Skyline von Calgary

Wohnmobil abholen und Fahrt nach Banff

Die Nacht und der nächste Morgen verlaufen etwas unruhig. Ich wache um 2 Uhr nachts auf und denke schon, die Nacht sei vorbei, aber ich schlafe wieder ein und werde um halb neun von einem enervierenden Piepsen geweckt, das es sich wohl zur Aufgabe gemacht hat, uns am frühen Morgen schon zu nerven. Ein nach der Störungsquelle suchender Blick nach draußen bleibt lediglich an drei bunten Trucks haften, die weitaus interessanter aussehen als die langweiligen Lkw in Deutschland.

Nach dem Duschen fühlen wir uns in dem versiegelten Zimmer wie in der Sauna, und sofort werfen wir die Klimaanlage wieder an, die dann aber nicht nur kühle Luft, sondern auch einen sehr unangenehmen Gestank produziert. Als Ausgleich tut’s mein Fön dann nicht, der – wie es eigentlich schon zu befürchten gewesen war – ob der schwachen Spannung nur ein leises Pfeifen von sich gibt. Ein Adapter nützt da dann auch nichts. Ich muß somit wohl oder übel lernen, während der nächsten Tage ohne einen Haartrockner auszukommen. Wie schon gesagt: Man lernt sich zu bescheiden!

Der Hunger treibt uns dann um 9 Uhr zum alltäglichen Ritual des Frühstückens in Riley’s Restaurant. Leider ist der Saal voll, und wir sollen zehn Minuten warten. Mit uns gedulden sich noch sechs andere Deutsche (natürlich!). Diese erkundigen sich telefonisch bei Cruise Canada, wann sie denn dort auftauchen sollen und erfahren, dass man sich besser beeile und sofort komme, weil man heute sehr viele Leute erwarte, und je früher man käme, desto besser. Unsere Landsleute wollen dennoch erst frühstücken.

Diese Chance, denken wir uns, ergreifen wir und gehen vor ihnen hin. So verkneifen wir uns hier also den Morgenkaffee mit Toast, den wir hoffen, nach der Einweisung noch irgendwo anders einnehmen zu können.

Aber wie so häufig kommt es erstens anders und zweitens als man drittens denkt. Wir sind zwar früh da und können die Papiere auch schnell ausfüllen, aber die Einweisung (in deutscher Sprache) bekommen wir dann erst um 13 Uhr mit allen anderen Deutschen zusammen! In der Zwischenzeit halten wir uns mit einer halben Tasse Kaffee, die es immerhin gratis gibt, über Wasser.

Von unserem Gefährt sind wir zunächst etwas enttäuscht. Es gibt weitaus schickere und neuere, sauberere Wohnmobile auf dem Hof. Unseres ist Baujahr 2012, hat 54000 km auf dem Buckel, und der Innenraum zeigt schon erste deutliche Anzeichen von Verschleiß. Auch erscheint es uns recht klein, aber das mag täuschen. Beim Einräumen unserer Kofferinhalte in die Hängeschränke – die wir erst einmal ausputzen, was dringend nötig ist – stellen wir fest, dass wir doch alles locker unterbringen können – aber wir sind ja auch nur zu zweit.

Cruise-Canada RVEigentlich bietet das Wohnmobil alles, was wir brauchen – und vielleicht ein bißchen mehr: Dusche, WC und Waschbecken, eine Spüle mit Gasherd, Ofen und Mikrowelle sowie Kühlschrank mit Kühlfach. Als wir den Kühlschrank jedoch öffnen, ziehen sich unsere Nüstern schockiert zusammen: Solch einen penetranten, irgendwie cremigen Zitronengeruch ist ihnen bisher noch nicht untergekommen. Allerdings müssen wir feststellen, dass dieser intensive „Frischegeruch“ anscheinend charakteristisch ist für die hiesigen Reinigungsmittel, denn auch ein erneutes Reinigen des Kühlschrankinneren durch die Cruise-Canada-ein-Frau-Reinigungstruppe bringt keine Besserung. Aber auch unsere Nasen lernen sich zu bescheiden, und bald ist der Geruch verflogen oder vergessen – da bin ich mir nicht ganz sicher.

Die Einweisung für das Wohnmobil nimmt dann Caroline (die immerhin Düsseldorf und München kennt) an einem angeblich repräsentativen Wohnmobil vor, umringt von zwanzig unwissenden und durcheinander redenden Urlaubern. Nach einer letzten Begutachtung unseres Fahrzeugs und Notierung einiger Mängel wie Kratzer und Steinschlagwunden in der Windschutzscheibe können wir dann endlich um 15 Uhr abfahren.

