überstanden sein wird.

Um neun Uhr abends bin ich mit meinen Tagesnotizen fertig, und eigentlich wollten wir jetzt noch den morgigen Tag planen. Aber Jasmin liegt schon brach darnieder und schläft den Schlaf der Müden und Kaputten. Also schau ich mir schon mal die Broschüren und Karten aus dem Info-Centre an, bevor ich mich auch in den Schlafsack einmummele…

Wohnmobil abholen und Fahrt nach Banff

Die Nacht und der nächste Morgen verlaufen etwas unruhig. Ich wache um 2 Uhr nachts auf und denke schon, die Nacht sei vorbei, aber ich schlafe wieder ein und werde um halb neun von einem enervierenden Piepsen geweckt, das es sich wohl zur Aufgabe gemacht hat, uns am frühen Morgen schon zu nerven. Ein nach der Störungsquelle suchender Blick nach draußen bleibt lediglich an drei bunten Trucks haften, die weitaus interessanter aussehen als die langweiligen Lkw in Deutschland.

Nach dem Duschen fühlen wir uns in dem versiegelten Zimmer wie in der Sauna, und sofort werfen wir die Klimaanlage wieder an, die dann aber nicht nur kühle Luft, sondern auch einen sehr unangenehmen Gestank produziert. Als Ausgleich tut’s mein Fön dann nicht, der – wie es eigentlich schon zu befürchten gewesen war – ob der schwachen Spannung nur ein leises Pfeifen von sich gibt. Ein Adapter nützt da dann auch nichts. Ich muß somit wohl oder übel lernen, während der nächsten Tage ohne einen Haartrockner auszukommen. Wie schon gesagt: Man lernt sich zu bescheiden!

Der Hunger treibt uns dann um 9 Uhr zum alltäglichen Ritual des Frühstückens in Riley’s Restaurant. Leider ist der Saal voll, und wir sollen zehn Minuten warten. Mit uns gedulden sich noch sechs andere Deutsche (natürlich!). Diese erkundigen sich telefonisch bei Cruise Canada, wann sie denn dort auftauchen sollen und erfahren, dass man sich besser beeile und sofort komme, weil man heute sehr viele Leute erwarte, und je früher man käme, desto besser. Unsere Landsleute wollen dennoch erst frühstücken.

Diese Chance, denken wir uns, ergreifen wir und gehen vor ihnen hin. So verkneifen wir uns hier also den Morgenkaffee mit Toast, den wir hoffen, nach der Einweisung noch irgendwo anders einnehmen zu können.

Aber wie so häufig kommt es erstens anders und zweitens als man drittens denkt. Wir sind zwar früh da und können die Papiere auch schnell ausfüllen, aber die Einweisung (in deutscher Sprache) bekommen wir dann erst um 13 Uhr mit allen anderen Deutschen zusammen! In der Zwischenzeit halten wir uns mit einer halben Tasse Kaffee, die es immerhin gratis gibt, über Wasser.

Von unserem Gefährt sind wir zunächst etwas enttäuscht. Es gibt weitaus schickere und neuere, sauberere Wohnmobile auf dem Hof. Unseres ist Baujahr 2012, hat 54000 km auf dem Buckel, und der Innenraum zeigt schon erste deutliche Anzeichen von Verschleiß. Auch erscheint es uns recht klein, aber das mag täuschen. Beim Einräumen unserer Kofferinhalte in die Hängeschränke – die wir erst einmal ausputzen, was dringend nötig ist – stellen wir fest, dass wir doch alles locker unterbringen können – aber wir sind ja auch nur zu zweit.

Cruise-Canada RVEigentlich bietet das Wohnmobil alles, was wir brauchen – und vielleicht ein bißchen mehr: Dusche, WC und Waschbecken, eine Spüle mit Gasherd, Ofen und Mikrowelle sowie Kühlschrank mit Kühlfach. Als wir den Kühlschrank jedoch öffnen, ziehen sich unsere Nüstern schockiert zusammen: Solch einen penetranten, irgendwie cremigen Zitronengeruch ist ihnen bisher noch nicht untergekommen. Allerdings müssen wir feststellen, dass dieser intensive „Frischegeruch“ anscheinend charakteristisch ist für die hiesigen Reinigungsmittel, denn auch ein erneutes Reinigen des Kühlschrankinneren durch die Cruise-Canada-ein-Frau-Reinigungstruppe bringt keine Besserung. Aber auch unsere Nasen lernen sich zu bescheiden, und bald ist der Geruch verflogen oder vergessen – da bin ich mir nicht ganz sicher.

Die Einweisung für das Wohnmobil nimmt dann Caroline (die immerhin Düsseldorf und München kennt) an einem angeblich repräsentativen Wohnmobil vor, umringt von zwanzig unwissenden und durcheinander redenden Urlaubern. Nach einer letzten Begutachtung unseres Fahrzeugs und Notierung einiger Mängel wie Kratzer und Steinschlagwunden in der Windschutzscheibe können wir dann endlich um 15 Uhr abfahren.

