Icefield Parkway

Der Icefield Parkway – Eine der schönsten Straßen der Welt

Irgendwie schaffen wir es heute morgen, bereits um halb zehn – es ist noch richtig kalt – zum Einkaufen aufzubrechen. Obwohl uns heute nacht wieder einmal so ein Endlos-Zug mit seinem Getute vergrätzt hat. Aber eigentlich ist das ja ein Teil der Kanada-Romantik, die zum Urlaub dazugehört, oder nicht?

Kanada ist ein sehr großes Land, aber die Welt ist ja bekanntlich auch ein Dorf. Wen treffen wir also nach dem Einkauf auf dem Parkplatz, der zum Shop und zum Info Centre gehört? Die beiden älteren Paare, die mit uns aus Düsseldorf gekommen sind und ebenfalls bei Cruise Canada ihre Wohnmobile abgeholt haben. Wir unterhalten uns ein bißchen, dann ist es aber auch gut. Unser Tank ist noch halbvoll, und da die Tankstelle mehr als dieses ist, fahren wir gleich rauf auf den Icefield Parkway, ohne Benzin nachgefüllt zu haben.

Bereits nach drei Kilometern stehen Dutzende Autos und Wohnmobile am Straßenrand. Da solches immer ein Indiz dafür ist, dass es etwas besonderes zu sehen gibt, tun wir es ihnen gleich und halten ebenfalls an. Linksseitig des Highway 93, wie der Icefield Parkway eigentlich heißt, befindet sich der stille Herbert Lake, in dessen klarem Wasser sich die schneebedeckte Bergkulisse spiegelt – ein einmaliges Panorama. Mehr gibt es hier aber nicht zu erleben, und wir begeben uns weiter „on the road“.

Herbert LakeEs ist wieder einmal wunderbares Wetter, der Himmel ist klar und hellblau und die Temperaturen äußerst angenehm. Wir kommen vorbei am Crowfoot Glacier, der sich als mächtige Eiszunge in das Tal ergießt, und erreichen schließlich den Bow Lake mit der berühmten Num-ti-jah-Lodge. Die Zufahrtsstraße ist eine Zumutung, aber trotzdem tummeln sich hier mehrere Fahrzeuge und auch Reisebusse mit – na? – japanischen Rundreisetouristen.

Bevor wir uns kurz im Souvenirshop der niedlichen Lodge umschauen, konzentrieren uns auf das wunderschöne Panorama und die herrliche Lage der Herberge. Aus der Ferne hören wir ein Donnern und erkennen auch bald die Bow Glacier Falls, die weit entfernt in den See hineinstürzen. Man könnte eine Wanderung dorthin unternehmen, aber wir haben erst gestern die Takakkaw Falls bewundert und wollen heute noch etwas vorwärts kommen. Also fahren wir weiter zum nächsten interessanten Naturprodukt – dem Peyto Lake.

Das dieser ein wahrer Touristenmagnet ist, sieht man schon auf dem großen Parkplatz. Mit Glück erwischen wir noch einen Platz. Ein wenige hundert Meter langer Spazierweg, der einige kleine Steigungen überwinden muß und als Waldlehrpfad angelegt ist, führt auf eine hoffnungslos übervölkerte Aussichtsplattform hoch über dem See. Fast ausschließlich Japaner tummeln sich hier, einige Deutsche natürlich und ein französisches Pärchen, unschwer an der Sprache zu erkennen. Unerschrocken wühlen wir uns durch die mit Instantkameras bestens ausgerüsteten Asiaten, die sich gegenseitig in Gruppen ablichten, aber, wie ich glaube, nicht einmal den See fotografieren. Hauptsache zu Hause in Japan sieht man, dass sie hier waren.

Peyto LakeDer Peyto Lake bietet einen phantastischen Anblick: Dieses für Gletscherseen charakteristische Grün-Blau ist ein wahrer Augenschmaus. Wenn man so etwas nur auf einer Postkarte sieht, glaubt man nicht daran, dass es in natura tatsächlich auch so aussieht! Links von uns erkennen wir eine Gletscherzunge, die bis zum See hinunterreicht und ihn speist: schmale Bäche mit Gletscherwasser winden sich durch ein sandiges Delta und ergießen sich als weiße Fäden in den See.

