Athabasca River

Rafting auf dem Athabasca River

Eigentlich wollten wir ja bereits um 9 Uhr am Registrierhäuschen des Campgrounds erscheinen, um für heute abend einen „fully hooked“-Stellplatz zu reservieren, aber wie so häufig kommen wir erst gegen halb elf weg. Aber egal, heute wollen wir es eh‘ ein wenig ruhiger angehen lassen, Jasper anschauen und mal sehen, was sich noch so ergibt.

Tatsächlich bekommen wir beim Auschecken auf unsere Anfrage hin den gewünschten Platz für heute abend, für 22 Dollar. Je länger wir unterwegs sind, desto teurer scheinen die Campingplätze zu werden.

Jasper soll das etwas ruhigere Pendant zu Banff sein. Aber als wir auf dem Connaught Drive, an dem sich zahlreiche Geschäfte und Restaurants reihen, nach Jasper Townside hineinfahren, scheint uns der Ort noch belebter als Banff zu sein. Jasper ist nicht so beschaulich, offener bebaut und somit weitläufiger.

An der relativ belebten Hauptstraße dürfen wir nur 2 Stunden parken. Das reicht uns zunächst, um das Info Centre aufzusuchen und uns über die Gegebenheiten schlau zu machen. Unter anderem fallen uns die zahlreichen Broschüren über River Rafting ins Auge. Einer der Anbieter befindet sich ganz in der Nähe in einem Sportgeschäft, und wir strumpeln hin.

Man klärt uns über die angebotenen Touren auf. Es können nicht mehr alle auf dem Programm stehenden Fahrten gemacht werden, weil die Flüsse zu dieser Jahreszeit bereits zum Teil sehr viel weniger Wasser führen als im Sommer, so dass Rafting dort viel zu gefährlich ist.

Athabasca River RaftingWir suchen uns eine Tour aus, die gleich um 13 Uhr losgeht, eine Anfängertour vom Grad 2 (es geht bis 6 hinauf) auf dem Athabasca River. Wir löhnen 50 Dollar und kehren zum Wohnmobil zurück, um uns vorzubereiten.

In dem Geschäft empfahl man uns einen Parkplatz, der an einer Parallelstraße des Connaught Drive ganz in der Nähe liegt, und auf dem wir unbegrenzt parken können. Hier stellen wir unseren Camper ab, packen unsere Siebensachen (z.B. unsere neuen Outdoor-Sandalen!), werfen uns einige Snacks als Mittagessen ein, und kehren zu ein Uhr zurück zu dem Shop.

Wir werden empfangen von einer netten jungen Frau namens Effi, die uns und einige andere in einem Kleinbus zu einem Kotten am südlichen Rand Jaspers transportiert. Hier schlüpfen wir in hautenge Wetsuits und Schwimmwesten. Mein Körper wird regelrecht zusammengedrückt, und seit langem habe ich mal wieder einen ganz flachen Bauch. Ich stelle mich vor Effi und frage, ob das nicht etwas eng sei, aber sie reißt mit einem schelmischen Lächeln die Augen auf, erhebt den Daumen und meint nur: „Great physics!“

Karl, Effis überaus athletischer Kollege, der uns mit freiem Oberkörper und Naturburschen-Naturell in Empfang genommen hat, fährt unseren Trupp samt Anhänger mit den kleinen blauen Gummibooten etwa 30 Kilometer zurück zu den Athabasca Falls. Von hier aus geht es los – natürlich unterhalb der Fälle, die keiner herunterfahren würde, wie uns die beiden Profis mitteilen.

Wir werden auf die drei Boote verteilt, und Effi gibt uns eine kurze Einweisung, wie das Paddel zu gebrauchen ist, wie man sich hinsetzt, wie man jemanden wieder in das Boot hinein zieht und auf welche Kommandos wir zu achten haben.