Welch ein Gefühl, zum ersten mal nach dem Anlassen die kräftige Stimme des 8-Zylinder-Ford-Motors zu hören und zu spüren, wie sich mehrere Tonnen Stahl und Plastik auf Fußdruck in Bewegung setzen! Die erste Strecke bis zum Supermarkt „Safeway“ ist dann auch geprägt von sehr vorsichtiger Fahrweise meinerseits. Als sehr praktisch erweist es sich, dass die Ampelleuchten stets auf der gegenüberliegenden Seite einer Kreuzung stehen bzw. hängen, so dass man sie leicht sehen kann. Man muß sich nicht – wie in Deutschland leider oft notwendig – den Hals verrenken, um einen Blick auf die bunten Lampen zu erhaschen.

Natürlich fahre ich zu weit und habe nach dem ersten Anflug einer „Wo sind wir denn jetzt?“-Panik somit gleich die Bewährungsprobe einer Kehrtwende zu bestehen. Nach dieser halben Ehrenrunde parke ich das Motorhome großzügig über zwei bis vier Parkbuchten auf dem noch großzügigeren Parkplatz des Supermarktes, und Jasmin und ich stürzen uns in den ersten Kaufrausch. Dabei handelt es sich eigentlich um einen ganz normalen Supermarkt; nicht größer, eher sogar kleiner als viele deutsche Einkaufsparadiese. Aber man bekommt fast alles, was man will, und die Angestellten dort sind sogar sehr freundlich. An der Kasse verstaut dann auch ein Turbanese unsere Waren in -zig Plastiktüten und verabschiedet uns zusammen mit der Kassiererin (die an ihrem Arbeitsgerät steht und nicht sitzt!) mit einem „Have a nice day!“ Währenddessen überlegen wir hin und her, ob man hier auch Trinkgeld geben soll, entscheiden uns aber dagegen, weil wir es an den anderen Kassen auch nicht sehen.

Dann endlich können wir unser Heim für die nächsten drei Wochen mit Eßbarem füllen. Wir haben uns mit Cerealien (die es hier nicht nur in fünf, sondern in fünf Dutzend Sorten gibt) und Sandwichbrot für das Frühstück eingedeckt, plus Käse, Wurst und Marmelade, sowie eine kalkulierbare Menge Fertigessen und Dosenfutter wie Suppen, gebackene Bohnen und Chili con carne. Zum Anreichern haben wir eine Tüte Nudeln eingepackt. Das muß genügen. Schließlich sind wir nicht der kulinarischen Genüsse wegen nach Kanada geflogen, sondern weil wir etwas von dem Land sehen wollen. Hauptsache, wir werden satt. Hin und wieder werden wir sicher auch Essen gehen, aber das soll eigentlich die Ausnahme bleiben.

Um 17 Uhr etwa haben wir dann alles verstaut, die Gurte festgezurrt und freuen uns auf den bevorstehenden Ritt über den Highway, als ich den Wagen starte und der Ford keinen Mucks von sich gibt. Ich traue meinen Ohren nicht. Ein „Was ist denn nu’ los?“ ist noch das harmloseste, was mir in der Situation einfällt. Offensichtlich ist die Batterie leer! Und da fällt es mir wie Schuppen aus den Haaren; ich habe mich – oder uns – anscheinend selbst überlistet, denn: Beim Anlassen des Motors auf dem Cruise-Canada-Gelände leuchtete auf dem Armaturenbrett das Scheinwerfersymbol auf, und wir haben angenommen, dass die Scheinwerfer angeschaltet seien. Also drückte ich den zugehörigen Hebel hinein, das Leuchten verschwand, und ich war’s zufrieden. Tja, damit habe ich aber wohl gerade die Frontleuchten entzündet; das Symbol zeigte an, dass die Scheinwerfer nicht angeschaltet waren, also genau anders herum wie in Deutschland! Aber das auf diese Weise zu lernen – darauf hätte ich echt verzichten können.

Was nun? Eine Tankstelle grenzt an den Parkplatz, und ich renne dorthin, um nach Hilfe zu fragen. Aber der Knilch dort kann – oder will – seine „Gas Station“ nicht allein lassen. Also greife ich zum Telefon und rufe den 24h-Service von Cruise Canada über die entsprechende kostenlose 1-800-Nummer an (die sind sehr praktisch, weil man sich nicht erst mit den Telefonkarten oder Kleingeld herumschlagen muß). Ein sehr netter und hilfsbereiter Mensch klärt mich dann darüber auf, dass große Wohnmobile einen „Emergency Button“ auf oder unter dem Armaturenbrett haben, mit dem man den Motor über eine zweite Batterie starten kann, und ich solle mal nachschauen, ob ein solcher vorhanden sei. Während ich die hundert Meter zum Motorhome im Laufschritt zurücklege, wartet der gute Mann am Telefon, das ich kurz sich selbst überlasse.