Welch ein Gefühl, zum ersten mal nach dem Anlassen die kräftige Stimme des 8-Zylinder-Ford-Motors zu hören und zu spüren, wie sich mehrere Tonnen Stahl und Plastik auf Fußdruck in Bewegung setzen! Die erste Strecke bis zum Supermarkt „Safeway“ ist dann auch geprägt von sehr vorsichtiger Fahrweise meinerseits. Als sehr praktisch erweist es sich, dass die Ampelleuchten stets auf der gegenüberliegenden Seite einer Kreuzung stehen bzw. hängen, so dass man sie leicht sehen kann. Man muß sich nicht – wie in Deutschland leider oft notwendig – den Hals verrenken, um einen Blick auf die bunten Lampen zu erhaschen.

Natürlich fahre ich zu weit und habe nach dem ersten Anflug einer „Wo sind wir denn jetzt?“-Panik somit gleich die Bewährungsprobe einer Kehrtwende zu bestehen. Nach dieser halben Ehrenrunde parke ich das Motorhome großzügig über zwei bis vier Parkbuchten auf dem noch großzügigeren Parkplatz des Supermarktes, und Jasmin und ich stürzen uns in den ersten Kaufrausch. Dabei handelt es sich eigentlich um einen ganz normalen Supermarkt; nicht größer, eher sogar kleiner als viele deutsche Einkaufsparadiese. Aber man bekommt fast alles, was man will, und die Angestellten dort sind sogar sehr freundlich. An der Kasse verstaut dann auch ein Turbanese unsere Waren in -zig Plastiktüten und verabschiedet uns zusammen mit der Kassiererin (die an ihrem Arbeitsgerät steht und nicht sitzt!) mit einem „Have a nice day!“ Währenddessen überlegen wir hin und her, ob man hier auch Trinkgeld geben soll, entscheiden uns aber dagegen, weil wir es an den anderen Kassen auch nicht sehen.

Dann endlich können wir unser Heim für die nächsten drei Wochen mit Eßbarem füllen. Wir haben uns mit Cerealien (die es hier nicht nur in fünf, sondern in fünf Dutzend Sorten gibt) und Sandwichbrot für das Frühstück eingedeckt, plus Käse, Wurst und Marmelade, sowie eine kalkulierbare Menge Fertigessen und Dosenfutter wie Suppen, gebackene Bohnen und Chili con carne. Zum Anreichern haben wir eine Tüte Nudeln eingepackt. Das muß genügen. Schließlich sind wir nicht der kulinarischen Genüsse wegen nach Kanada geflogen, sondern weil wir etwas von dem Land sehen wollen. Hauptsache, wir werden satt. Hin und wieder werden wir sicher auch Essen gehen, aber das soll eigentlich die Ausnahme bleiben.

Um 17 Uhr etwa haben wir dann alles verstaut, die Gurte festgezurrt und freuen uns auf den bevorstehenden Ritt über den Highway, als ich den Wagen starte und der Ford keinen Mucks von sich gibt. Ich traue meinen Ohren nicht. Ein „Was ist denn nu’ los?“ ist noch das harmloseste, was mir in der Situation einfällt. Offensichtlich ist die Batterie leer! Und da fällt es mir wie Schuppen aus den Haaren; ich habe mich – oder uns – anscheinend selbst überlistet, denn: Beim Anlassen des Motors auf dem Cruise-Canada-Gelände leuchtete auf dem Armaturenbrett das Scheinwerfersymbol auf, und wir haben angenommen, dass die Scheinwerfer angeschaltet seien. Also drückte ich den zugehörigen Hebel hinein, das Leuchten verschwand, und ich war’s zufrieden. Tja, damit habe ich aber wohl gerade die Frontleuchten entzündet; das Symbol zeigte an, dass die Scheinwerfer nicht angeschaltet waren, also genau anders herum wie in Deutschland! Aber das auf diese Weise zu lernen – darauf hätte ich echt verzichten können.

Was nun? Eine Tankstelle grenzt an den Parkplatz, und ich renne dorthin, um nach Hilfe zu fragen. Aber der Knilch dort kann – oder will – seine „Gas Station“ nicht allein lassen. Also greife ich zum Telefon und rufe den 24h-Service von Cruise Canada über die entsprechende kostenlose 1-800-Nummer an (die sind sehr praktisch, weil man sich nicht erst mit den Telefonkarten oder Kleingeld herumschlagen muß). Ein sehr netter und hilfsbereiter Mensch klärt mich dann darüber auf, dass große Wohnmobile einen „Emergency Button“ auf oder unter dem Armaturenbrett haben, mit dem man den Motor über eine zweite Batterie starten kann, und ich solle mal nachschauen, ob ein solcher vorhanden sei. Während ich die hundert Meter zum Motorhome im Laufschritt zurücklege, wartet der gute Mann am Telefon, das ich kurz sich selbst überlasse.

