Wanderung auf dem Plein-of-the-six-glaciers-Trail

Wie immer ist es schrecklich, wenn der Wecker unbarmherzig losklingelt und einen aus Schlafen können wir trotzdem ganz gut, nur nicht aufstehen: Halb acht klingelt wieder der Wecker, und um zehn nach acht bequeme ich mich dann endlich aufzustehen.

Lake Louise WandernDas übliche Morgen-Procedere kostet wieder einmal Zeit, und so erreichen wir dann endlich um halb elf nach einigen quälenden Kilometern des Berg-Hochfahrens den berühmten See Lake Louise. Wir packen unsere Sachen, schnüren die Stiefel – und los geht’s! Die ersten zwei Kilometer geht es flach den See entlang – ein wunderschöner Uferweg. Klares Wasser, Natur, Japaner: alles da, was man braucht im Urlaub. Das Chateau Lake Louise, das mittlerweile fast eine japanische Enklave ist (hier steigen die ganzen japanischen Pauschaltouristen ab, die mit Bussen herangekarrt werden), sieht eigentlich mehr wie ein Krankenhaus denn wie ein Hotel aus: Mit seiner ockergelben Farbe hebt es sich jedenfalls sehr gut von seiner Umgebung ab.

Um diese Zeit ist hier schon eine ganze Menge los, und so gibt es entlang des Sees auch viele Spaziergänger. Als es jedoch zur ersten Steigung am Ende des Sees geht, sind wir erst einmal wieder allein. Von hier an geht es nur noch ziemlich steil (laut Broschüre soll der Weg „moderate“ sein – meine Güte, sind wir untrainiert!) bergan. Etwa 400 Höhenmeter haben wir zu überwinden (was ja gar nicht so viel ist), um das Teehaus auf 2100 Metern zu erreichen und anschließend den Weg mit dem Blick auf den Victoria-Gletscher zu beenden.

Aber der Weg ist wunderschön, und das Wetter mal wieder herrlich. Wir werden mit traumhaften Ausblicken auf den Lake Louise, der hinter uns immer kleiner wird, und auf die Gletscher, die vor uns liegen, belohnt. Hin und wieder hören wir ein fernes Donnergrollen, wahrscheinlich Eismassen, die in die Tiefe stürzen. Leider kriegen wir dieses Schauspiel nicht zu sehen. Nur einmal entdecken wir eine Schneewolke, die hinter einem Bergmassiv hervorquillt.

Der Weg führt zum Teil durch dichte Vegetation, zum Teil auf nur fünfzig Zentimeter breiten Pfaden an den hier hoch aufragenden Felswänden entlang. An einer flachen Stelle überholen wir eine Gruppe von Wanderern, der wir uns fast angeschlossen hätten. Im Info-Centre hatte man uns mitgeteilt, dass heute auf diesem Weg auch eine geführte Wanderung stattfinden würde. Zu neun Uhr morgens konnten wir uns dann aber doch noch nicht aufraffen…

Nach der für uns ungeübte, aber motivierte Wanderer doch recht anstrengenden Wegstrecke erreichen wir endlich das „Tea house“. Hier treffen wir alle Wanderer wieder, die wir auf dem Weg überholt haben (gab es da welche?) und die uns überholt haben (da gab es ganz sicher welche). Genau genommen ist die gar nicht so kleine Wanderergemeinschaft, die sich auf den Baumstämmen und dem Rasen vor dem Haus erholt, das allererste, was man auf dieser Hochebene entdeckt, bevor man das kleine Holzhäuschen sieht. Es ist sehr romantisch gelegen, etwas versteckt zwischen der Berg-Flora, nicht weit vom steilen Berghang entfernt.