Ich finde dann auch den Notknopf, drücke ihn, starte dabei den Motor – und der satte Klang der 8-Zylinder-Maschine ertönt. Gott, bin ich froh. Die halben Rockies fallen mir vom Herzen. Zurück am Telefon bedanke ich mich erleichtert. Gut, dass es einen solchen Service gibt.

Wer weiß, hätten wir das Wohnmobil bei einem anderen Anbieter gemietet, hätten wir vielleicht nicht so schnell Hilfe erhalten. Andererseits hätten wir möglicherweise auch eine bessere Einweisung erhalten, so dass man eine Erfahrung wie diese erst gar nicht macht…

Highway 1 to BanffEndlich geht es „on the road“. Den Highway 1 finden wir sehr schnell, er ist nur einige Straßenkreuzungen vom Supermarkt entfernt. Nach einigen wenigen Kilometern verändert er allerdings sein Aussehen und verwandelt sich zunehmend von einer Autobahn in eine Stadtstraße, die links und rechts von Häusern gesäumt ist. Wir denken schon, wir hätten vielleicht noch irgendwo abbiegen müssen, und so nutzen wir die Ungewißheit, um an der nächsten Tankstelle Benzin und Orientierung nachzufüllen.

Kaum habe ich den Wagen gestoppt und bin herausgesprungen, um den Gashahn zuzudrehen (was man auf Tankstellen stets tun sollte!), da spricht mich auch schon der dieser Zapfsäule zugehörige „Servant“ an (in Kanada ist nämlich noch an den meisten Tankstellen „Full Serve“ angesagt, worüber ich auch ganz froh bin, denn die Zapfsäulen hier sind doch etwas anders zu bedienen als bei uns). Ob ich denn den Gashahn auch zugedreht habe, fragt er, und was wir denn haben wollen. „Regular, full, please“ lautet meine Antwort. Und wo wir denn herkommen und was ich dort machen würde, will er wissen.

Es stellt sich heraus, dass der leicht pickelgesichtige Trevor – der Nachname entfleucht leider sofort wieder durch das rechte Ohr – und ich im Grunde den gleichen Beruf haben. Eigentlich ist er Softwareentwickler bei einer Firma namens C-Byte. Dieser Tankstellenjob hier sorgt nur für seinen Nebenverdienst, denn die Gehälter sehen in Kanada zum Teil wohl etwas anders aus als in Deutschland. Dort erhalten Berufseinsteiger der Informatikbranche ein Anfangsgehalt von 29000 kanadischen Dollars plus einige Vergünstigungen. Trevor ist auch sehr daran interessiert, mit welchen Rechnern wir arbeiten und in welcher Sprache wir programmieren, und zeigt mir dann sowohl seinen Laptop, den er in seinem kleinen Verschlag unter der Kasse stehen hat (er bastelt wohl gerade irgendwie in PowerPoint herum), als auch seine Visitenkarte, auf der oben „C-Byte“ und darunter sein Name steht. „That’s me“, verkündet er stolz, woraufhin ich mir dann nicht mehr so ganz sicher bin, ob er nicht vielleicht eine Ein-Mann-Firma ist.

Als Jasmin und ich dann weiterfahren (Trevor hat mir gesagt, dass wir schon richtig seien – „immer nur geradeaus“, hat er betont und mit dem ausgestreckten Arm eine entsprechende Geste gemacht), nehme ich mir vor, ihn nach dem Urlaub mal per E-Mail anzufunken, sofern ich seine Adresse herauskriege. Mal sehen, ob das klappt…

Downtown CalgaryWir rauschen weiter und verlassen die Stadt schnell wieder. Nur für kurze Zeit sehen wir links von uns die Skyline der Downtown von Calgary, dann öffnet sich das Land, und der Highway führt in die weite, unbekannte Wildnis, die wir die nächsten zwanzig Tage erkunden wollen. „Das Abenteuer beginnt“, könnte man jetzt anbringen. Aber unser Urlaub hat ja bereits in London abenteuerlich begonnen.

Auf den ersten Steigungen merken wir dann schon, dass man mit solch einem Gefährt gezwungen ist, eine zurückhaltende Fahrweise an den Tag zu legen. Ich muß in den Gang 2 des Automatikgetriebes herunterschalten, um dem Fahrzeug zu neuer Spurtkraft zu verhelfen. Achtzig Stundenkilometer auf gerader Strecke sind jetzt das höchste der Gefühle. Aber andererseits ist das auch ein ganz angenehmes Tempo – allerdings mit dem Nebeneffekt, dass ständig irgendwelche riesigen Trucks an uns vorbeiziehen. Wir kommen uns manchmal doch wie ein Verkehrshindernis vor, aber es ist ja nicht viel los auf dem Highway.

Wir wollen heute abend noch Banff erreichen, das Zentrum des Banff National Park, wo wir unsere ersten Eindrücke von der kanadischen Natur sammeln wollen. Zweiundneunzig Kilometer sind von Calgary aus zurückzulegen, aber die Berge rücken schnell näher. Wir kommen an einigen kleineren Seen vorbei und sehen die ersten Windungen des Bow River. Ich erinnere mich an unseren Urlaub in Westerhofen. Es war damals ein ähnliches Erlebnis gewesen, in die sich öffnende Bergwelt hinein zu fahren.