Aufgrund der Menschenmenge fällt es uns trotzdem nicht besonders schwer, uns von dem Anblick zu lösen. Wir fahren weiter über den Highway, der seinem Ruf in der Tat gerecht wird: Das Panorama, das sich uns bietet, ist wirklich einmalig. Nach ca. 70 Kilometern Fahrt seit Verlassen von Lake Louise Village erreichen wir den Mistaya Canyon. Ein kurzer Wanderweg führt von dem Parkplatz durch einen dunklen, angenehm kühlen Wald hinunter zu dem „Grizzlybär“ Canyon, wie die Übersetzung des indianischen Namens lautet. Bereits vom Wanderweg aus erkennen wir die vielen schmalen und dunklen Windungen, die der Mistaya River tief in das Gestein gefressen hat. Man hört ein ständiges Gurgeln und Tosen, mit denen sich das klare und kalte Wasser seinen Weg bahnt und sich weiter in den Fels hinein gräbt.

Auf den Planken einer massiven Holzkonstruktion überqueren wir den Canyon und gelangen an seinen Beginn, wo der Fluß noch breit und offensichtlich nicht sehr tief ist, und wo die aufsprühende Gischt kleine, bunte Regenbogen erzeugt, die unsere Blicke magisch anziehen. Hier setzen wir uns auf die flachen, vom Flußwasser abgeschliffenen Felsen und genießen den Blick auf den Mistaya River, der sein Wasser heranträgt. Es ist ein herrliches Bild, das sich uns bietet, und man könnte hier stundenlang verharren, sich zurücklehnen und dem Rauschen der Fluten zuhören, obwohl wir auch hier natürlich nicht alleine sind. Wir nehmen uns ein wenig Zeit, aber irgendwann treibt es uns weiter.

Sechs Kilometer weiter, an der Saskatchewan River Crossing, wo der David Thompson Highway auf den Icefield Parkway trifft und letzterer den Saskatchewan River überquert, wird es Zeit für einen Tankstopp. Es ist die erste Tankstelle seit Lake Louise Village, und wir haben noch etwa 50 Kilometer vor uns, bis wir den Wilcox Campground erreichen, den man uns im Info Centre von Lake Louise Village empfohlen hat.

Der Tankwart fragt freundlich nach unserer Herkunft und wünscht uns einen schönen Urlaub, und wir folgen weiter dem Highway 93, der von hier an von dem Saskatchewan River begleitet wird. Der Flußlauf bietet einen faszinierenden Anblick; unzählige Arme durchfließen die breite Talsohle, die vor Jahrtausenden von riesigen Gletschern gebildet worden war.

Vor den Aussichtspunkten zu den Bridal Veil Falls und den Panther Falls muß der Highway einen Berg erklimmen, und so fahren wir die „Big Bend“, eine große Rechtsschleife, die in die enorme Steigung übergeht, die hier zu überwinden ist. Es ist beinahe schon eine Schande, wie der Highway hier den Flußlauf zerschneidet.

Oben angelangt, machen wir Halt auf dem Parkplatz, auf dem auch ein Quartett Schneeziegen Gast ist. Allerdings zeigen sie uns kalt das Hinterteil und werden erst vertrieben, als ein anderes Urlauberpärchen nach „Miez-Miez“-Manier die Tiere streicheln will. Schrecklich, so was. In der Ferne sehen wir die Panther Falls an einer Steilwand des Cirrus Mountain herabstürzen, und der Blick reicht weit zurück über den Lauf des Highway 93. Von hier oben erahnt man erst richtig, welch gewaltige Eismassen dieses Tal erzeugt haben müssen, und die nahezu perfekte U-Form des Tal-Querschnitts ist deutlich zu erkennen.

Auf unserer Weiterfahrt kommen wir an der Parker Ridge vorbei, einem kurzen Trail, den wir morgen früh wandern wollen. Heute wollen wir uns jedoch erst noch einen Camping-Stellplatz sichern, und wir fahren ein paar Kilometer weiter, überqueren die Grenze zwischen den Nationalparks von Banff und Jasper und erreichen die kurze Stichstraße, die zum Wilcox Campground hinaufführt.

