Parker Ridge Trail

Auf dem Parker Ridge Trail mit Sicht auf den Saskatchewan Gletscher

Boh, war das eine kalte Nacht! Wahnsinn, haben wir gefroren. Die ganze Nacht ohne Heizung; kein Wunder, dass wir uns kaum aus den Schlafsäcken heraustrauen. Aber da wir hier ohne Strom aus der Steckdose auskommen müssen, hielten wir es für besser, die Autobatterie nicht mit der Heizung zu belasten. Laut Benutzerhandbuch für das Wohnmobil hält die Batterie nämlich nur 2 Stunden Heizungsbetrieb aus.

Heute ist nun der neunte neunte, von dem gestern schon die Rede war. Wir haben ein Super-Wetter – wie gestern abend ist auch heute morgen keine einzige Wolke zu sehen. Zitternd ziehen wir uns an. Ich mache die Heizung nun doch an – Gott sei dank, sie funktioniert noch! Nach dem üblichen Frühstück brechen wir um ca. 10 Uhr auf, zunächst, um noch einmal zu „dumpen“, aber vor dem Wohnmobil-Klo stehen so viele Fahrzeuge in der Warteschlange, dass wir uns vorerst mit dem Nachfüllen des Trinkwassers begnügen. Anschließend biegen wir auf den Highway ein und fahren einige Kilometer zurück bis zu dem kleinen Parkplatz direkt unterhalb des Parker Ridge Trails.

Jetzt, um 10 Uhr 30, sind noch nicht viele Fahrzeuge hier, und wir packen unsere Rucksäcke, schnüren die Stiefel und ziehen los. Es geht stramm bergauf, steiler noch als auf dem „Plain of the six glaciers“-Trail. Dafür ist der Weg auch viel kürzer, nur etwa 2 1/2 Kilometer bis zum Grat, der auf 7400 Fuß Höhe liegt, also etwa 2470 Metern.

Die Umgebung hier ist einmalig. Der schmale und zum Teil etwas feuchte Weg führt durch rote, gelbe und weiße Tundra-Flora, allesamt niedrige Pflanzen, die dem Berghang eine wunderschöne Farbe geben.

Parker RidgeDer Trail windet sich mit vielen Biegungen die Steigung hinauf, und wie üblich, bleibe ich etwas hinter Jasmin zurück. Sie kann nicht anders; wenn es berghoch geht, wird sie immer schneller. Seufz. Ich blicke ihr kurz nach, wie sie schon die nächste Kurve nimmt, packe den Rucksack fester an den Riemen und stiefele weiter. Etwa eine Stunde brauchen wir für den steilen Serpentinenweg, aber oben werden wir auf das Höchste belohnt. Vor uns öffnet sich ein weites, phantastisches Tal, dessen Anblick die Strapazen mehr als wert sind.

Unser Blick fällt auf den Saskatchewan Glacier, der sich im Hintergrund in das Tal ergießt und dort einen kleinen See mit Schmelzwasser füttert, das in schmalen, sich umeinander windenden Bächen von ihm wegfließt, Richtung Highway, der von unserer momentanen Position aus aber nicht zu sehen ist. Dieses Tal öffnet sich zur Big Bend hin, die wir auf unserer Herfahrt entlanggefahren sind.

Auf der gegenüberliegenden Seite ist das Tal begrenzt durch gewaltige Felswände des Mount Saskatchewan, aus denen vereinzelt kaum zu entdeckende Wasserfälle herausschießen. Wir hören ihr Rauschen lediglich ganz leise als kaum wahrnehmbares Hintergrundgeräusch. Diese Seite des Tales jedoch steht in üppigem Grün, und ein Nadelwald ergießt sich großflächig bis hinunter zur Talsohle. Zwei Habichte kreisen über den Ästen und suchen nach Beute. Hin und wieder stoßen sie herab und entschwinden unseren Blicken.

Saskatchewan GletscherWir gehen noch ein Stückchen weiter, und etwas abseits von dem markierten Weg legen wir uns hinter einem großen Stein in das Gras. Es ist windig hier oben, aber die Sonne scheint, der Ausblick ist phantastisch, und alles Schlechte der Welt scheint unendlich weit entfernt. In dieser Idylle herrscht eine eigenartige Stille – nur der Wind und vereinzelt die Schreie der Habichte, die im Wind miteinander zu spielen scheinen, durchbrechen die Ruhe.

Eine ganze Stunde entspannen wir uns hier, hören über Jasmins Walkman leise irische Folklore, die sehr gut die Stimmung unterstreicht, in die wir uns hier hineinfallen lassen. Hier kann man es aushalten!

Schließlich aber zieht es uns wieder auf den Weg zurück. Dies ist noch nicht ganz das Ende des Parker Ridge Trails, und schließlich balancieren wir über einen schmalen Pfad, der durch loses Geröll einen Hang entlang führt, noch etwa hundert Meter weiter. Hier ist für uns aber endgültig Schluß; es scheint nicht ungefährlich zu werden. Allerdings kann man von hier aus – wir haben auf diesem Pfad die Bergkuppe ein wenig umrundet – den Highway sehen!

