Victoria Hafen

Auf großer Säugetier-Safari im Meer mit Orcas

Um Viertel nach zehn nehmen wir die kleine Ferry hinüber nach Downtown und bezahlen mit den Münzen, die wir noch von gestern übrig haben. Die anderen Fahrgäste machen anscheinend eine Hafenrundfahrt, denn heute nimmt das Boot eine etwas andere Route. So geraten wir auch in den Genuß, noch etwas mehr von dem Hafengebiet zu sehen.

In der Downtown führen uns die ersten Schritte gleich zu diesem ominösen Marine Adventure Centre. Direkt am Hafenbecken finden wir dann auch das Häuschen, das mit Cafeteria und Bootsanleger ausgestattet ist. Hier buchen wir eine Tour um 13 Uhr mit einem Zodiac, einem dieser schnellen Gummiboote mit Heckmotor, die wir schon gestern aus dem Hafen haben herausfahren sehen.

Die Zeit bis dahin verbringen wir damit, uns noch etwas am Parliament Building umzusehen. Hier findet offensichtlich gerade ein Wettbewerb statt. Dutzende Männer und Frauen in antiken Kostümen laufen hier herum, und alle paar Minuten steht einer von ihnen auf der Parlamentstreppe, klingelt mit einer großen Glocke und liest laut ein Manifest vor. Vielleicht die Unabhängigkeitserklärung? Zahlreiche Japaner sind auch ganz angetan von dem Geschehen und lassen sich zusammen mit den Kostümierten ablichten.

Wir werfen noch einen Blick in das Innere des Parlamentsgebäudes und entdecken auch hier zahllose Japaner, die sich sogar mit den Konterfeis der Queen und Prinz Philips fotografieren lassen. Das ist aber auch schon das Interessanteste hier drinnen.

An der Kreuzung zwischen Parlament und Museum steht ein Dudelsackpfeifer in schottischer Tracht, direkt neben einem wunderschönen Totempfahl, und bläst diverse Weisen, u.a. auch „Muß i denn, muß i denn…“. Wenn das auch ein wenig zuviel des Guten ist, so stehen hier doch immerhin Repräsentanten der beiden Kulturen zusammen, die einen großen Teil Kanadas ausmachen.

Bevor es zum Walfang geht, stärken wir uns noch einmal im Sam’s Deli’s. Währenddessen fängt es mal wieder an zu regnen, und als wir Viertel vor eins im Adventure Centre ankommen, schlägt unser Fahrer uns vor, noch bis zur nächsten Tour um 14 Uhr 30 zu warten. Bis dahin soll das Wetter auch wieder besser werden. Was sollen wir dazu sagen; wir akzeptieren und nutzen die Zeit für einen Besuch des Museums.

Das Museum ist nicht besonders groß, aber für den natur- und kulturhistorisch Interessierten bietet es eine Menge interessanter Einzelheiten. Am faszinierendsten finden wir noch den Nachbau einer Kleinstadt aus der Wild-West-Zeit inklusive Chinatown. Man kann sogar in einige Häuser hineingehen. Ebenso gut gelungen ist ein 1:1-Modell der „Discovery“, das Schiff, mit dem Käpt’n George Vancouver unterwegs war.

Nun aber zurück, damit wir die Tour nicht auch noch verpassen. Es hat tatsächlich aufgehört zu regnen, und wir sind mittlerweile nicht mehr die einzigen, die Mike, unseren Fahrer, umlagern. Wir zwängen uns in enge Wetsuits hinein, die man kaum anpacken kann. Ich habe sofort sowas wie Dieselruß an den Fingern; der Anzug ist richtig schmierig und stinkt auch so. Mike läßt die Dieselmotoren aufheulen, die einen bestialischen Gestank abgeben. Gut, dass der Fahrtwind die Rußwolken nach hinten drücken wird…

Langsam fahren wir aus dem Inner Harbour heraus, und als wir offenes Wasser erreichen, gibt Mike so richtig Gas. Wir fliegen förmlich über das Wasser, springen von einer Welle zur anderen. Das ist viel besser als Achterbahnfahren!