Ich finde dann auch den Notknopf, drücke ihn, starte dabei den Motor – und der satte Klang der 8-Zylinder-Maschine ertönt. Gott, bin ich froh. Die halben Rockies fallen mir vom Herzen. Zurück am Telefon bedanke ich mich erleichtert. Gut, dass es einen solchen Service gibt.

Wer weiß, hätten wir das Wohnmobil bei einem anderen Anbieter gemietet, hätten wir vielleicht nicht so schnell Hilfe erhalten. Andererseits hätten wir möglicherweise auch eine bessere Einweisung erhalten, so dass man eine Erfahrung wie diese erst gar nicht macht…

Highway 1 to BanffEndlich geht es „on the road“. Den Highway 1 finden wir sehr schnell, er ist nur einige Straßenkreuzungen vom Supermarkt entfernt. Nach einigen wenigen Kilometern verändert er allerdings sein Aussehen und verwandelt sich zunehmend von einer Autobahn in eine Stadtstraße, die links und rechts von Häusern gesäumt ist. Wir denken schon, wir hätten vielleicht noch irgendwo abbiegen müssen, und so nutzen wir die Ungewißheit, um an der nächsten Tankstelle Benzin und Orientierung nachzufüllen.

Kaum habe ich den Wagen gestoppt und bin herausgesprungen, um den Gashahn zuzudrehen (was man auf Tankstellen stets tun sollte!), da spricht mich auch schon der dieser Zapfsäule zugehörige „Servant“ an (in Kanada ist nämlich noch an den meisten Tankstellen „Full Serve“ angesagt, worüber ich auch ganz froh bin, denn die Zapfsäulen hier sind doch etwas anders zu bedienen als bei uns). Ob ich denn den Gashahn auch zugedreht habe, fragt er, und was wir denn haben wollen. „Regular, full, please“ lautet meine Antwort. Und wo wir denn herkommen und was ich dort machen würde, will er wissen.

Es stellt sich heraus, dass der leicht pickelgesichtige Trevor – der Nachname entfleucht leider sofort wieder durch das rechte Ohr – und ich im Grunde den gleichen Beruf haben. Eigentlich ist er Softwareentwickler bei einer Firma namens C-Byte. Dieser Tankstellenjob hier sorgt nur für seinen Nebenverdienst, denn die Gehälter sehen in Kanada zum Teil wohl etwas anders aus als in Deutschland. Dort erhalten Berufseinsteiger der Informatikbranche ein Anfangsgehalt von 29000 kanadischen Dollars plus einige Vergünstigungen. Trevor ist auch sehr daran interessiert, mit welchen Rechnern wir arbeiten und in welcher Sprache wir programmieren, und zeigt mir dann sowohl seinen Laptop, den er in seinem kleinen Verschlag unter der Kasse stehen hat (er bastelt wohl gerade irgendwie in PowerPoint herum), als auch seine Visitenkarte, auf der oben „C-Byte“ und darunter sein Name steht. „That’s me“, verkündet er stolz, woraufhin ich mir dann nicht mehr so ganz sicher bin, ob er nicht vielleicht eine Ein-Mann-Firma ist.

Als Jasmin und ich dann weiterfahren (Trevor hat mir gesagt, dass wir schon richtig seien – „immer nur geradeaus“, hat er betont und mit dem ausgestreckten Arm eine entsprechende Geste gemacht), nehme ich mir vor, ihn nach dem Urlaub mal per E-Mail anzufunken, sofern ich seine Adresse herauskriege. Mal sehen, ob das klappt…

Downtown CalgaryWir rauschen weiter und verlassen die Stadt schnell wieder. Nur für kurze Zeit sehen wir links von uns die Skyline der Downtown von Calgary, dann öffnet sich das Land, und der Highway führt in die weite, unbekannte Wildnis, die wir die nächsten zwanzig Tage erkunden wollen. „Das Abenteuer beginnt“, könnte man jetzt anbringen. Aber unser Urlaub hat ja bereits in London abenteuerlich begonnen.

Auf den ersten Steigungen merken wir dann schon, dass man mit solch einem Gefährt gezwungen ist, eine zurückhaltende Fahrweise an den Tag zu legen. Ich muß in den Gang 2 des Automatikgetriebes herunterschalten, um dem Fahrzeug zu neuer Spurtkraft zu verhelfen. Achtzig Stundenkilometer auf gerader Strecke sind jetzt das höchste der Gefühle. Aber andererseits ist das auch ein ganz angenehmes Tempo – allerdings mit dem Nebeneffekt, dass ständig irgendwelche riesigen Trucks an uns vorbeiziehen. Wir kommen uns manchmal doch wie ein Verkehrshindernis vor, aber es ist ja nicht viel los auf dem Highway.