Victoria GletscherAber noch gönnen wir uns keinen Snack und keine Erholungspause, denn wir sind noch nicht am Ende des Weges angelangt. Richtung Norden geht es noch ein Stückchen, etwa einen halben Kilometer, weiter zum eigentlichen Aussichtspunkt auf den Victoria-Gletscher. Da wir schon so weit gekommen sind, schaffen wir auch noch den Rest. Allerdings wird es hier auf dem recht ungeschützten letzten Stück sehr kalt, und der Wind pfeift uns derbe um die Ohren. Schnell ziehen wir unsere Jacken an und die Kaputzen tief in die Stirn. Weiter geht’s über einen schmalen Grat, der nur aus Schutt und Felsgeröll zu bestehen scheint, einige Dutzend Meter hoch über dem felsigen Untergrund des Hochplateaus, auf das sich der Gletscher ergießt. Das Platzmachen für entgegenkommende Wanderer ist nicht ohne.

Von hier oben sieht man die Ausläufer des Gletschers mit ihrer dreckigen Oberfläche und vielen tiefen Furchen, die aussehen wie von riesigen Dinosaurierkrallen in den Boden gerissene Wunden. Anmutig erhebt sich südlich von uns der mächtige Gipfel des Mount Lefroy und vor uns der 3464 Meter hohe Mount Victoria. Zwischen den beiden Felsmassiven erstreckt sich das schmutzig-weiße Band des Victoria-Gletschers. Irgendwann geht es nicht mehr weiter, und wir erreichen den Aussichtspunkt, der nur aus einem unsicheren kleinen Geröllplateau besteht, und können sogar den Abbot Pass mit der Abbot Pass Hut erkennen, die auf 2900 Metern Höhe liegt. Aber dort zieht uns im Moment nichts hin. Wir sind so auch glücklich und stehen staunend vor diesem gewaltigen Stück Natur – und wieder einmal vor einigen Erdhörnchen, die selbst hier oben, wo nur noch Tundra-Vegetation wächst, herumtoben.

So, jetzt haben wir uns aber eine Belohnung verdient: Los geht’s, zurück zum Tea House, wo wir dann trotz Faltblatt-(Fehl-)Auskunft doch Kaffee bekommen – und leckeren Schokoladenkuchen. Genau das Richtige für mich, um wieder zu Kräften zu kommen. Jasmin konzentriert sich hingegen auf den Verzehr ihres Apple Pie. Groß sind die Portionen nicht, aber lecker! Wenn man bedenkt, dass die ganzen Waren hier per Maulesel hinauf transportiert werden müssen, sind die Preise ganz okay. Wir relaxen noch ein wenig auf der engen Galerie des zweistöckigen Holzhauses, auf der nur etwa sieben bis acht kleine Tische Platz haben, und machen uns dann auf den Rückweg. Scherzhaft schlage ich vor, den Highline Trail über Lake Agnes und den Mirror Lake zu nehmen, aber Jasmin ist nicht so begeistert. Man muß ja auch nicht immer gleich alles auf einmal machen…

Unten am See beobachten wir noch einige Kletterer, die an den hiesigen Felsen einige Übungen absolvieren, und nach einem schnellen Rückmarsch sind wir um 16 Uhr 30 zurück in unserem Wohnmobil. Unsere Füße danken es uns. Wir erholen uns etwas bei einer Portion des leckeren Vanille-Eises, das wir uns besorgt hatten, und machen uns dann auf den Weg in den Yoho Nationalpark, der unsere nächste Station sein soll.

Great Divide HighwayWir fahren den Highway 1 A weiter, der ab Lake Louise Village jetzt Great Divide Highway heißt, als Jasmin plötzlich aufschreit und „Halt, halt!“ ruft. Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht, und bin so überrascht, dass ich erst spät reagiere. Etwas zu spät, wie sich herausstellt, denn das Wohnmobil kommt erst etwa fünfzig Meter hinter dem kleinen Schwarzbären zum Stehen, der Jasmin zu ihrem enthusiastischen Aufschrei Anlaß gab. Jasmin schnappt sich den Fotoapparat, robbt über das Bett und versucht zum hinteren Fenster hinaus, das Jungtier einzufangen. Bevor wir das schwarze Knäuel, das da am Straßenrand klagend nach seiner Mutter ruft, aber genauer beobachten können, halten auch schon andere Wagen – genau in unserem Blickfeld! Ich lasse Jasmin natürlich nicht aussteigen – zu gefährlich. Da es für uns nichts mehr zu sehen gibt, machen wir uns wieder auf den Weg. Arme Jasmin – ist richtig traurig, dass sie das kleine Vieh kaum beobachten konnte.