Ein kurzer Blick auf die große Holztafel am Eingang genügt, um zu erkennen: „Self register“! Nun müssen wir also auch diese Erfahrung machen, nehmen uns einen grauen Zettel mit und suchen uns einen freien Platz. Zu unserem Glück ist gleich die Nummer Eins frei, und wir stellen uns quer auf den Platz. Da ich nicht ganz sicher bin, welches Datum ich auf dem Registrierzettel einzutragen habe – das heutige oder das Abreise-Datum – frage ich unsere Camping-Nachbarn. Es ist das Datum von heute, teilt man mir freundlich und mit dem hier üblichen „You’re welcome“ mit, und wir heften den ausgefüllten Abschnitt des Zettels an den kleinen Holzpfosten. Wir entschließen uns, noch zum Icefield Centre zu fahren, das nur einige Kilometer weiter direkt am Highway liegt, und verlassen unseren nun reservierten Stellplatz wieder. Als ich den 9 Dollar 50-Obulus in der Registriertüte in den entsprechenden Briefkasten an der Einfahrt des Campgrounds einwerfen will, sehe ich, wie ein anderes Wohnmobil auf unseren Stellplatz fährt. Wir warten einen Moment, um zu sehen, ob es wieder weg fährt, aber im Gegenteil: die Leute steigen aus. Also gehe ich hin, um die Sache zu klären, und versuche dem Mann auf Englisch zu verdeutlichen, dass wir gerade eben den Platz für uns besetzt haben.

„Ich glaube, wir können deutsch miteinander reden“, antwortet der (wirklich überall Deutsche hier!) und sagt, es sei ja schon der neunte September, und da auf dem Zettel der achte stehe, dachten sie, der Platz sei nun frei. Wie das so ist, denke ich natürlich: Oh, da haben wir uns im Datum geirrt – im Urlaub vertut man sich ja schon mal. „Macht nichts“, heißt es von dem Mann, „dann suchen wir uns einen anderen Platz“.

Zufrieden gehe ich zurück, fülle einen neuen Zettel mit geändertem Datum aus und erzähle Jasmin von dem Gespräch.

„Aber wir haben heute den achten!“ sagt sie überzeugt, und um das noch einmal bestätigt zu wissen, frage ich zwei Leute, die in einem Pkw neben der Campground-Einfahrt Pause machen, nach dem heutigen Datum. Die schauen mich zwar etwas irritiert an, aber geben einstimmig zu Protokoll, dass heute der achte sei. Etwas verstimmt ob der Tatsache, dass der Mann so selbstbestimmt Recht zu haben glaubte, hefte ich den ersten Zettel mit dem korrekten Datum wieder an den Pfosten. Hauptsache, es kommt nicht noch jemand, der sich im Datum irrt!

Endlich können wir weiter zum Icefield Centre fahren. Es gibt hier einen riesigen Parkplatz, der allerdings um diese Jahres- und Tageszeit nicht besonders voll ist. Auf der anderen Seite des Highway erkennt man deutlich die riesige, dreckig-braune Eiszunge des Athabasca Gletschers, den man mit Schneebussen befahren kann. Links neben dem Gletscher führt eine Straße her, auf der einige Reisebusse fahren.

Parker RidgeWir betreten das große Gebäude und erkundigen uns am Snocoach Ticket Office, ob heute noch Busse fahren, aber es ist schon 17 Uhr 15, und die letzte Fuhre ist gerade abfahrbereit. Also nehmen wir uns das für morgen nachmittag vor, nachdem wir die Parker Ridge erwandert haben. Ich erkundige mich noch bei dem jungen Mädchen hinter dem Schalter, auf welchem Teil des Gletschers die Busse fahren (es gibt nämlich drei Stufen), aber sie versteht zunächst nicht, was ich meine. Nach mehreren Versuchen (so schlecht ist mein Englisch doch auch wieder nicht) antwortet sie dann, dass die Fahrzeuge nur unten auf dem Gletscher fahren, da es oben zu gefährlich ist.

In dem Centre gibt es einen Souveniershop, ein Cafe und ein Hotel, und überall wimmelt es von Japanern. Viele beeilen sich, noch ihren Schneebus zu erreichen, andere eilen in die andere Richtung, um ihren Reisebus nicht zu verpassen. Es ist schon witzig. Schön, dass wir genügend Zeit haben und sagen können: Was soll’s, dann machen wir es halt morgen. Uns ist jetzt schon nach den wenigen Tagen klar, dass ein Wohnmobil-Urlaub hier genau das richtige ist, um frei von Streß und selbstauferlegtem Zeitdruck die Reise genießen zu können.

