Wells Grey Park Wandern

Regenwaldwanderung im Wells Gray Provincial Park

Uns fällt sofort auf, dass wir auf einer Ranch sind, denn wir werden nicht von unserem Wecker, sondern von einem schnatternden Pferd geweckt. Die Pferdekoppel ist nur etwa zwanzig Meter entfernt. Während unserer morgendlichen Nahrungsaufnahme beobachten wir, wie mit einem Minibagger Heuballen für die Pferde bereitgelegt werden und sich einige Leute auf einen Ausritt vorbereiten. Aber wir wollen ja nicht ausreiten (obwohl wir uns auch mal in einer frühen Phase der Urlaubsplanung überlegt hatten, hier einige Tage Reiten zu lernen), sondern eine kleine Wanderung durch den Regenwald bis hin zu Aussichtspunkten oberhalb der Helmcken Falls machen.

Wir füllen an dem tropfenden Wasseranschluß unseren Frischwassertank nach und fahren dann wieder Richtung Helmcken Falls. Oberhalb der schmalen Holzbrücke über den Murtle River stellen wir den Wagen in einer Parkbucht ab, packen unsere Siebensachen, und ab 11 Uhr 05 folgen wir einem Pfad in den Wald hinein.

Wildnis im Wells Gray ParkDer Weg führt entlang des Murtle River durch einen regelrechten Urwald. Unzählige umgestürzte Baumriesen liegen hier herum – Opfer des gewaltigen Unwetters, das letztes Jahr hier getobt hatte. Viele Stämme sind zersägt worden, weil sie über den Pfad gestürzt sind.

Der Boden ist etwas feucht; heute nacht hatte es mal wieder etwas geregnet, aber im Moment ist es trocken. Richtig ursprünglich ist der Wald. Viele Pilze sehen wir, zwei Eichhörnchen, einige Vögel und insgesamt fünf Menschen, die uns entgegenkommen. Irgendwo sehen wir junge Bäume aus einem umgestürzten Baumstamm herauswachsen; ein grandioses Beispiel dafür, dass die Natur sich selbst erneuert und aus Altem und Totem stets Junges, Neues entsteht.

Nach etwa eineinhalb Stunden erreichen wir die Helmcken Falls. Zuerst sehen wir gar nichts, weil wir mitten in dieser gewaltigen Wolke Sprühwasser stehen, die von den Fällen erzeugt wird. Wir müssen hier gewaltig aufpassen, denn wir befinden uns auf total ungesichertem Gebiet. Es gibt hier keine Absperrung, nichts. Einige Schritte vor uns geht es hundert Meter in die Tiefe…

Wir gehen ein Stückchen weiter und lassen die dunstigen Wasserschwaden hinter uns. Jetzt können wir die tosenden Wassermassen besser sehen. Es ist schon ein Riesen-Unterschied zur gestrigen Aussicht von der gegenüberliegenden Plattform! Lange bleiben wir aber nicht, und auf dem Rückweg fängt es dann auch wieder an zu regnen. Jasmin wird immer schneller, und um Viertel vor zwei sind wir zurück am Wohnmobil. Die letzten Minuten hat der Regen stark zugenommen; unser Timing hat also noch ganz gut geklappt.

Wandern im Provincial ParkWir trocknen uns ein wenig und fahren dann zurück Richtung Clearwater. Plötzlich springt ein Elch über die Straße und hüpft, bevor Jasmin den Fotoapparat zücken konnte, leichthufig in den Wald. Das war wohl nichts. Egal, dafür schauen wir uns jetzt Quilts an. Irgendwo entlang der Straße hatte Jasmin auf der Hinfahrt nämlich ein Schild mit der Aufschrift „Quilts – handmade“ gesehen. Am Ende einer Seitenstraße finden wir dann auch ein hübsches Häuschen, indem eine Frau mittleren Alters zahlreiche Quiltmotive verkauft. Das ganze Haus ist eine einzige Ausstellung mit alten Küchenutensilien, Decken und dergleichen. Sie erzählt uns, dass die Quilts von Frauen aus der Umgebung gemacht wurden, nicht von ihr allein. Als Jasmin ihre Begeisterung für den alten Küchenherd kundtut, erzählt uns die Frau, dass sie die ganzen Antiquitäten nach und nach zusammengetragen hat, und dass es ganz witzig sei, den alten Leuten zuzuhören, wenn sie solche Dinge sehen und dann alte Geschichten erzählen.