Zu sechst steigen wir schließlich in das kleine Schlauchbötchen: Helge und Thorsten, zwei Deutsche aus der Umgebung von Berlin (man hört’s!), Eddi und Hajime, ein japanisches Pärchen, sowie Jasmin und ich. Jeder hat einen Paddel in der Hand; hinzu kommt Effi als Steuerfrau, die uns durch die wilden Fluten treiben will. Als drittes und letztes Boot legen wir ab, und bald schon werden wir durch die ersten Stromschnellen gespült. Kaum geht es etwas schneller, ertönt Effis erstes Kommando: „Team, paddle!“, und alle sechs stechen wild in das tosende Wasser hinein. Hinten lenkt Effi gekonnt an den vereinzelten Felsen vorbei, und so überstehen wir den ersten Abschnitt unbeschadet.

Naß werden wir ganz schön, und überall über der Wasseroberfläche schwirren riesige Mücken herum, aber das Wetter ist wunderbar, es ist schön warm, und wir haben riesigen Spaß. Über weite Strecken können wir uns nur ruhig dahintreiben lassen. Auf diesem Abschnitt ist der Fluß nicht ganz so wild, und so hat Effi genug Zeit, sich mit uns zu unterhalten. Sie erklärt uns, warum der Fluß so weiß ist. Es sind die sogenannten „Rockflowers“, winzige Steinpartikelchen, die vom Gletscherwasser abgeschliffen und mitgerissen werden und ihm diese Farbe verleihen.

Athabasca FlussDer Athabasca River wird vom Athabasca Gletscher gespeist, und wenn man bedenkt, dass das geschmolzene Gletscherwasser etwa einen Tag für hundert Kilometer benötigt, so fahren wir jetzt auf dem Eis, auf dem wir gestern nachmittag noch gestanden haben. Eine faszinierende Vorstellung…

Das Wasser ist hier mickrige 5 Grad kalt, trotzdem springen Helge und Thorsten auf Effis Empfehlung hin auf einem ruhigen Teilstück in die Fluten. Gletscherwasser ist das klarste und gesündeste Wasser überhaupt, klärt uns Effi auf und nimmt einen kräftigen Schluck aus dem Fluß.

Nach 13 Kilometern Fahrt haben wir am Schluß die beiden vor uns aufgebrochenen Boote überholt und sind die ersten, die an einem flachen Uferstück wieder an Land gehen. Es hat wirklich Spaß gemacht, aber Jasmin meint, es hätte ruhig noch etwas wilder zugehen können…

Um 16 Uhr ist der ganze Spaß dann vorbei. Wir erreichen den Kotten, ziehen uns um, und nachdem wir unsere Sachen im Wohnmobil verstaut haben, gehen wir erst einmal Einkaufen. Anschließend spazieren wir noch etwas durch Jaspers Straßen, kaufen eine Flasche Wein (Alkohol gibt es hier nur in speziell lizenzierten Liquor Stores!), und nehmen um 18 Uhr in Miss Italia’s Ristorante einen Pollo Ripieno zu uns. Sehr lecker, sehr zu empfehlen.

Als wir auf dem Campground auf unseren Stellplatz fahren wollen, stellen wir mit Erschrecken fest, dass dieser belegt ist. Ich klopfe an das riesige Wohnmobil – fast ein ausgewachsener Bus, aber es rührt sich niemand. Also fahren wir zum Check-In zurück, wo man den Irrtum bemerkt und uns einen anderen Platz zuweist. Gott sei dank auch einer mit Strom. Heute scheint der Campingplatz nicht ganz so voll zu sein.

Heute abend ist es noch überraschend warm. Ich verkabele unser Heim, schließe den Abwasserschlauch an und dumpe die Tanks leer. Drinnen lese ich zufällig, dass auf dem Campingplatz die Ventile geschlossen bleiben sollen, und dass erst gedumpt werden solle, wenn die Tanks voll sind. Also gehe ich im Stockdunklen wieder hinaus und schließe die Ventile. Es wird mir schon etwas mulmig, denn selbst hier auf dem Campground laufen viele Wapitis herum, mit denen in der Brunftzeit überhaupt nicht zu spaßen ist. Fast unheimlich hört es sich an, wenn in diesem Dunkel das Röhren der Hirsche zu uns dringt.

Wir lenken uns ab mit Eisessen und Siedler-von-Catan-Spielen. Heute erringe ich meinen allerersten Sieg über Jasmin! Welch ein Tag…

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