Hinter dem Sink Lake führt der Weg wieder auf den Trans-Canada Highway, und nach einigen Kilometern bergab erreichen wir einen Aussichtspunkt, von dem aus man den Lower Spiral Tunnel sehen kann – sehen könnte, wenn nicht noch so viel Laub an den Bäumen hängen würde! Der Lower und der auf der anderen Seite des Highways liegende Upper Spiral Tunnel dienen den unendlich langen Zügen der kanadischen Bahngesellschaft als Hilfen, den enormen Höhenunterschied problemlos zu überwinden, der sich auf diesem Streckenabschnitt ergibt. Früher hatte es viele Unfälle gegeben, weil für die Züge das steile Gefälle zu gefährlich war, und so hatte man nach Vorbild des Gotthard-Tunnels in der Schweiz diese beiden Tunnel gebaut. Eine wahrlich meisterhafte Ingenieursleistung.

Unser eigentliches Ziel sind jedoch die Takkakaw-Falls, die mit 384 Metern Falltiefe zu den höchsten Wasserfällen Nordamerikas gehören. Wir biegen am Monarch Campground auf eine Seitenstraße ab, die zu den Fällen führt, und stoppen irritiert an einem Schild mit der Aufschrift: „Für Trailer gesperrt“. Wir sind uns nicht ganz sicher, ob unser Wohnmobil nicht vielleicht auch gemeint ist, und ich erkundige mich bei zwei Männern, die sich gerade auf dem Campground einmieten. Sie klären mich dann auch gleich über den Hintergrund des Schildes auf: Nach einigen Kilometern auf dieser Straße kommt nämlich eine sehr enge Serpentine, die man mit einem Wohnanhänger nicht überwinden kann. Ein Wohnmobil, wie wir es aber verwenden, schafft die Kurven noch, wenn wir weit ausholen. Beruhigt fahren wir also weiter, ohne wirklich genau zu wissen, WIE eng diese Serpentine sein wird…

Zunächst halten wir jedoch noch einmal am benachbarten Kicking Horse Campground. Auch hier muß man sich – wie beim Monarch Campground – selbst als Besucher eintragen und einen freien Platz suchen. Da wir nicht wissen, woran man einen freien Platz erkennt, frage ich zwei andere Urlauber – wie sich herausstellt, ein deutsches Pärchen – danach. Sie erklären mir, wie man die kleinen Zettel handhabt und dass ein Stellplatz belegt ist, wenn solch ein Zettel mit heutigem Datum an dem kleinen Holzpfosten hängt, der auf jedem Platz steht. „Es gibt aber nicht auf jedem Stellplatz eine Feuerstelle“, sagen sie mir noch. „Egal“, antworte ich leichthin, „Hauptsache, es gibt Strom.“

„Strom gibt es hier aber nicht!“ erhalte ich als vernichtende Entgegnung. Kein Strom?! Wie sollen wir dann den Abend überstehen?! Nur aus der Autobatterie leben? Und womöglich die Erfahrungen des ersten Wohnmobil-Tages mit der entleerten Batterie wiederholen? Nein, nicht mit uns. Dann fahren wir lieber nachher zurück und verbringen die Nacht noch einmal auf dem Lake Louise Campground. Da weiß man, was man hat!