Um 19 Uhr 15 erreichen wir dann die Einfahrt zum Banff National Park, die kanadische Version einer Maut-Stelle. An einem kleinen hölzernen Kontrollhäuschen hätten wir für jeden Tag Aufenthalt im Park einige Dollar hinlegen müssen, hätten wir nicht bereits eine Jahreskarte! Auf dem Gelände von Cruise Canada hat uns nämlich ein junges deutsches Pärchen angesprochen, das gerade ihr Fahrzeug abgegeben hatte. Von diesem haben wir den Paß – der noch bis August 2018 gültig ist – für fast die halbe Jahresgebühr (34 von 70 Dollar) übernommen. Sie empfahlen uns dann auch gleich einen Campingplatz in Banff, von dessen Lage und großzügiger Gestaltung sie ganz begeistert waren.

Tunnel Mountain CampgroundWir haben den Paß gut sichtbar an den Rückspiegel gehängt, und so werden wir am Gebührenhäuschen durchgewunken und erreichen kurze Zeit später den hervorragend ausgeschilderten Campground „Tunnel Mountain“ auf dem gleichnamigen Berg, direkt am Stadtrand von Banff. Die Auffahrt auf den Berg ist eine erneute Kraftanstrengung für das Wohnmobil, aber wir werden mit unserer ersten Begegnung der tierischen Art à la Kanada entlohnt. Direkt am Straßenrand steht und liegt eine Hirschfamilie und kaut sich was zurecht.

Zwei Nächte wollen wir hier zunächst bleiben. Nach unserer zweiten Ehrenrunde am heutigen Tag (wir finden die Einfahrt zum Campground nicht sofort und müssen erst einmal umständlich auf dem Parkplatz einer benachbarten Herberge drehen – die erste Bewährungsprobe und gutes Training für Jasmin als Einweiserin beim Rückwärtsfahren meinerseits und für mich als Außenspiegel-Nutzer!) löhnen wir 19 Dollar für „two nights“ mit „electric“.

Schnell finden wir unseren Stellplatz mit der Nummer B20, und zum ersten Mal darf ich unser Motorhome an die Steckdose anschließen, die sich an einem Holzpfahl neben dem asphaltierten Platz befindet. Ich schimpfe erbost, als der Stecker nicht paßt, doch dann finde ich einen Adapter, mit dem es dann geht. Da wir noch keinen Hunger haben, drehen wir eine kleine Runde auf dem Campingplatz. Wir statten dem Waldrand einen kurzen Besuch ab und gehen dann die Strecke entlang, die wir mit dem Wohnmobil fälschlicherweise zu weit gefahren sind.

Einige hundert Meter vom Campground entfernt entlang der Straße in Richtung Banff liegen einige Hotels und Lodges, ein kleines Schwimmbad und der erste Liquor Store, den wir dann auch sofort betreten, um uns mit etwas Alkoholika einzudecken.

Mit einem Four-Pack von Henry Weinhard’s Private Reserve Dark Beer treten wir den Rückweg an. Es wird sehr schnell dunkel, und entsprechend unheimlich und auch nicht ganz ungefährlich ist es, am Straßenrand entlang zu wandern. Aber wir finden unser Wohnmobil auch ohne Tageslicht, machen unser erstes kanadisches Abendessen in der Mikrowelle – zwei Portionen Fertignudeln aus’m Safeway, die aber erträglich schmecken. Zum Abrunden zwei Brote und anschließend ’ne Menge leckere, knackige m&m’s. Ich mache noch schnell ein paar Notizen zum Tage, dann geht es in die Heia. Zwei große Betten befinden sich in unserem Motorhome – eines direkt über der Fahrerkabine und ein weiteres hinten im Heck neben dem Bad. Jasmin und ich verteilen uns auf die Liegewiesen, und irgendwie schlafen wir dann vor dem Getöse eines Zuges im Hintergrund auch ein…

Ankunft in Kanada

Damit wenigstens dieses mal alles glatt läuft, stehen wir um 8 Uhr morgens auf und begeben uns anschließend zur Frühstückseinnahme. Hier betrachten wir zunächst interessiert die Auswahl, die sich uns am Büfett bietet. Das Angebot ist reichlich und besteht aus klassischem kontinentalem, englischem und japanischem(!) Frühstück.

Nach einem Blick in die Runde, der uns darüber aufklärt, dass das Gros der Gäste offensichtlich aus dem asiatischen Inselstaat stammt, wundert uns das nicht mehr. Da wir aber nicht erkennen können, woraus das japanische Frühstück besteht, und wir im Moment noch zu keinen Experimenten bereit sind, ziehen wir es vor, Rührei mit Speck und Käsetoast zu kombinieren. Wieder einmal muß ich feststellen, dass man mit solch einem Frühstück richtig gestärkt in den Tag geht. Das war uns schon letztes Jahr in Schottland aufgefallen. Dort hatten wir stets reichhaltiges englisches Frühstück mit Eiern und Schinken, Toast und manchmal – von uns liebevoll „BSE-Würstchen“ genannte – Fleischerzeugnissen geboten bekommen, und meistens hatten wir hinterher kein Mittagessen mehr gebraucht.