Vancouver Island SchwertwalVon einer Pier aus werden wir alle in unserer Begeisterung fotografiert, und nach etwa 25 Minuten sind wir bei den Walen. Mike hat uns erzählt, dass sie heute morgen in dieser Gegend waren und eigentlich noch in der Nähe sein müßten. Zahlreiche andere Boote dümpeln nicht weit von uns auf dem grauen Wasser, und wir gesellen uns zu ihnen. Und schon befinden wir uns inmitten der Killerwale!

Vancouver Island OrcasEinige kleinere zeigen sich sportlich und springen ein, zweimal aus dem Wasser. Dabei zeigt sich, dass die Fotoapparat-Mechanik und meine Körpermotorik viel zu träge sind, um wirklich gute Bilder zu machen. Ich lauere mit meiner Kamera auf Wal-Aktionen und verschieße insgesamt zwei Filme. Meistens wird aber wohl nur eine Rückenflosse auf den Fotos zu sehen sein.

Plötzlich schwimmt einer der riesigen Exemplare direkt auf unser Boot zu und taucht etwa 20 Meter vor uns unter. Alle erwarten, dass der Wal jetzt direkt vor unseren Nasen wieder an die Oberfläche kommt, aber er legt uns rein und taucht auf der anderen Seite des Bootes so dicht neben uns auf, dass er fast die Gummiumrandung berührt.

Es ist schon bemerkenswert: Wir treiben hier auf kleinen, von Gummireifen umgebenen Kunststoffplatten zwischen diesen bedrohlichen Meeresriesen, fühlen uns aber überhaupt nicht bedroht. Im Gegenteil, es ist ein herrliches Gefühl, diese schönen und majestätischen Tiere beobachten zu können.

Die Wale, denen wir hier folgen, sind seßhafte, die stets in diesen Küstengewässern leben. Daher kann man sie auch fast immer gut beobachten. Wäre das Wetter besser, würden sie vielleicht ein bißchen mehr Lebenslust zeigen.

Auf der Rückfahrt nach Victoria zeigt uns Mike noch einen Weißkopfseeadler, hoch oben in einem Baum sitzend, so dass ich ihn fast nicht entdecke. Weiter geht’s zur Insel der Seelöwen, die total von Tangsträngen, die an der Wasseroberfläche treiben, umgeben ist. Welch ein Fischgestank schlägt uns hier entgegen! Schlimmer als in der Auktionshalle im Hafen von Agadir! Und dieses nervige Gebrüll, dass diese Tiere von sich geben! Kaum auszuhalten. Sie merken, dass die Wale in der Nähe sind, und sind deswegen unruhig. Obwohl die Killerwale eigentlich die kleineren Seehunde bevorzugen, wie uns Mike mitteilt.

In einem Mordstempo geht es zurück nach Victoria. Das Wetter wird wieder schlechter, und die Regentropfen klatschen wie kleine Geschosse auf die Gesichtshaut; ein heftiger Wind schlägt uns entgegen. Um Viertel nach fünf legen wir an und entledigen uns unserer stinkenden, nassen Anzüge.

Jasmin und ich brechen auf Richtung Chinatown, wo wir uns dann im Kwong Tung Restaurant das „Special Dinner“ einverleiben. Während wir die vier verschiedenen Speise-Sorten genießen, die wir zum Teil nicht einmal identifizieren können, trifft eine Riesengruppe Chinesen ein, die mehrere große Rundtische bevölkern und so richtig Leben in die Bude bringen.

Anschließend kehren wir noch in das „The Elephant & Castle“ ein und trinken ein Canadian Lager. Der Name des Pubs entspringt einer alten Geschichte, in der das des Französischen unkundige englische Volk aus „l’enfant de castile“ ein „elephant and castle“ macht.

Auch heute abend lassen wir uns von einem der Empress-Taxis zum R.V. Park kutschieren. Dieser Abend war schon der Abschluß unseres Aufenthaltes hier in Victoria, und etwas wehmütig wird uns schon zumute…

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