Der Rückweg verläuft, wie erwartet, wieder einmal schneller als der Hinweg. Dick eingemummelt – es zieht schließlich heftig in dieser Höhe – kommen uns wieder einmal Wanderer in Shorts entgegen. Etwas abseits des Weges entdecken wir einen weißen Kasten, der aus der Ferne die Größe und das Aussehen einer Waschmaschine hat. Aber so etwas hier, in 2400 Meter Hähe oben auf einer Bergwiese? Das muß ich mir genauer ansehen. Ich laufe die etwa fünfzig Meter bis zu dem Gebilde und erkenne, dass es sich um eine Wetterstation handelt, aus Holz zusammengezimmert und weiß bemalt. Das macht schon eher einen Sinn hier oben. Meine Neugier ist befriedigt, und weiter geht es hinunter, zurück zu unserem rollendem Urlaubshotel. Etwa halb zwei sind wir wieder unten auf dem Parkplatz, der mittlerweile gut gefüllt ist.

Wir machen uns leckere Schinken- und Käse-Sandwiches zum Mittag, die wir mit Heißhunger verzehren, und fahren dann noch einmal auf den Wilcox Campground hinauf, um doch noch unsere Abwassertanks zu leeren. Dieses mal ist die Dumping Station leer, und mit nun geübter Hand geht alles recht schnell. Um Viertel vor drei sind wir auf dem Weg Richtung Icefield Informationscentre.

Zuerst hat Jasmin so recht keine Lust, mit auf den Gletscher hinaufzufahren; meint, es sei nur Geldverschwendung. Aber ich möchte die Erfahrung unbedingt machen, auch wenn man nur auf einem eingegrenzten freigegebenen Gebiet auf dem Gletscher herumlaufen kann. Schließlich kann ich Jasmin doch überreden, und wir bekommen zwei Tickets für 16 Uhr. Mit meiner American Automobile Association-Karte sparen wir hier glatte zwei Dollar und bezahlen nur 22 Dollar 50 (immer noch teuer genug, gell).

Während der halben Stunde Wartezeit stöbern wir etwas durch den Souveniershop. Punkt 16 Uhr begrüßt uns dann ein Mann mittleren Alters mit wettergegerbtem Gesicht vor dem Shuttle-Bus und stellt sich als Russell Tillacaught (oder so ähnlich) vor. Inmitten einer chinesischen Reisegruppe heißt er uns als Deutsche besonders willkommen. Während der Fahrt erfahren wir und die zahlreichen anderen Fahrgäste von Russell, dass die holprige Straße, über die wir schwankend zur Snow Coach-Station kutschiert werden, 1983 gebaut wurde. Sie ist bereits einmal abgerutscht, weil der Gletscher das Felsgeröll mit sich zieht und so der Straße die Grundlage raubt.

„Gletscherwasser macht 125 Jahre alt“, gibt Russell zum besten, und erst jetzt bemerke ich, dass viele unserer asiatischen Freunde mit Plastikflaschen bewaffnet in den Bus gestiegen sind.

Nach etwa zehn Minuten schaukeliger Fahrt stoppen wir an einer einfachen Konstruktion mit Schwenktüren, um in die Snow Coaches umzusteigen. Hier verabschiedet sich Russell erst einmal von uns, während uns auf der anderen Seite die junge Jacintha in Empfang nimmt.

Sie beginnt ihre Moderation unserer Gletscherfahrt gleich mit einem Scherz: Wir sollen uns doch alle anschnallen, denn gleich gehe es das steilste Stück Straße hinunter, dass es in den Rockies gibt. Vierzig Prozent sind wirklich enorm steil, stellen wir fest, als wir in den Sitzen nach vorne kippen – ohne irgendwelche Sicherheitsgurte gefunden zu haben. Jacintha jedoch steuert den Snow Coach mit gemächlichem Schrittempo das Gefälle hinunter, das auf diese Weise natürlich nicht so gefährlich erscheint.

Bei den Snow Coaches handelt es sich um Spezialfahrzeuge aus Calgary, die ursprünglich für das Militär gebaut worden waren, und die nun nur noch hier am Gletscher im Einsatz sind. Wenige Meter hinter dem 40%-Gefälle fährt unser Fahrzeug auf die hier beginnende dicke Eisdecke des Athabasca Gletschers. Nur wenige Minuten nach Beginn der Fahrt schon können wir die ersten Sturzbäche hellblauen Eiswassers bewundern, die sich durch die Eisbrocken winden. Wir entdecken riesige Löcher im Eis, deren Grund wohl keiner von uns erkunden möchte, und erfahren von Jacintha, dass innerhalb des Gletschers als niedrigste Temperatur -32 Grad Celsius gemessen worden sei. Sie macht uns auch auf den Rand des Gletschers aufmerksam, wo sehr viel Moränen-Geröll herumliegt. Hier schmelze der Gletscher am schnellsten, teilt sie uns mit.