Im Erdgeschoß des Gebäudes befindet sich ein kleines Museum, das über die Flora und Fauna sowie die Entstehung und das Zurückweichen des Gletschers Auskunft gibt. Seit 1870, wo der Gletscher sogar die Stelle, an der jetzt das Informationszentrum steht, bedeckte, hat er sich mehrere hundert Meter zurückgezogen.

Wir steigen wieder in unser Fahrzeug und fahren über eine Stichstraße, die auf der anderen Seite des Highway zu einem kleinen Parkplatz führt, nahe an den Fuß des Gletschers heran. Steinerne Tafeln, mit Jahreszahlen beschriftet, säumen den Weg, und wir erkennen, wie schnell sich das Eis in den letzten Jahren zurückgezogen hat. Wenn man den Gletscher so ansieht, denkt man, er fließe in das Tal, aber in Wirklichkeit befindet er sich auf dem Rückzug.

Von dem Parkplatz führt ein kurzer Weg hinauf zu den Ausläufern des Gletschers, zu den Eismassen, die als nächste schmelzen werden, so dass wir sie bei einem Besuch einige Jahre später wohl gar nicht mehr zu Gesicht bekommen würden. Es geht steil bergan, und es ist hier so ungemütlich, dass wir froh sind, unsere Jacken angezogen zu haben. Fünfzig Meter Höhenunterschied haben wir zu überwinden und müssen dabei kleinere Bäche Eiswassers durchwaten oder übersteigen. Oben angelangt, stehen wir vor den mächtigen Eismassen, die sich schon hier unten weit hoch wölben. Man gewinnt schnell einen Eindruck, wie enorm dick das Eis weiter oben sein muß. Ein Absperrungsseil trennt uns von dem Gletscher, was einen älteren Herren allerdings nicht davon abhält, mit einem Wanderstock bewaffnet doch hinauf zu klettern und einige Schritte herumzuspazieren. Da wir im Informationszentrum gelesen haben, dass erst letztes Jahr ein deutscher Urlauber bei so etwas ums Leben gekommen ist, lassen wir das lieber. Ich gehe aber näher heran, um den Gletscher hier wenigstens einmal berührt zu haben. Er sieht aus wie Schnee, aber fühlt sich kalt und hart wie Eis an, steinhart sogar. Bereits hier vorne ist der Gletscher stark zerklüftet, und tiefe Spalten, ähnlich den Saurierkrallen-Spuren unterhalb des Victoria-Gletschers, zerteilen die Ausläufer in unzählige eisige Finger.

Auf dem Rückweg zum Fahrzeug kommen uns wieder einmal Touris in Shorts und T-Shirts entgegen – und wir können unsere Kaputzen gar nicht tief genug in’s Gesicht ziehen. Sind die verrückt und leichtsinnig, oder so abgehärtet, und wir die Memmen? Ich weiß ja nich’…

Zurück auf dem Wilcox Campground stellen wir beruhigt fest, dass unser Platz tatsächlich noch frei ist, und wir machen uns für den Abend bereit. Unser Stellplatz ist leicht abschüssig, und ich lege einige dicke Steine vor die Vorderräder, damit der Wagen auch ja dort stehen bleibt, wo wir ihn haben wollen.

Heute haben wir also dann doch keinen Strom aus der Steckdose, und wir müssen zum ersten mal von der Autobatterie leben. Aber der Platz ist herrlich gelegen, und bei einem kurzen Rundgang erhaschen wir einen wunderschönen Blick über die Ebene und auf den Gipfel des Mount Athabasca. Zum Abendessen gibt es Nudeln mit Soße, und um 20 Uhr 50 sitze ich – nur mit der Taschenlampe bewaffnet, um die Autobatterie zu schonen – am Tisch und studiere die diversen Reiseführer und Karten, die wir mitgenommen haben. Jasmin kommt aus der Toilette und sagt, es rieche nach Benzin, aber draußen kann ich nichts sehen und riechen, und so lassen wir es dabei bewenden. Probleme mit dem Wohnmobil möchten wir hier wirklich nicht haben…

Jasmin will eine Gute-Nacht-Geschichte oder ein Lied hören, aber ich konzentriere mich lieber auf den Himmel. Keine einzige Wolke ist zu sehen, es wird bestimmt ein toller Sternenhimmel werden. Um 21 Uhr ist es fast total dunkel, und so langsam werden wir müde…

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