Wir wollen heute abend noch Banff erreichen, das Zentrum des Banff National Park, wo wir unsere ersten Eindrücke von der kanadischen Natur sammeln wollen. Zweiundneunzig Kilometer sind von Calgary aus zurückzulegen, aber die Berge rücken schnell näher. Wir kommen an einigen kleineren Seen vorbei und sehen die ersten Windungen des Bow River. Ich erinnere mich an unseren Urlaub in Westerhofen. Es war damals ein ähnliches Erlebnis gewesen, in die sich öffnende Bergwelt hinein zu fahren.

Um 19 Uhr 15 erreichen wir dann die Einfahrt zum Banff National Park, die kanadische Version einer Maut-Stelle. An einem kleinen hölzernen Kontrollhäuschen hätten wir für jeden Tag Aufenthalt im Park einige Dollar hinlegen müssen, hätten wir nicht bereits eine Jahreskarte! Auf dem Gelände von Cruise Canada hat uns nämlich ein junges deutsches Pärchen angesprochen, das gerade ihr Fahrzeug abgegeben hatte. Von diesem haben wir den Paß – der noch bis August 2018 gültig ist – für fast die halbe Jahresgebühr (34 von 70 Dollar) übernommen. Sie empfahlen uns dann auch gleich einen Campingplatz in Banff, von dessen Lage und großzügiger Gestaltung sie ganz begeistert waren.

Tunnel Mountain CampgroundWir haben den Paß gut sichtbar an den Rückspiegel gehängt, und so werden wir am Gebührenhäuschen durchgewunken und erreichen kurze Zeit später den hervorragend ausgeschilderten Campground „Tunnel Mountain“ auf dem gleichnamigen Berg, direkt am Stadtrand von Banff. Die Auffahrt auf den Berg ist eine erneute Kraftanstrengung für das Wohnmobil, aber wir werden mit unserer ersten Begegnung der tierischen Art à la Kanada entlohnt. Direkt am Straßenrand steht und liegt eine Hirschfamilie und kaut sich was zurecht.

Zwei Nächte wollen wir hier zunächst bleiben. Nach unserer zweiten Ehrenrunde am heutigen Tag (wir finden die Einfahrt zum Campground nicht sofort und müssen erst einmal umständlich auf dem Parkplatz einer benachbarten Herberge drehen – die erste Bewährungsprobe und gutes Training für Jasmin als Einweiserin beim Rückwärtsfahren meinerseits und für mich als Außenspiegel-Nutzer!) löhnen wir 19 Dollar für „two nights“ mit „electric“.

Schnell finden wir unseren Stellplatz mit der Nummer B20, und zum ersten Mal darf ich unser Motorhome an die Steckdose anschließen, die sich an einem Holzpfahl neben dem asphaltierten Platz befindet. Ich schimpfe erbost, als der Stecker nicht paßt, doch dann finde ich einen Adapter, mit dem es dann geht. Da wir noch keinen Hunger haben, drehen wir eine kleine Runde auf dem Campingplatz. Wir statten dem Waldrand einen kurzen Besuch ab und gehen dann die Strecke entlang, die wir mit dem Wohnmobil fälschlicherweise zu weit gefahren sind.

Einige hundert Meter vom Campground entfernt entlang der Straße in Richtung Banff liegen einige Hotels und Lodges, ein kleines Schwimmbad und der erste Liquor Store, den wir dann auch sofort betreten, um uns mit etwas Alkoholika einzudecken.

Mit einem Four-Pack von Henry Weinhard’s Private Reserve Dark Beer treten wir den Rückweg an. Es wird sehr schnell dunkel, und entsprechend unheimlich und auch nicht ganz ungefährlich ist es, am Straßenrand entlang zu wandern. Aber wir finden unser Wohnmobil auch ohne Tageslicht, machen unser erstes kanadisches Abendessen in der Mikrowelle – zwei Portionen Fertignudeln aus’m Safeway, die aber erträglich schmecken. Zum Abrunden zwei Brote und anschließend ’ne Menge leckere, knackige m&m’s. Ich mache noch schnell ein paar Notizen zum Tage, dann geht es in die Heia. Zwei große Betten befinden sich in unserem Motorhome – eines direkt über der Fahrerkabine und ein weiteres hinten im Heck neben dem Bad. Jasmin und ich verteilen uns auf die Liegewiesen, und irgendwie schlafen wir dann vor dem Getöse eines Zuges im Hintergrund auch ein…

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