Auf dem Gletscher hat man für die Snow Coaches eine eigene Straße und einen eigenen Parkplatz gebaut, den wir nun ansteuern. Fünf dieser opulenten Fahrzeuge stehen hier bereits, und zahllose Menschen schlittern über das Eis. Jacintha entläßt uns für zwanzig Minuten in die Kälte.

Es ist spiegelglatt hier, aber man gewöhnt sich schnell daran. Wir befinden uns auf einer nahezu runden, geebneten Fläche, etwa fünfzig Meter im Durchmesser, und fast überall steht das Wasser einige Millimeter über dem Eis. Der Boden zu unseren Füßen hat eine ganz eigenartige Struktur; blaue Adern, die sich durch das unendlich alte Eis ziehen, Eisschnee und Wasserläufe, die grauen Dreck und schwarze Körnchen aus dem Gebirge mitbringen. Der Rand des Kreises wird umströmt von eiskaltem und glasklarem Schmelzwasser, das sich seinen Weg den Gletscher hinab sucht. Überall hocken Asiaten und füllen ihre Plastikfläschchen mit dem Lebenselixier. Wenn das man hilft…

Die Oberfläche des Gletschers sieht von hier aus wie ein gefrorenes Meer, die unzähligen Eishügel erscheinen wie erstarrte Wellen. Schade, dass die Menschen und die Snow Coaches so laut sind, sonst würde man bestimmt das Flüstern des kalten Windes als gefrorenes Meeresrauschen wahrnehmen können.

Links von uns sehen wir die benachbarten Gipfel des Mount Athabasca und des Mount Andromeda. Dazwischen leckt die Zunge eines weiteren Gletschers in das Tal hinab; es ist der sogenannte „AA“-Gletscher, der seinen Namen daher hat, dass er sich direkt zwischen den beiden Bergen, die mit „A“ beginnen, hindurchquält.

Während ich einige Fotos von den faszinierenden Eisformationen mache, meint ein gnubbeliger Japaner zu mir, dass die doch nichts werden, aber ich entgegne, dass es mir einen Versuch wert sei. Schließlich geht es um zehn vor fünf nachmittags wieder zurück, und um halb sechs befinden wir uns wohlbehalten und etwas angefroren wieder in unserem Wohnmobil.

Athabasca FallsDie Nacht wollen wir bereits in Jasper verbringen, und so machen wir uns auf, um die restlichen etwa 80 Kilometer bis dahin hinter uns zu bringen. Auf dem Weg machen wir einen kurzen Abstecher zu den Athabasca Falls, die ich aber alleine besichtige; Jasmin kann sich dazu nicht mehr aufraffen. Wie sich herausstellt, hat sie auch nicht besonders viel verpaßt. Irgendwie sind die Fälle nicht so spektakulär, und die häßliche, mächtige Betonbrücke, die den Fluß hier überspannt, verschönert den Anblick nicht gerade. Auf der anderen Seite führt eine in den Fels gehauene Treppe hinunter an das untere Ende der Fälle. Von hier aus hat man einen tollen Blick auf den wieder ruhig dahinfließenden Athabasca River. Lange lasse ich Jasmin nicht alleine im Wohnmobil. Wir fahren weiter und erreichen etwa 19 Uhr 20 den einzigen noch offenen Campground in Jasper – den Whistlers Campground.

Obwohl es sich mit 781 Stellplätzen um den größten Campingplatz Jaspers handelt, bekommen wir keinen Stellplatz mehr, der unseren Wünschen entspricht. Alle Plätze mit Strom sind vergeben; so müssen wir uns wieder mit einem einfachen Stellplatz begnügen. Man stellt uns in Aussicht, dass morgen früh andere Plätze mit Stromversorgung frei werden; also buchen wir erst nur für heute nacht und werden morgen nach einem anderen Platz fragen, denn wir wollen schon mehr als nur einen Tag hier bleiben. Ich frage mich mittlerweile nur, wie der Spruch „In Kanada haben alle Campingplätze Stromversorgung, daher brauchen die Wohnmobile dort keinen Generator“ in die Reisekataloge geraten ist; eine offensichtliche Falschinformation, die einem kalte Nächte beschert.

Als Abendessen gibt es ausnahmsweise einmal Nudeln, dieses mal mit Baked Beans – würg, der Hunger treibt’s rein. Auf dem Stellplatz gegenüber trötet einer wie blöd auf einer Elch-Trompete, um die Tiere anzulocken; es ist nämlich gerade Brunftzeit. Aber es passiert nichts, lediglich sein Hund fällt mich fast an. Um 20 Uhr 30 ist es hier – mitten im Wald – bereits pechschwarz, lediglich das Licht des Toilettenhäuschens nebenan scheint herein. Uns stört’s nicht besonders. Wir ziehen die Jalousien zu, dann geht’s ab in die Säcke!

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