Irgendeiner unserer älteren Mit-Hinterbliebenen meinte am Vorabend verstanden zu haben, dass uns am heutigen Morgen erneut um 11 Uhr ein Bus abholen und zum Flughafen bringen würde. Darauf verlassen wir uns geschickterweise aber nicht, erkundigen uns an der Rezeption nach den Shuttle-Bussen, die offensichtlich alle halbe Stunde verkehren, und begeben uns dann um 9 Uhr 55 aus dem Hotel zur Bushaltestelle. Dort treffen wir dann zwei Pärchen mittleren Alters, die auch mit uns gekommen sind, und die gar nicht glücklich aussehen. Sie stehen hier nämlich schon etwas länger und waren von dem Bus zuvor nicht mitgenommen worden, weil die Beförderungsgutscheine, die man ihnen auf dem Flughafen gegeben hatte, ungültig sind! Wir überprüfen sofort unsere, stellen aber fest, dass der Abriß noch dran ist. Unsere Freunde mußten somit erst Bargeld holen, um die Fahrt nun Cash bezahlen zu können!

Der Bus kommt dann auch um 10 Uhr 15 und nimmt uns alle mit Richtung Heathrow. Es dauert eine glatte Stunde, bis wir das Terminal 3, von dem aus unser Ersatzflug gehen soll, erreichen. Wir hatten bei der Fahrt beinahe den Eindruck, eine Sightseeing-Tour über das Flughafengelände zu machen, so kurvte der Bus da herum. Zunächst wurden nacheinander die Terminals 4, 1 und dann 2 angefahren, bis wir dann endlich an der Reihe waren.

Um 11 Uhr 30 können wir dann an einem Air Canada-Schalter einchecken. Hier stellt man uns zum ersten mal so komische Fragen wie: „Haben Sie die Koffer gepackt?“ oder „Sind Elektrogeräte enthalten?“ und „Ist der Haartrockner Ihr eigener und haben Sie ihn schon einmal benutzt?“.

Klingt zum Teil recht merkwürdig, hat aber wohl einen Sinn, der sich hoffentlich nicht nur in einer Alibifunktion gegenüber gesetzlichen Vorschriften zur Sicherheit auf dem Flughafen erschöpft.

Die Zeit bis zum „Boarding“ eine Stunde vor Abflug erscheint uns dann recht lang und auch weilig. Die Shoppinghalle haben wir schnell durchquert und alle Highlights bewundert. Als der kleine Hunger sich dann meldet, bekommen wir bei Burger King nichts zu essen, weil die nur Bargeld wollen. Höflich weist man mich auf einen Geldautomaten hin. Aber im Bistro nebenan erhalten wir eine Pizza und Cola auf Kredit.

Endlich können wir dann pünktlich an Bord, aber der Abflug verzögert sich noch um eine halbe Stunde. Immerhin: Wir sind schon mal im Flugzeug! Hier kriegt uns keiner mehr raus!

Es handelt sich um einen Airbus A 340, ein wirklich schickes, sauberes und modernes Flugzeug. Allerdings sitzen wir im Mittelteil in einer Viererreihe mit einem weiteren zurückgelassenen deutschen Paar, Jasmin rechts außen und ich daneben. Wir hätten uns auf solch einem langen Flug etwas mehr Beinfreiheit gewünscht, aber es läßt sich aushalten. Kaum hingesetzt ziehe ich erst mal meine Schuhe aus, nicht ohne vorher meine Nachbarin zu meiner Linken vorzuwarnen. Es riecht dann auch wirklich nicht besonders gut, aber es muß sein.

Der Kapitän teilt uns mit, dass der Flug etwa 8 Stunden und 15 Minuten dauern wird und in Calgary eine Temperatur von 20 °C herrscht. Wir frohlocken schon ob dieser rosigen Aussichten.

Nach dem Chicken-Mittagessen aus der Airbus-Mikrowelle hören wir um 11 Uhr 45 Calgary-Ortszeit (wir haben unsere Uhren schon früh umgestellt, um uns an die neue Zeit zu gewöhnen) aus einem Gespräch unserer Sitznachbarn mit einer weiteren Mit-Gestrandeten ein neues Gerücht, unser gestriges Pech betreffend. Von einer Stewardeß hat man erfahren, dass dieser Flug, in dem wir nun sitzen, am Vortag ausgefallen war, und man wohl versucht hatte, die etwa 200 Fluggäste auf die restlichen drei abendlichen Flüge zu verteilen. Dabei mußten wir das Nachsehen haben. Wir versuchen nur, nicht darüber nachzudenken, warum dieses Flugzeug tags zuvor nicht gestartet war…

Leider haben wir keine Fensterplätze und können so nur hin und wieder an unseren rechten Nachbarn vorbei durch das Fenster einige Blicke auf die Eiswüsten Nordkanadas werfen.