Um halb vier brauchen wir dann doch etwas richtiges im Magen, und wir kehren an der Kreuzung in Clearwater ein in Louie’s Submarine, wo es interessante und leckere Sandwiches gibt.

Unser nächstes eigentliches Ziel ist Vancouver Island, und wir beschließen, heute noch so weit wie möglich zu fahren, um vielleicht schon morgen mit einer Fähre übersetzen zu können. Kurz hinter Clearwater machen wir noch einen kleinen Abstecher auf den Campingplatz des North Thompson Provincial Parks und dumpen Unmengen Abwasser aus unseren Tanks heraus.

Trophy Mountain Wells GrayAnschließend rauschen wir ohne Halt durch bis Kamloops, wo wir eigentlich heute nacht campen wollen. Kurz vor der Stadt verwandelt sich die Landschaft in eine echte Steppe; wir fahren an sanften Hügeln vorbei, mit trockenem Gras bedeckt, das im Licht der untergehenden Sonne golden glänzt. Um 18 Uhr erreichen wir Kamloops. Endlich eine etwas größere Stadt, auch wenn wir hier nicht bleiben wollen. Sie zieht sich ganz schön in die Länge. Zunächst passieren wir einen Außenbezirk, der sich am Thompson River entlangschlängelt, und kommen dann am Stadtkern vorbei. Aber nirgends ein Hinweis auf einen Campingplatz, der auf unserem Weg liegt. Vorhin gab es ein Schild: 18 Kilometer Richtung Osten, aber das war uns zu weit ab. Und gerade ein Hinweis auf einen Campground mitten in der Stadt. Wir können uns nicht entschließen und fahren einfach weiter. Wir lassen ein weiteres Vorstädtchen links liegen, das sehr schön an einem Südhang liegt, und eh‘ wir uns versehen, haben wir Kamloops auch schon wieder verlassen. Aber immer noch kein Campground zu entdecken.

Zurückfahren ist Quatsch, sagen wir uns, und fahren weiter der untergehenden Sonne entgegen Richtung Cache Creek. Während eines kurzen Orientierungsstopps erfreuen wir uns im Halbdunkel an dem sagenhaften Anblick des Kamloops Lake, der auf diese Art etwas an die schottischen Lochs erinnert.

Plötzlich sehen wir ein Hinweisschild am Straßenrand: Jumper Beach Campground ist nicht mehr weit. Dort werden wir hoffentlich einen Platz finden. Es ist 20 Uhr und schon stockfinster, als wir dort eintreffen. Der Campingplatz liegt ganz idyllisch abseits der Haupstraße direkt am Thompson River, und auch hier gibt es kein Check-Inn. Also fahren wir hinein und finden sofort den ersten Platz frei vor. Fast alle anderen sind besetzt, hier und da lodern schon Lagerfeuer.

Ich schnappe mir unsere Taschenlampe und marschiere zurück zum Eingang, um mir ein Registrierkärtchen zu holen, aber nicht einmal so etwas gibt es hier. Aber wahrscheinlich jemanden, der abends hier vorbei fährt und das Geld für die Übernachtung kassiert. Dieser jemand war aber wohl schon vor uns da, und so nächtigen wir heute zum ersten mal kostenlos!

Es ist Vollmond, die Grillen zirpen, und der Thompson fließt träge dahin. Eine unglaubliche Idylle. Wenn da nicht die Warnungen auf dem Schild am Eingang wären: Klapperschlangen, Kojoten usw. Vielleicht kommen wir irgendwann später ja noch einmal her, um diese Wild-West-Romantik intensiver erleben zu können. Trotz der Temperaturen von bis zu 40 Grad im Sommer…

Als ich so am Flußufer stehe und dem Plätschern vor mir und dem prasselnden Lagerfeuer hinter mir lausche, sehe ich, dass auf der anderen Seite des Flusses, etwa zwanzig Meter hoch an der Felswand, eine Bahnlinie entlang führt. Denn in diesem Moment kommt einer dieser unendlich langen Züge vorbei, ganz langsam und mit stetigem Pfeifen und Tuten. Ich zähle 81 Waggons. Bis 21 Uhr kriechen noch zwei weitere Züge die Schienen entlang. Irgendwie ist es ein faszinierendes Bild, wie das Scheinwerferlicht der Lokomotiven die Felswand erhellt.

Heute abend machen uns Brot und eine Suppe satt. Unser Nachtisch-Eis kommt schon flüssig aus dem Kühlfach, aber gemischt schmecken die beiden Sorten trotzdem noch. Gute Nacht!

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