Weiter geht es über die Yoho Valley Road, den Yoho River entlang, links und rechts herrliche Wälder und vereiste Gipfel. Und dann sehen wir ein Hinweisschild auf die Serpentine: Fahrzeuge mit mehr als 7 Meter Länge kommen hier nicht hoch, heißt es. Es sind bei uns zwar einige Zentimeter mehr, aber wenn der nette kanadische Camper sagt, wir schaffen es, dann schaffen wir es auch! Die erste Kurve ist auch noch kein Problem, aber die zweite ist enorm eng: Eine Hundertachtzig-Grad-Kehre erwartet uns! Schräg am Berg stehend lasse ich erst ein entgegenkommendes Fahrzeug vorbei, dann mache ich mich an die Kurbelei. Ich hole weit links aus und fahre rechts um die Kurve, stehe aber immer noch etwa in einem 50-Grad-Winkel an der Steilwand, welche die Serpentine hier überwindet. Jasmin steigt schnell aus und zeigt an, wie weit ich zurücksetzen kann, ohne die Leitplanke zu durchbrechen und einige Dutzend Meter in die Tiefe zu stürzen. Dann geht es wieder vorwärts, und endlich schaffe ich die Kurve. Gott sei Dank ist uns bei diesem Manöver kein Wagen entgegengekommen. Ging ja doch alles recht gut.

Weiter geht’s die wunderschöne Yoho Valley Road entlang, bis wir endlich das Ziel unserer Fahrt erreichen. Nach einem kurzen Spaziergang über eine Holzbrücke hinweg, die den hier nur etwa fünf Meter breiten Yoho River überspannt, gelangen wir an die gigantischen Fälle. Sie sind wahrhaft imposant; der Blick schweift in die Höhe, und man versucht sich vorzustellen, wie fast vierhundert Meter über uns die Schmelzwassermassen des Daly Glaciers über die Felskante stürzen. Die eisige Gischt sprüht bis zu dem kleinen Weg herüber, der an die Fälle heranführt. Ich klettere über die großen und kleinen Felsbrocken, die im Laufe der Zeit von der Kraft des Wassers aus der Steilwand gelöst wurden und heruntergestürzt sind, noch ein Stückchen hinauf und näher heran, um das Sprühwasser noch intensiver zu spüren. Es ist ein unglaubliches Gefühl, diesen riesigen Fälle so nahe sein zu können. Die Berge im Hintergrund, in deren Richtung das hinunter gestürzte weiße Gletscherwasser fließt, sehen wie gemalt aus. Die beginnende Abendröte verstärkt die ganze zauberhafte Atmosphäre noch.

Andere Urlauber sind anscheinend nicht so begeistert; sie sind nach uns gekommen und gehen schon wieder, als ich immer noch Jasmins „Sei bloß vorsichtig; du übertreibst es mal wieder“-Rufen zum Trotze auf den Felsen hocke. Ich passe ja auch auf, bin ja schließlich nicht leichtsinnig. Aber manchmal muß man sich auch mal ein bißchen gehen lassen – finde ich.

Lake Louise VillageWir nehmen Abschied und kehren über den Highway 1 nach Lake Louise Village zurück zu unserem Campingplatz mit Strom. Dieses mal erhalten wir Platz Nr. 123, ganz hinten am Ende des Campgrounds. Erst jetzt bemerken wir, wie riesig dieses Gelände ist.

Jasmin amüsiert sich über mein rotes Gesicht, während wir das Abendessen vorbereiten. Immerhin habe ich heute etwas Farbe bekommen – Jasmin ist ja eh‘ immer braun. Plötzlich piept unser alter Bekannter, der Feuermelder wieder los. Wir haben den gebackenen Fisch in der Pfanne zu braten versucht, ohne die Dunstabzugshaube anzuschalten. Das wird natürlich sofort bestraft. Hoffentlich haben wir keinen unserer zahlreichen Nachbarn aufgeweckt, schließlich ist es schon 21 Uhr.

Es war ein wundervoller Tag mit der herrlichen Wanderung und dem Blick auf die Takakkaw Falls, aber wir werden nicht noch einmal in den Yoho National Park hineinfahren. Statt dessen werden wir morgen früh gleich weiter Richtung Norden fahren, über den berühmten Icefield Parkway. Wir sind gespannt, was uns so erwartet…

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