Nach einem sehr ruhigen und angenehmen Flug ohne Turbulenzen landen wir um 17 Uhr 21 dann endlich in Calgary.

Calgary AirportCalgary hat einen recht kleinen Flughafen. Die Abfertigung geht erfreulich schnell vonstatten, und wir werden freundlich von Leuten in roten Kostümen und mit großen Cowboyhüten begrüßt. Nach der Paßkontrolle und dem Kofferholen fragt uns ein kleiner, älterer, etwas gnubbeliger Herr in ebenfalls dieser (Ver-)Kleidung, ob er uns helfen kann. Ich schüttele zuerst den Kopf, kehre dann aber zu ihm zurück. Schließlich müssen wir nun irgendwie klären, ob wir in unserem gebuchten Hotel noch ein Zimmer bekommen, und wir müssen dem Wohnmobil-Vermieter Cruise Canada eine Nachricht hinterlassen, dass wir das Fahrzeug erst am morgigen Tag abholen werden.

Der freundliche Mann führt mich dann zu einer Informationstafel, auf der zahlreiche Hotels Calgarys samt Telefonnummern abgebildet sind. Von hier aus spreche ich mit dem Travelodge Hotel und erfahre, dass man für uns tatsächlich noch ein Zimmer hat. Cruise Canada kann ich dann von einem Büro aus kostenlos anrufen; leider ist nur noch ein Anrufbeantworter dran, dem ich mit halbwegs zusammengestammelten Sätzen auf englisch zu erklären versuche, worum es geht. Einen Shuttle-Bus zu unserem Hotel organisiert der kleine alte Mensch dann auch noch.

Diese Hilfsbereitschaft ist großartig, für uns eine ganz neue Erfahrung auf internationalen Flughäfen! Darüber, ob er für seine Hilfe vielleicht ein Trinkgeld erwartet, verlieren wir keinen Gedanken. Wir sind nur froh, dass wir alles so schnell und, so gut es ging, klären konnten.

Während der kurzen Fahrt zum Hotel entdecken wir dann auch bereits die Vermietstation von Cruise Canada – und das Hotel liegt gleich daneben. Das ist ja praktisch! Nur unser Zimmer gefällt uns dann nicht ganz so gut. Es ist recht miefig, und man kann zwar eine, wie es scheint recht betagte, Klimaanlage anstellen, die kalte Luft durch den Raum pustet, aber lediglich ein kleines Schiebefenster öffnen, durch das keine Frischluft hereinkommen kann.

Das Hotel ist einfach, aber für 17 Euro pro Nacht und Kopf kann man nicht mehr erwarten, und für eine Nacht halten wir es sicher aus.

Nach einer kurzen Ruhepause und dem Frischmachen nehmen wir unser erstes kanadisches Abendessen in Riley’s Restaurant ein, das zum Hotel gehört. Und was kann es anders sein, als Steak und Burger! Dazu trinken wir echtes Ice-brewed Canadian Beer, echt lecker! Dabei essen wir normalerweise zu dieser Uhrzeit gar nichts mehr bzw. noch nichts, denn in Deutschland ist es jetzt gerade fünf Uhr morgens!

Unerwarteter Aufenthalt in London – „The flight has gone!“

Als wir im Düsseldorfer Flughafen am Schalter von British Airways unser Gepäck aufgeben, denken wir uns noch nichts dabei, als die nette Dame in der blauen Uniform bei dem Versuch, für unseren Anschlußflug in London Bordkarten zu erstellen, erst mit London telefonieren muss. Nach ihrer Rückkehr murmelt sie etwas von „Standby“, unsere Bordkarten bekommen wir jedoch.

Düsseldorfer FlughafenPünktlich können wir unser Transportmittel betreten, und nach den üblichen Anschnallritualen stellt der Kapitän sich vor und teilt mit, dass der Flug dieses mal wahrscheinlich nur eine Stunde dauern wird.

Allerdings scheint unser Gesamtaufenthalt im Flugzeug länger zu dauern, denn aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen hebt unser Flugzeug erst knappe sechzig Minuten später vom verlängerten Rheinufer ab – solange haben wir uns auf der Startbahn gelangweilt und die anderen Flieger beim Abflug beobachtet. Aber das beunruhigt uns kaum. In London wird man schon auf uns warten. Jedoch – über London dürfen wir dann noch einige Ehrenrunden drehen, die weitere zwanzig Minuten in Anspruch nehmen, so dass wir erst 20 Uhr 35 Londoner Ortszeit in Heathrow landen.

So langsam werde ich unruhig. Mit den ganzen Kontrollen und dem Transfer vom Terminal 1 (wo wir gelandet sind) zum Terminal 4 (von dem aus die internationalen Flüge starten) ist eine halbe Stunde nicht sehr viel Zeit. Oh – man bemüht sich (oder tut so) und stellt einen Shuttle-Bus direkt an den gelandeten Flieger, um uns eins-mix zum Terminal 4 zu bringen. Doch als wir ziemlich exakt dreißig Minuten später dort den entsprechenden Abflugschalter erreichen, sind die Tore bereits geschlossen, und man teilt uns lapidar mit: „The flight has gone.“

Statt irgendwie auszurasten sind wir wie betäubt. Vielleicht gibt es noch Platz in einer folgenden Maschine, hoffen wir. Aber als wir sehen, dass außer uns noch etwa zwanzig weitere Deutsche dastehen, die man mit einem Achselzucken zum Serviceschalter „World Traveler“ von British Airways geschickt hat, glauben wir nicht mehr daran, heute hier noch weg zu kommen. Und tatsächlich: Wir erfahren, dass unser Flug der letzte nach Kanada gewesen ist an diesem Tag. Der nächste wird erst morgen Nachmittag die luftigen Höhen Richtung Westen erklimmen.

London HeathrowIrritiert stehen wir nun da an besagtem „World Traveler“-Schalter: zwei Dutzend aufgeregt diskutierende, aber ratlos wirkende Kanada-Urlauber, von denen sich einige schon darüber ärgern, dass sie keinen Schlafanzug in ihr Handgepäck gepackt haben. Ein hinzugekommener BA-Mitarbeiter kündigt uns einen „Organizer“ an, der das Chaos beseitigen solle, aber dieser läßt sich auch eine Stunde später noch nicht blicken. Am Schalter teilt man uns dann auch mit, dass der schon längst weg sei. So gesellen wir uns zu einigen anderen Deutschen, die sich inzwischen wieder direkt am Schalter um einem Ersatzflug bemühen – und Erfolg haben. Die turbanisierten indischen Briten auf der anderen Seite versorgen uns sämtlich mit dem Ersatzflug AC 851, der morgen um 15 Uhr 20 startet, und mit einer kostenlosen Übernachtung in einem Londoner Hotel und dem Transport dorthin.

Während der Warterei tauchen so einige wilde Gerüchte und Mutmaßungen auf. Die einen meinen, der Flug sei zu zehn Prozent überbucht gewesen, oder man habe uns extra verspätet ankommen lassen, um unsere Plätze als Last-minute-Angebote zu verschachern. Die anderen meinen aber von Dritten, die eben einen solchen Platz gesucht haben, vernommen zu haben, dass der Flug voll gewesen sei. Das konnte ja aber eigentlich gar nicht sein, weil wir ja schließlich nicht drin waren. Das erscheint uns doch alles sehr merkwürdig…

Ein Bus holt uns dann um 23 Uhr vom Flughafen ab und verfrachtet uns nach mehr als einer halben Stunde Fahrt durch die dunkle Hauptstadt des trauernden Großbritannien in das Forum-Hotel. Zuvor hat es noch weitere Aufregung um die Koffer der Gestrandeten gegeben. Ursprünglich sollten sie alle automatisch in den neuen Flug gelangen. Dann forderte man uns aber doch auf, unser Gepäck mit in das Hotel zu nehmen – am Belt One würden wir es abholen können. An dieser Stelle waren wir etwas glücklicher als die anderen. Unsere Koffer fanden wir sofort, aber die meisten anderen vermißten den Großteil ihres Hab und Guts. Erst nach einigem Häckmäck fand man um fünf vor elf heraus, dass ein Container mit Koffern bereits für die Verladung an den Ersatzflug abgestellt worden war. Mann, mann, so eine Aufregung aber auch!

Das Hotel macht einen guten Eindruck, allerdings ist die Luft in unserem Zimmer unheimlich warm und stickig. Um Null Uhr fallen wir in die Kissen, aber ich liege noch lange wach. Dem Ventilator mache ich damit aber keine Konkurrenz – der läuft die ganze Nacht…

Gedanken und Geschehnisse vor dem Abflug

Während des Urlaubs die Zeit zu genießen, in der man ein fremdes Land, herrliche Landschaften und neue Leute kennenlernt, ist eine wunderbare Sache. Noch schöner ist es, wenn man auch nach der Rückkehr in die Heimat und den Alltag noch von den Erinnerungen an die schönen Wochen zehren kann.

Dazu dienen zum einen die zahlreichen Fotos, auf denen man viele neue Eindrücke gebannt hat. Zum anderen gibt ein Reisebericht Gelegenheit, darüber hinaus noch Gedanken, Erfahrungen und kleine Anekdoten, mit denen man sich auch in „der Zeit danach“ noch in den Urlaub zurückversetzen kann, in den Alltag hinüberzuretten. Dies ist der wesentliche Grund, warum ich mir auch dieses mal, während unserer dreieinhalb Wochen in Kanada, jeden Abend einige Minuten Zeit genommen und meinen Notizblock fleißig mit Hieroglyphen gefüttert habe.

Jeder, der vor unserer Abreise von unserem Urlaubsziel hörte, beeilte sich zu sagen, dass dreieinhalb Wochen auch wohl „das mindeste“ seien, was man dort zubringen solle. Nun, es war das maximale, was wir unter den gegebenen Umständen herauskitzeln konnten. Als Mitte Juni klar war, dass der September unser Urlaubsmonat werden würde und wir uns dann entschlossen hatten, für den kanadischen Westen zu buchen, mußten wir die Erfahrung machen, dass das offensichtlich immer noch eine sehr beliebte Reisezeit ist. Nach einigem Hin- und Her-Suchen in den Daten des Reisebüro-Computers fanden wir dann endlich eine Kombination von Flügen mit British Airways, ein Wohnmobil für drei Wochen und drei zusätzliche Hotelübernachtungen, die uns zufrieden stellten: Am 2. September sollten wir um 19 Uhr 20 von Düsseldorf nach London fliegen, um dort um 21 Uhr 05 Ortszeit mit einem Anschlußflug nach Calgary weiter zu reisen. Nach einer Übernachtung im dortigen Travelodge-Hotel war geplant, das Wohnmobil zu übernehmen, nach drei Wochen in Vancouver wieder abzugeben, und dort nach zwei abschließenden Übernachtungen im Century Plaza den Heimflug – wieder über London – nach Düsseldorf anzutreten. Das meiste davon klappte auch vorzüglich, und es wurde eine wunderbare Zeit, in der wir (nur!) 2429 Kilometer fuhren, viel neues sahen und unternahmen. Der Ärger, mit dem die Reise allerdings begonnen hatte, war in dieser Zeit dann auch schnell verdrängt. Aber davon später.

CalgaryGespannt waren wir nicht nur auf das große Land und die faszinierende Landschaft in den Rockies, sondern auch auf die Zeit im Wohnmobil, war es doch das erste mal, das wir solch ein Gefährt benutzten. Aber von vornherein hatte für uns festgestanden: Eine geführte Busreise mag für Marokko genau das richtige sein, für Kanada wäre sie tödlich. Nachdem wir uns schon in unserem Schottland-Kurztrip im Sommer 96 Freiheiten gelassen hatten bei der Wahl unseres Aufenthaltsortes und der Verweildauer, so wollten wir dieses mal absolut frei sein, und – bis auf den äußeren Rahmen mit den Hotelübernachtungen und den Flügen – uns keinen zeitlichen Zwängen durch irgendwelche Vorausbuchungen oder Reservierungen, geschweige denn durch eine fest geplante Strecke unterwerfen. Uns kam dabei entgegen, dass der September nicht mehr zur Hauptreisezeit gehört, ansonsten hätten wir vielleicht auf einigen Campingplätzen Probleme bekommen, einen Platz zu finden, und wir hätten vorher dort reservieren müssen.

Wir hatten auch den überall in den Reisekatalogen zu findenden Rat beherzigt, ein etwas größeres Wohnmobil zu nehmen als eigentlich nötig gewesen wäre. Schließlich verbringt man drei Wochen in dieser Schachtel und muß auch ein wenig Platz haben, um sich mal umzudrehen. So mieteten wir ein Modell C 25, das für zwei Erwachsene und drei Kinder ausgelegt war und eine Länge von 24 Fuß hatte. Na ja, schließlich war ich ja auch mit dem Umzugs-Lkw damals ganz gut zurechtgekommen…

Bis auf ein paar – nun, sagen wir: Eingewöhnungsproblemchen – machte uns der Chevrolet dann auch keine Schwierigkeiten (aufgepaßt, hier verstecken sich schon einige kleine Anekdoten!). Die Größe war genau richtig, und wir waren froh, dass wir Toilette und Dusche im Fahrzeug hatten. Allerdings lernt man, sich zu bescheiden. Warmwasser z.B. – ein zivilisierter Mensch kann es sich für ein morgendliches Duschen nicht wegdenken – erhielten wir nur, wenn wir ein Knöpfchen drückten und eine Viertelstunde warteten. Das war uns dann oft doch zu umständlich, und so beschränkt man sich auf das nötigste.

Wenn man sich lange auf eine Reise vorbereitet und über Wochen hinweg zum Frühstück neben dem Kaffee und dem Müsli auch noch einen 800-Seiten-Wälzer über das zweitgrößte Land der Erde zu verzehren hat, in denen von den Landschaften und Städten nur so geschwärmt wird, kann es leicht geschehen, dass die aufgebauten Erwartungen enttäuscht werden. Wir können getrost sagen, dass es uns weitestgehend nicht so ergangen ist. Lediglich von Vancouver – angeblich eine der schönsten Städte der Welt – haben wir uns mehr erwartet. Das gewisse Etwas haben wir auch in fünf Tagen Aufenthalt in dieser – sicherlich interessanten – Stadt allerdings nicht gefunden.

Aber das war ja schon das Ende des Abenteuers in Übersee. Dabei habe ich doch noch gar nicht von dem aufregenden Anfang berichtet…